"Es gibt zwei Gruppen, die im Vollzug immer scheitern: diejenigen, die unter einem Helfersyndrom leiden, und diejenigen, die meinen, dass sie hier besonders hart sein müssen", sagt Amtsinspektor Oliver Nass, der seit zwanzig Jahren ist er in der Oslebshausener Justizvollzugsanstalt arbeitet. Der drahtige Glatzkopf betreut die Ausbildung der künftigen Justizvollzugsbeamten. Sechs Wochen lang hat ein Kamerateam die Anwärter begleitet.
"Die meisten Leute wissen gar nicht, worauf sie sich einlassen. Wer hier arbeitet, der sollte im eigenen Interesse ein höfliches, aber bestimmtes Auftreten haben", gibt Nass seinen Auszubildenden am ersten Tag mit auf den Weg. Die zwei Frauen und zwei Männer sind zwischen 21 und 31 Jahren alt. Erste medizinische und psychologische Tests haben sie hinter sich. Aus 368 Bewerbern sind sie als Anwärter auf einen der begehrten Posten als Justizvollzugsbeamter ausgewählt worden - einem der krisensichersten Jobs der Republik. Um ihr gemeinsames Ziel der Verbeamtung auf Lebenszeit zu erreichen, müssen die vier Anwärter sich nun in ihrer Ausbildungszeit als tauglich erweisen.
Was bewegt die Kandidaten, ihre Energie in die Resozialisierung von Straftätern zu stecken? Warum begeben sie sich freiwillig in eine Umgebung, in der man stets auf der Hut vor tätlichen Angriffen sein muss? Sind sie dem psychischen Druck gewachsen? Das sind Kernfragen, die die Reportage laut ihrem Trailer beantworten will. Tatsächlich gelingt es der Sendung, ein intimes Bild vom professionellen Leben hinter den Gefängnismauern zu zeichnen. Die Kamera wohnt dem Alltag der Häftlinge und ihrer Aufseher hautnah bei. Selbst ihre Lebensbeichten breiten einige Insassen vor dem Filmteam aus. Die Auszubildenden sprechen freimütig über ihre Beweggründe, Ängste und Erfolge. Sogar die unverblümte Schelte des Ausbildungsleiters an seinen Schützlingen bekommen die Zuschauer zu hören. Unpassend wirken allerdings die teils reißerischen Texte, die eine Erzählerstimme zwischen die Szenen einstreut. Nachdem etwa ein Häftling von Geschehnissen in seiner Familie berichtet, lautet der Kommentar aus dem Off: "Die Mutter tot, der Sohn im Knast - schlimme Schicksale".
Die JVA-Leitung hat lange überlegt, ehe sie die Drehgenehmigung erteilte. Das Konzept und der gute Ruf der Produktionsfirma gaben letztlich den Ausschlag. „Wir wollen, dass sich die Bevölkerung ein Bild davon machen kann, was in der Justizvollzugsanstalt passiert“, erklärt die Sprecherin des Justizressorts, Marion Weinandy. Die Dokumentation berge die seltene Gelegenheit, der Öffentlichkeit den Berufsalltag von Justizvollzugsbeamten näher zu bringen. „Das ist eine sehr anspruchsvolle und vielseitige Tätigkeit“, sagt Weinandy. Außerdem könne seriöse Berichterstattung über das Leben hinter Gittern sich durchaus positiv auf Resozialisierung der Gefängnisinsassen auswirken. Vor der Ausstrahlung haben Mitarbeiter der JVA jede Szene begutachtet, um keine sicherheitsrelevanten Informationen preiszugeben. Außerdem mussten die Persönlichkeitsrechte derer gewahrt bleiben, die nicht im Fernsehen erkannt werden wollten. Die Dreharbeiten bedeuteten für das JVA-Personal vor allem mehr Arbeit. Mit zwei bis drei zusätzlichen Kräften begleiteten sie das Kamerateam, um keine Sicherheitslücken entstehen zu lassen.
Die erste Folge der Reportage-Serie ist bereits am vergangenen Sonntag gelaufen. Ob alle Anwärter bis ans Ende ihrer Ausbildungszeit durchhalten, stellt sich in den drei weiteren Teilen heraus, die Kabel 1 an den kommenden Sonntagen jeweils um 20:15 Uhr ausstrahlt. Ausbildungsleiter Nass hat seine Azubis schon einmal ausdrücklich vor den anstehenden Herausforderungen gewarnt: "Das Wichtigste, worauf man aufpassen muss, ist die Seele! Denn die kann ganz schnell kaputtgehen, weil man hier viele, viele Menschen kennen lernt, mit ganz vielen Schicksalen - und das nimmt man auch mit nach Hause."


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