Es waren die Führungsspieler Torsten Frings und Per Mertesacker, die das Wort "Titel" von der Tafel wischten. Vor allem Mertesacker. Dessen rettender Kopf hatte zuvor noch für Erleichterung und zumindest einen Punkt gesorgt, nach dem Abpfiff nutzte der Innenverteidiger Hirn statt Stirn und verwies ferne Ziele in den Wartestand: "Natürlich sind wir eine Mannschaft, die zurzeit im Fokus steht", sagte Mertesacker, "aber es bringt uns nichts, von irgendwelchen Titel zu sprechen, die erst im Sommer vergeben werden."
Frings sprach immerhin davon, dass das Gerede von der Meisterschaft "auch ein bisschen leichtsinnig" sei. Beide widersprachen damit einem ihrer wichtigsten Vorgesetzten: Klaus Allofs, der unter der Woche in einem Interview - quasi als Kampfansage an die Konkurrenz - Werders Titelambitionen unterstrichen hatte.
Allerdings war das Bremer Spiel auch nicht dazu prädestiniert, Schalenträume zu befeuern. Dementsprechend hatte Thomas Schaaf hatte so einiges auszusetzen: "Meisterschaft? Wenn ich nur das erste Tor sehe... Da haben wir doch schon zweimal den Ball." Sebastian Boenisch und Naldo meinte der Trainer, doch das Abwehrduo ließ sich von Edin Dzeko hübsch düpieren.
Dabei kam der Bosnier aus einer Situation, die eigentlich nicht im geringsten etwas mit Torgefahr zu tun gehabt hatte. Ein langer Ball von Karim Ziani hatte ihn im Niemandsland der Bremer Hälfte erreicht, und da kein Teamkollege mitgelaufen war, lief eben Dzeko. Erst an der Seitenlinie entlang, dann in das Bremer Deckungspaar hinein, bis er am Ende frei vor Wiese zum Abschluss kam (42.).
Beim zweiten Gegentreffer wurde Dzeko freundlich vom bis dahin tadellosen Mertesacker begleitet und schoss ein (84.). Dass Werder über die gesamten 90 Minuten den Gegner dominierte, machte sich auf der Anzeigetafel nur zweimal bemerkbar: nachdem erst Hugo Almeida zum 1:1 (62.) und dann Mertesacker ausgeglichen hatten.
So war Schaafs Aufzählung der Bremer Problemzonen ungewöhnlich lang. Die reichten von der "fehlenden Balance zwischen Defensive und Offensive" über "defensive Nachlässigkeiten" und "mangelndem Durchsetzungswillen" bis hin zum "fehlenden Tempo". Deshalb fasste der Chefcoach zusammen: "Es wäre mehr drin gewesen."
Denn Chancen waren ja auch da, wie durch Almeida (5./31.), Naldo (35.) oder Marko Marin (57.). Vor allem aber ihren sonst gern praktizierten Hochgeschwindigkeitsfußball ließen die Werderaner schmerzhaft vermissen. Vielleicht wäre er das Mittel gewesen gegen die ebenso massive wie disziplinierte Wolfsburger Defensive.
Kaum ein Durchkommen gab es da. Hatte Werder den Ball erobert, war der Gast längst wieder in Position: die Viererkette kurz vor dem Strafraum, davor zwei Abfangjäger und dann drei weitere Mittelfeldmänner auf einer Linie 30 Meter vor dem eigenen Tor - einzig Dzeko oder auch mal Grafite lauerten dann allein am Mittelkreis auf Konter.
"Das sah heute nicht meisterlich aus", fand auch Per Mertesacker. Spielerisch blieb das unwidersprochen, andererseits galt aber auch: Die Mannschaft gab die Hoffnung nie auf. Bestes Beispiel war Tim Wiese. Der Torwart stürmte schon eine halbe Minute vor Ende der regulären Spielzeit zu einer Ecke in den Wolfsburger Strafraum und beschrieb nachher den wesentlichen Pluspunkt der Bremer Vorstellung: "Immer weiter nach vorne spielen, auch wenn in der 84. Minute das Gegentor fällt. Heute haben wir es erzwungen."
Der zweite Last-Minute-Punkt nach dem 2:2 in Nürnberg vor vier Wochen bot noch einen hübschen Randaspekt. Nicht nur die Serie hielt - Werder ist mindestens bis Sonntag Abend da, wo am Ende der Saison der Meister steht: auf Platz eins.

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