Arbeitsmarktvergleich

 - 05.10.2009

Bremen hat die meisten Minijobber

Von Petra Sigge
Bremen. Ganz zu Hause bleiben wollte Nicole Rothfuß nie. Auch nicht, als ihre Kinder geboren waren. "Ich habe immer schon dazuverdient", erzählt die 43-Jährige. Seit 2001 arbeitet sie auf 400-Euro-Basis als Packerin in einem Betrieb, der Haushaltsgeräte repariert. Ein eher krisenfester Job,wie sie festgestellt hat. "In diesen Zeiten schmeißen die Leute nicht mehr so schnell was weg, sondern bringen es lieber zur Reparatur." Nicole Rothfuß ist zufrieden mit ihrer Arbeit und der Bezahlung. Doch seit das erste Kind in eine eigene Wohnung gezogen ist, ist das Geld knapper geworden.
Jobs
Die Nachfrage nach neuen Mitarbeitern ist derzeit verhalten, sagt die Bundesagentur für Arbeit.


Am liebsten würde die Bürogehilfin ja in ihrem erlernten Beruf arbeiten. Doch dazu müsste sie sich erst mal nachschulen lassen. Die teuren Kurse könne sie sich nicht leisten, sagt sie. "Die Frage ist ja auch, wer will denn heute schon eine 43-Jährige einstellen?" Die Bremerin glaubt nicht mehr an die Chance auf eine Vollzeitstelle. Bisher waren all ihre Versuche in diese Richtung vergeblich. Sie sucht jetzt einen zweiten Minijob.
Nicole Rothfuß ist nur eine von vielen. Besonders in Bremen ist die Zahl der geringfügig Beschäftigten rasant gewachsen. Im Bundesländervergleich ist Bremen in diesem Bereich der Spitzenreiter. Auf 1000 Einwohner kommen hier mittlerweile 106 Minijobber - so viele wie in keinem anderen Bundesland. Die klassische Vollzeitstelle, so stellt Jan Erik Farke, Referent für Wirtschaftspolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen fest, ist auf dem Rückzug. Sie verliere als Regelfall des Beschäftigungsverhältnisses immer mehr an Bedeutung.

Dabei sieht die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt im Verlauf der letzten Jahre auf den ersten Blick gar nicht mal so schlecht aus, wie das neu erschienene Statistische Jahrbuch Kammer zeigt. Danach ist die Erwerbstätigkeit im Land Bremen zwischen 2000 und 2008 um 1,5 Prozent und die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung insgesamt um 0,5 Prozent leicht gestiegen.
"Das Ganze hat aber einen wesentlichen Makel", sagt Farke. Zeigt sich doch, dass die sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung gleichzeitig um 3,5 Prozent geschrumpft ist. Farke: "Der Beschäftigungsaufbau vollzog sich also vor allem im Bereich der prekären Erwerbstätigkeit." So legte die Teilzeitarbeit um 21,1 Prozent zu, die Zahl der geringfügig entlohnten Minijobs um 20,8 Prozent. Den deutlichsten Zuwachs (plus 135,3 Prozent) gab es bei der Zeitarbeit.

Leiharbeitnehmer verdienen laut Kammer bis zu 40 Prozent weniger als die Stammbelegschaften. Ihre Löhne fielen deshalb oft in den Niedriglohnbereich oder sogar unter die Armutsgrenze. Nach jüngsten Zahlen sind in Bremen derzeit rund 4,5 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer aufgrund zu niedriger Einkommen auf staatliche Unterstützung angewiesen. Zwei Drittel von ihnen arbeiten Vollzeit. Von den geringfügig Beschäftigten bekommt sogar jeder Fünfte gleichzeitig noch ergänzende Sozialleistungen.

11.700 Leiharbeiter in Bremen

"Prekäre Beschäftigung ist längst kein Randphänomen mehr", sagt Farke. Bei rund 285.000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmern gibt es im Land Bremen rund 70.000 geringfügig Beschäftigte und 11.700 Leiharbeiter. "Das sind schon Größenordnungen, die relevant sind", meint der Referent. In manchen Branchen gehören prekäre Beschäftigungsverhältnisse bereits zur Normalität, wie bundesweite Erhebungen belegen. Danach ist der Anteil der vollzeitbeschäftigten Niedriglöhner in Friseur- und Kosmetiksalons mit 85 Prozent am höchsten, gefolgt vom Taxigewerbe und der Zeitarbeitsbranche. Die meisten Reinigungskräfte gehören wie die Beschäftigten in Hotels und Gastronomiebetrieben ebenso zu den Geringverdienern. Auch eine qualifizierte Ausbildung schützt nicht vor Billiglöhnen: Jede zweite Zahnarzthelferin muss sich laut Statistik mit einem Niedriglohn begnügen, in den Arztpraxen sind es 39 Prozent der Beschäftigten.

Aus Sicht der Kammer bedarf es dringend einer Neuregelung des Arbeitsmarktes. Dazu gehöre die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns ebenso wie die Durchsetzung einer zeitlichen Begrenzung und gleicher Löhne für die Leiharbeit. Jeder weitere Aufschub wäre fatal, meint Referent Farke: "Die wenigsten prekär Beschäftigten können von ihrem Einkommen etwas für die Altersvorsorge beiseitelegen. Viele haben zudem keine Rentenansprüche und werden damit zu den Sozialfällen der Zukunft."

Auch Minijobberin Nicole Rothfuß hat zwar immer gearbeitet, bisher aber nie in die Rentenkasse eingezahlt. Und für eine private Vorsorge habe es finanziell nicht gereicht. "Wenn ich ans Alter denke, wird mir schon schummerig", gibt sie zu. "Aber wir haben ja unser Haus. Da muss ich mir wenigstens wegen der Miete keine Sorgen machen."




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