975. Bremer Freimarkt

 - 31.08.2010

Mittelalter-Spektakel zur Markteröffnung

Von Arno Schupp
Bremen. Das Schreiben ist für heutige Verhältnisse eher etwas schwülstig, fast schon ziemlich dick aufgetragen. Aufgesetzt wurde es von einem, der sich selbst das Prädikat 'unbesiegbar' verliehen und 'durch göttliche Gnade' die Position des römischen Kaisers erklommen hat. Was dieser Kaiser Konrad am 16. Oktober 1035 bescheinigte, hat das öffentliche Leben in Bremen entscheidend verändert. Konrad verlieh der Stadt - genauer gesagt dem Erzbischof Bezelin - die Marktrechte. Und damit war der Bremer Freimarkt geboren, der in diesem Jahr sein 975-jähriges Jubiläum feiert.
Eins der wichtigsten Aushängeschilder der Hansestadt ist der Bremer Freimarkt, der jährlich über vier Millionen Besucher anlockt.
Eins der wichtigsten Aushängeschilder der Hansestadt ist der Bremer Freimarkt, der jährlich über vier Millionen Besucher anlockt.

Rund um diese Urkunde, ihre Überbringer und die Entstehungsgeschichte des Bremer Freimarktes hat Carl Hans-Röhrßen vom Schaustellerverband ein Schauspiel gestrickt, das im Jubiläumsjahr die übliche Freimarktseröffnung flankieren wird. Noch ist das Programm zwar nicht bis ins letzte Detail durchgeplant, doch der große Rahmen steht, wenn auch an der einen oder anderen Stelle 'etwas getürkt' wurde, wie Röhrßen einräumt. So wird der kaiserliche Gesandte beispielsweise mit einer Kogge an der Schlachte anlanden - 'was ja eigentlich nicht mehr geht, denn zwischen den zwei Brücken kann man ja nicht mehr so rumsegeln', sagt Verbandsmitglied Röhrßsen.

Und an noch einer Stelle wird die Historie leicht abgewandelt: Ursprünglich wurde die Urkunde an den Bremer Erzbischof Bezelin übergeben. In der Neufassung der Geschichte soll jedoch der Bremer Bürgermeister das Schreiben in Empfang nehmen. 'Jedenfalls wenn er Zeit haben sollte', sagt Röhrßen, denn Bürgermeister Jens Böhrnsen wird zur Freimarktseröffnung am 15. Oktober vermutlich in seiner Funktion als Präsident des Bundesrates unterwegs sein. Doch wenn Böhrnsen nicht kann, müsse eben ein anderer seine Rolle übernehmen, meint Röhrßen. Das sieht er ganz pragmatisch.

Carl-Hans Röhrßen
Carl-Hans Röhrßen

Ort des Geschehens wird in diesem Jahr der Grasmarkt sein, also der Teil des Bremer Marktes, der genau zwischen Rathaus und Dom liegt - zwischen den beiden großen Kräften, die über Jahrhunderte in Bremen miteinander gerungen haben. 'Auch dieser Teil der Gesichte soll in das Schauspiel zur Freimarktseröffnung einfließen', kündigt Röhrßen an. 'Schließlich muss deutlich gemacht werden, dass die Bremer Bürger schon damals sehr selbstbewusst gewesen sind.'

Ein großes Schauspiel soll es werden, mit allerlei 'Kostümen von anno Tobak' verspricht Röhrßen. Echte Majestäten aus der Region will er einladen - von der Kartoffelkönigin bis zur Apfelkönigin. Eine Schauspielerin soll die Gräfin Emma spielen, der die Bürger immerhin den Bürgerpark und die Bürgerweide verdanken. Es wird einen waschechten Roland geben, und aus Bremens Partnerstadt Rostock sowie von den anderen Märkten aus der Region sollen Delegationen kommen.

Marktleute in Originalgewändern

Nicht zuletzt darf natürlich auch die Figur des Erzbischofs nicht fehlen, 'den ein Vertreter der Domgemeinde spielen wird', sagt Röhrßen. Und um das ganze Schauspiel noch mit ordentlich Volk und Marktleuten in Originalgewändern zu flankieren, will der 80-Jährige die 'Fogelvreien' dazuholen, die in Bremen unter anderem vom mittelalterlichen Weihnachtsmarkt bekannt sein dürften. So wird es zur Jubiläumsausgabe einen Ausflug in die Anfänge des Freimarktgeschehens geben, das sich nach der Übergabe dieser Urkunde entwickelt hat.

Der Markt war jedoch nicht von Beginn an bunt. Zunächst zog es vor allem Krämer und Wandersleute mit ihren Waren nach Bremen. Sie machten besonders im Herbst gute Umsätze, weil da die Bauern in die Stadt kamen, um ihre Einkäufe für den Winter zu tätigen. Nach und nach entdeckte das fahrende Volk den Bremer Markt. Spielleute kamen, Gaukler und Possenreißer, Marktschreier überboten sich mit Superlativen und verkauften das feinste Tuch und die edelsten Gewürze.

Doch trotz des fahrenden Volks blieb der Freimarkt fast 800 Jahre lang vor allem ein Warenmarkt. Erst seit Anfang des vorigen Jahrhunderts wandelte er sich zu einem 'Jahrmarkt', kamen mehr und mehr Buden, Zelte und später auch die ersten Fahrgeschäfte hinzu.

Doch es gab auch weniger ruhmreiche Episoden im Laufe des Freimarktes. Dem damaligen Zeitgeist entsprechend, war im Jahr 1445 auf dem Bremer Marktplatz erstmals ein Löwe zu bestaunen. Später kamen weitere exotische Tiere hinzu, und vom 17. bis zum 19. Jahrhundert wurden sogar Menschen zu Schauobjekten. 1687 war es der 'Hottentott' aus Afrika, die 68 Zentimeter 'kleine Mademoiselle' wurde 1799 in Bremen vorgeführt und 1938 außerdem der am ganzen Körper behaarte 'Löwenmensch Lionel'.

Der 975. Freimarkt findet vom 15. bis zum 31. Oktober auf der Bürgerweide statt.






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