Es ist der Moment, auf den die rund 250 Gäste aus Verlagen, Politik, Wirtschaft und Kultur gewartet haben, so kurzweilig die Vergabe der anderen Preise bis hierher auch gewesen ist. Fritz Joachim Raddatz, wie er mit vollem Namen heißt, oder 'Effjot', wie er von denen gerufen, die ihn gut kennen, tritt ans Rednerpult, und gleich wird es im Publikum mucksmäuschenstill. Der Porsche-Fahrer, Lebenskünstler und Literat ('Spiegel') ist schlichtweg einer, dem alles zuzutrauen ist, Spannung also, was nun kommt.
Zuerst dies, typisch für den heute 79-Jährigen: Er spricht die Leute an und das auf eine Weise, die verrät, dass Raddatz das Rampenlicht sucht, immer noch. Er begrüßt die 'Gebildeten unter meinen Verächtern, also alle Anwesenden, nehme ich an'. Doch das ist es dann auch mit Selbstbezug, denn der Fokus gehört in dieser denkwürdigen halben Stunde auf jemand anderes gerichtet, auf den Preisträger, auf Joachim Kaiser, der in der ersten Reihe mit Genuss zuhört, wie sein Freund Raddatz ihm Stein um Stein ein Denkmal baut.
Kaiser, so Raddatz, lebt nicht mit der Kunst oder neben ihr - Kaiser, so Raddatz, lebt in der Kunst: 'Er setzt sich ihr aus.' Der Literat und Literaturkritiker bescheinigt dem sicher bedeutendsten deutschen Musikkritiker der vergangenen 50 Jahren den Mut zur Ergriffenheit, 'er verleugnet sie nicht'.
Ein Dirigent und großer Spieler
Und es stimmt ja: Wer Kaiser liest, wird zuweilen mit einem heute selten gewordenen Pathos konfrontiert, der aber - glücklicherweise, meint Raddatz - von frechen und manchmal burlesken Passagen durchbrochen wird. Ein Dirigent, in dem was und wie er schreibt, ein großer Spieler 'und wenn ich genial sagen dürfte, würde ich das tun', sagt Raddatz, 'aber genial sind heute Strumpfhosen oder Anti-Falten Cremes, also sage ich souverän'.
So souverän, wie der Laudator selbst, wie er da am Pult steht, zwischendurch sehr nach vorne gebeugt, als wollte er den Leuten etwas einbläuen. Völlig unaufgeregt und ohne Eile, was wundert, denn Raddatz muss zum Zug, er will am Abend noch nach Hamburg und sieht angesichts des verrutschten Zeitplans schon fast keine Chance mehr. Am Ende kann er von den Veranstaltern aber besänftigt werden, zur Not nimmt er eben ein Taxi.
Der Theodor-Wolff-Preis, den Joachim Kaiser, dessen Urteil nicht selten über das Wohl und Wehe von Aufführungen und Künstlern entscheidet, für seine journalistische Lebensleistung bekommt, ist ein Preis der deutschen Zeitungen. Dahinter stehen gut 300 Verlage, einer davon, die Bremer Tageszeitungen AG, ist an diesem Tag Gastgeber. Vorstand Ulrich Hackmack nutzt seine Rede und spricht von den Gefahren für die Pressefreiheit. Mal, so Hackmack, ist es die Politik, die den Journalisten einen Maulkorb verpassen will, mal sind es die Journalisten selbst, die ihr Handwerk vergessen und sich damit angreifbar machen. Und mal sind es die Verleger, die, so Hackmack, 'aus Gründen der Profitmaximierung nur noch sparen und dabei ihre gesellschaftspolitische Aufgabe, eine freie und unabhängige Berichterstattung zu ermöglichen, hinten an stellen'.
Ein Loblied auf Qualität
Eine starke Mahnung für die Verleger unter den Gästen, doch womöglich wird sich niemand von ihnen angesprochen fühlen, denn egal von wem man es hört an diesem Abend: allen geht es darum, die journalistische Qualität ihrer Blätter noch zu erhöhen - um genau solche Ergebnisse zu erzielen: Eine ungemein akribische journalistische Dokumentation über den milliardenteuren Tunneleinsturz von Köln. Eine Reportage über eine Frau, die sich seit Jahren für einen Obdachlosen engagiert, der halb im Wald lebt und in dem Text ebenfalls ein Gesicht bekommt. Das Stück über die Lebensumstände somalischer Piraten, geschrieben von einem Auslandkorrespondenten. Die farbenreiche Schilderung einer Hausgemeinschaft in Berlin - ehemals Hausbesetzer, heute Hausbesitzer. Oder die scharfsinnige Analyse einer Journalistin, die den familienpolitischen Anspruch von Elternzeit und Vätermonaten auseinandernimmt. Der Titel sagt es schon: Vater Morgana. Alles Stücke, die Preise bekommen.
Sie gehen an die Jungen oder die nicht mehr ganz so Jungen. Die Alten, und sie würden auf diesen Begriff bestehen, das sind Kaiser und Raddatz. Zwei Institutionen im deutschen Journalismus. Joachim Kaiser, 81 Jahre alt, hat den Theodor-Wolff-Preis schon einmal gewonnen, vor 44 Jahren war das, 1966. So lange hält er sich schon an der Spitze, preisverdächtig lange, und deshalb die neuerliche Ehre für ihn.





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