Wie groß dabei der Anspruch ist, die unsinnige Trennung zwischen U- und E-Musik aufzuheben, sei dahingestellt. Das haben andere Künstler schon früher und überzeugender getan, hier wird das U wie Unterhaltung groß geschrieben, und wenn dabei klassische Werke ganz selbstverständlich neben Popsongs stehen und beides vom Publikum gleichermaßen gefeiert wird, dann muss niemand mehr haarspalterische Diskussionen führen.
Die skurrilen Faxen und Eskapaden von Musikern und Besuchern, die das britische Vorbild The Last Night Of The Proms prägen, halten sich hier in Grenzen. Das Bremer Publikum ist da wohl hanseatisch reservierter als das Londoner, aber die Einladung zum Tanz durch die Stuhlreihen zu Peter Tschaikowskis 'Blumenwalzer' nimmt es gerne an. Es pfeift auf Kommando zu Gioachino Rossinis 'Diebischer Elster', lässt sich von Moderator Uwe Bahn dazu animieren, auch bei den klassischen Werken mitzuklatschen, und es verbringt für norddeutsche Verhältnisse einen euphorischen Abend.
Es braucht allerdings einen Moment der Eingewöhnung, bis sich der Zuhörer auf die dann doch ungewohnte Akustik einlassen kann. Ein Orchester in einer solchen Halle geht natürlich nur über Verstärkung, das von der Klassik gewohnte räumliche Klangbild wirkt zunächst eindimensional und flach. Dank eines herausragenden Sounddesigns, das sowohl die Stimmen als auch sämtliche Instrumente sehr detailliert und differenziert abbildet, die Bässe wuchtig wie im Pop präsentiert und die Lautstärke dabei nicht übertreibt, stellt sich allerdings schnell der erwartete Hörgenuss ein.
Das 75-köpfige Orchester Il Novecento unter der Leitung von Robert Groslot, ergänzt um den Chor Fine Fleur und Rockmusiker in der so genannte 'Electric Band' sind Konstanten bei den Proms. Sie sind sowohl in den klassischen Alleingängen wie auch als Begleiter der Gaststars traumwandlerisch präzise, ausdrucksstark und lebhaft. Das lässt sich auch von den ungarischen Brüdern Peter und Zoltan Katona sagen, die auf ihren akustischen Gitarren den Bogen von Klassik über Folk bis hin zum Rock schlagen. Den Hang dieser Veranstaltung, verschiedene Stücke zu Medleys zu verwursten, frönen auch sie und laden die Zuschauer zum Melodienraten zwischen Michael Jackson und Nirvana ein.
Deutlich gewagter in diesem Zusammenhang ist der Auftritt von Christina Stürmer. Ihre Rockstimme ist allerdings alles andere als dünn, sie trägt mühelos durch die gigantisch arrangierten Versionen ihrer Hits, und die junge Österreicherin überzeugt ein Publikum, das sicher entschieden älter ist als ihre Stammklientel. Einziges Manko sind ihre trivialen Texte.
Nicht wirklich überzeugen kann hingegen der Auftritt von Heaven 17, die kurioserweise noch nie zuvor auf deutschen Bühnen standen. Zum einen erzielt das warme Orchester-Klangbild nicht die ursprüngliche Atmosphäre des coolen Synthie-Pops, zum anderen ist Glenn Gregory ein eher durchschnittlicher Vokalist. Erst die volle Soulstimme von Background-Sängerin Liv van Aelst verleiht ihrem Superhit 'Temptation' die nötige Durchschlagskraft.
Auch Alan Parsons Stärke ist nicht der Gesang, deshalb hat sich der sichtlich angeschlagene Soundtüftler den zappeligen, aber stimmgewaltigen PJ Olsson an die Seite geholt. Beide stehen spürbar unter dem Eindruck des Todes von Eric Woolfson, dem Mitbegründer des Alan Parsons Projekts, vor zwei Wochen. Ihm widmen sie ihren Auftritt und erhaltene stehende Ovationen für ihre bewegende Performance. Noch ergriffener ist das Publikum von der Rückkehr Roxettes nach achtjähriger Bühnenpause. Sängerin Marie Fredriksson wirkt nach mehrjähriger Erkrankung noch immer geschwächt, aber kämpferisch. Spürbar genießen die Schwedin und ihr Partner Per Gessle, dass ihre Pophymnen noch immer frenetisch gefeiert werden.
'Music (was my first love)' ist ein Song, der musikalisch wie programmatisch für die Nokia Night Of The Proms steht wie kein anderer. Sein Schöpfer John Miles ist eine Institution dieser scheinbar unendlichen Reihe, und so sind seine Auftritte mit diesem Epos oder Led Zeppelins 'Stairway to heaven' weitere Höhepunkte der rockenden Klassik-Nacht. Nach Ende der dreistündigen Show beginnt der Vorverkauf für das kommende Jahr.





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