Die Garnele zuckt mit ihrem gefächerten Schwanz, krümmt sich zusammen, liegt kurz still, bis sie nach oben schnellt und sich mit einem Satz aus der Pranke von Marco Schäfer befreien will. 'Da steckt Leben drin', sagt der Landwirt zufrieden und hält das quirlige Tier fest in seiner Hand. Seine Familie versucht, was in Deutschland noch nie geglückt ist. Auf ihrem Bauernhof soll erstmals die Aufzucht der von Feinschmeckern hoch geschätzten tropischen Meerestiere gelingen.
In der ehemaligen Maschinenhalle ist es schwül wie in einem Tropenhaus. Kuschelige 30 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent. Eine Holzkonstruktion - wie ein riesiges Etagenbett - reicht fast bis zur Decke, sie fasst mehrere Becken mit wohltemperiertem und nahezu klinisch sauberem Wasser. Ein ziemlich perfektes Imitat der heimischen Welt im Pazifik. In dem seichten Nass tummeln sich seit einigen Wochen viele Tausend Schalentiere.
Als kaum sichtbare Larven, nur wenige Milligramm schwer, kamen die Baby-Garnelen Anfang November aus dem fernen Florida. 170000 Stück waren es damals, 200 Kilo Luftfracht, sorgsam verpackt in wassergefüllten Plastikbeuteln. Nicht alle dürften überlebt haben. Die anderen aber wachsen prächtig, das lässt die Schäfers hoffen. Bis April sollen die Tiere pro Woche weitere zwei Gramm zulegen und letztlich auf gut 25 Gramm Körpergewicht kommen - dann wäre Erntezeit. 'Wir könnten bis zu 18 Tonnen rausholen', sagt der Senior Heinrich Schäfer. Das brächte nicht nur gutes Geld, sondern wäre auch eine erste Rendite auf die Investition von mehr als einer dreiviertel Million Euro, die der Familienbetrieb gestemmt hat.
Seit 450 Jahren im Syker Land
Seit 450 Jahren schon siedeln die Schäfers im Geeststrich von Affinghausen, das in frühgeschichtlicher Zeit zu den Ländereien des Bistums Bremen zählte und heute zum Landkreis Diepholz gehört. Wie seine Vorfahren auch hat Heinrich Schäfer Landwirtschaft betrieben; die vergangenen Jahre diente der weitläufige Hof als Lohnbetrieb, der mit eigenem Gerät den Nachbarn beim Ackerbau aushalf. Karges Brot. 'Den Bauern geht's ja nicht so gut, ständig wurde da um den Preis gefeilscht', sagt Heinrich Schäfer. Er sah für die Zukunft weder Aus- noch Fortkommen und machte sich deshalb auf die Suche nach Alternativen.
Zuerst pflanzte er auf seinen Feldern Mais und baute zwei Biogas-Anlagen. Fortan verdiente die Familie ihr Geld mit Energie statt mit Kartoffeln und Erntearbeiten. Zur Hälfte Strom, der ins öffentliche Netz eingespeist wird. Zur anderen Hälfte Wärme, die mehrere Wohnungen und das eigene Schwimmbad heizt. Trotzdem blieb noch genug übrig. Also wohin damit? Eher durch Zufall stießen die Schäfers auf die Firma polyplan.
Ursprünglich mit Wasseraufbereitungsanlagen groß geworden, hatten die Bremer Ingenieure eine erste Versuchsanlage aufgebaut. Gefördert vom Land Bremen, haben die Umwelttechniker ein neues Aquakulturkonzept entwickelt. 'Wir wollten beweisen, dass Garnelen umweltschonend und ohne chemische Zusätze gezüchtet werden können', sagt polyplan-Geschäftsführer Stefan Bruns. Dazu sollen sie frisch und lecker sein.
In den Supermarktregalen herrscht beileibe kein Mangel an tropischen Krebstieren. Es gibt sie in jeder Farbe, groß und klein, unter verschiedenen Namen: Shrimps, Tiger Prawns, Gambas. Es gibt sie aus Wildfängen, meist aber aus künstlicher Aufzucht. Dafür werden vor allem in Asien oft massenhaft Mangrovenwälder abgeholzt. Weil sich in den dicht besetzen Becken schnell Krankheiten verbreiten, werden meist Antibiotika zugesetzt. 'Wir schaffen das ohne Medikamente', sagt Bruns. Stattdessen sollen die deutschen Garnelen in Bio-Qualität aufgezogen werden.
Drei Jahre lang wurde die Prototyp-Anlage entwickelt, mit Napfschnecken, Muscheln und Garnelen herumexperimentiert. Schließlich fiel die Wahl auf die 'White Tiger'. Die ersten Chargen wurden im Bremer Feinkostladen 'Grasshoff' verkostet - und für gut befunden. Danach musste man auf dem Weg zur 'Bio'-Garnele noch ein anderes Problem lösen: das Futter. Mit neun Prozent war der Eiweißanteil viel zu hoch. 'Es ist ja nicht umweltgerecht, Unmengen von Fischmehl an die Tiere zu verfüttern.' Die polyplan-Leute reduzierten den Proteinanteil bei dem aus Belgien bezogenen Spezialfutter auf fünf Prozent, 'ohne Einbußen bei der Qualität'.
Parallel lief die Suche nach potenziellen Investoren. Es habe zwar viele Anfragen gegeben, erzählt Bruns, aber zum Schluss seien sie alle wieder abgesprungen. Bis auf die Schäfers, die schließlich von der Bremer Landesbank einen Kredit bekamen und loslegten. Von vielen belächelt, ohne jede öffentliche Förderung, ganz auf privates Risiko. Sohn Marco flog für vier Wochen nach Texas, an die University Corpus Christi, wo seit Jahren an Garnelen geforscht wird. Im Schnelldurchgang lernte er alles über die idealen Temperaturen von Luft und Wasser, den Gehalt an Sauerstoff, Salz und Nitrat.
Durch das flache Wasser in einem der oberen Becken huschen dunkle Schatten. Den Tieren geht es offensichtlich gut. 'Bisher haben wir wohl alles richtig gemacht', sagt Marco Schäfer. Täglich überprüft er die Wasserqualität, schickt die Proben und regelmäßig auch herausgefischte Garnelen zur fachlichen Begutachtung an die Tiermedizinische Hochschule in Hannover. Bislang gab es keine Beanstandungen, die Krebstierchen, die sich in künstlich erzeugtem Meerwasser tummeln, sind bei bester Gesundheit.
Die zehn Becken hängen in einer einfach gehaltenen Holzkonstruktion, bewusst einfach gehalten, um Kosten zu sparen. Die Halle dagegen wurde gedämmt, um die Wärme drinnen zu halten. Täglich werden 500 Liter Frischwasser zugeführt, das mit 20 Gramm Salz auf einen Liter zu reinstem Meerwasser gemacht, ständig belüftet und aufwendig gereinigt wird, sodass in dem quasi geschlossenen Kreislauf keine Rückstände bleiben.
Teurer als asiatische Importware
Angesichts des Aufwands werden die 'Marella'-Garnelen aus Affinghausen, die die Namen von Heinrich Schäfers Enkelinnen - Maren, Mara und Nele - aufgreifen, am Ende mit einem Kilopreis von etwa 35 Euro teurer sein als vergleichbare Frost-Importware, die für 18 Kilo über die Theke geht. 'Dafür werden sie qualitativ besser sein', beteuert Bruns.
Auf der Bremer Fischmesse wird sich die erste Garnelenzucht Deutschlands erstmals der Öffentlichkeit präsentieren, um potenzielle Abnehmer endgültig von den 'Marella'-Shrimps zu überzeugen. Das könnten Gastronomen, Feinkost- oder Fischhändler sein, interessiert sind einige. Es geht aber auch darum, neue Mitstreiter zu finden. 'Ab einer Jahresproduktion von 500 Kilo wäre unser Produkt kommerziell konkurrenzfähig', sagt Bruns. Das wäre ein Zehntel der per anno nach Deutschland eingeflogenen Shrimps-Ware.
Geplant wird derzeit die Gründung einer Vertriebsgesellschaft, unter deren Dach ab März nicht nur die Schäfers, sondern auch künftige Garnelenzüchter ihre Ware bundesweit vermarkten könnten. 'Mindestens zwei weitere Anlagen wollen wir bis Ende des Jahres in Betrieb nehmen', sagt der polyplan-Chef. Eine Lösung, mit der auch die Schäfers leben könnten. Sie haben zwar keine Sorge, ihr Produkt verkaufen zu können, notfalls direkt vom Hof. Aber eines wissen sie auch: Für einen Siegeszug der deutschen Garnelen brauchen sie Partner.
Der Garnelenhof Schäfer (www.garnelenhof.de) präsentiert sich auf Messestand 6B-17. Näheres auch unter www.polyplan-gmbh.de.

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