Ein Beispiel aus Gröpelingen: Seit 1978 steht der Rohbau in der Adelenstraße/Ecke Meyenburger Straße leer. Die Drei-Zimmer-Eigentumswohnung im Obergeschoss ist nicht begehbar, weil es keine Treppe gibt. Das Dach ist undicht, die Loggia von Einsturz bedroht, Küche und Bad sind nicht vorhanden. Seit mittlerweile fünf Jahren soll die Wohnung zwangsversteigert werden. Doch nicht das ganze Haus wird angeboten, sondern nur die obere Wohnung. Aber wer kauft schon eine Immobilie, die seit 31 Jahren vor sich hingammelt? Also müssen die Nachbarn weiterhin mit diesem Schandfleck leben. Bremerhaven trifft es viel schlimmer. Weil es immer weniger Einwohner und Mieter gibt, wachsen die Wohnungsleerstände. Es sind schon 5000 in der Seestadt. Zuerst trifft es schlecht gemanagte Immobilien mit maroder Bausubstanz. Die Verwahrlosung sei 'ein schleichender Prozess', hat Bremerhavens Bau- und Umweltdezernent Volker Holm festgestellt, Dieser Prozess beginnt mit einem unauffälligen Leerstand, der nach und nach in einem Wohnblock und später in der ganzen Straße um sich greift - wie ein fauler Apfel in einem Obstkorb. Gut zu beobachten in den Stadtteilen Lehe und Geestemünde. Doch Bremerhaven steht mit dem Thema Schrottimmobilien nicht allein da: Der demografische Wandel mit abnehmender Wohnbevölkerung trifft schon etliche Städte und Gemeinden. Holm spricht von einem 'flächigen Problem' in ganz Deutschland. Kommunen mit einem sanierungsbedürftigen Fachwerkbestand seien besonders gefordert. Wie groß der Problemdruck mittlerweile ist, macht dieses Beispiel deutlich: Das Interesse an einer bundesweiten Fortbildung zum Thema sei riesengroß gewesen, berichtet Holm. In Bremerhaven greifen die Behörden jetzt durch. Im Sommer hat die Stadt ein Ortsgesetz verabschiedet, das der Kommune mehr Handlungsmöglichkeiten gibt. Laut Magistratsbeschluss sollen heruntergekommene Immobilien abgerissen oder, falls es die Bausubstanz noch erlaubt, saniert werden. Rund 36 Gebäude stehen auf einer Liste, für 16 hat die Stadt bereits ein Vorkaufsrecht. Dies setzt aber voraus, dass es die Stadt mit handlungsfähigen Eigentümern zu tun hat. Doch in vielen Fällen tauchen die einfach ab: Sie gehen nicht ans Telefon, ignorieren amtliche Schreiben oder lassen Termine platzen - und den Behörden sind die Hände gebunden, weil sie rechtlich auf dünnem Eis stehen. Neu ist in Bremerhaven: Die Stadt kann jetzt sogar per Gerichtsbeschluss einen Vormund bestellen, wenn der private Eigentümer sein Haus verwahrlosen lässt. Andere Probleme gibt es in der Seestadt mit Spekulanten. Sie haben Schrotthäuser erworben und das Wohneigentum zu Dumpingpreisen an ahnungslose Anleger verscherbelt. Doch dann ließen die Spekulanten die Mehrfamilienhäuser verfallen, die versprochenen Gewinne blieben aus, und die Anleger guckten in die Röhre. Die Ruinen verwandelten sich in gefährliche Spielplätze, Drogensüchtige und Obdachlose finden hier Unterschlupf. Alle rechtlichen Möglichkeiten einer Kommune, gegen Schrottimmobilien und deren Besitzer vorzugehen, habe man in Bremerhaven durchgespielt, versichert Dezernent Holm. Das Ausschöpfen der bisherigen Möglichkeiten sei in allen Fällen mit erheblichem Verwaltungsaufwand verbunden. Was fehlt, ist nach Holms Ansicht ein im Bundesbaugesetz verankertes Enteignungsrecht aus Gründen des Allgemeinwohls. 'Wir brauchen ein schärferes Instrument.' Damit es in Bremen erst gar nicht soweit kommt, verlangen die Bündnisgrünen aussagekräftige Statistiken über Anzahl und Zustand verwahrloster Grundstücke, die in Privateigentum sind. Gefragt wird auch, ob das Bremerhavener Modell auf die Stadtgemeinde Bremen übertragbar ist.


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