Das beeindruckende Set endet mit einer ergreifenden Version des 60er-Jahre-Klassikers „Remember (Walking in the Sand)“ der Shangri-Las. Im Anschluss daran präsentierte sich ein Ensemble, welches ein wildes weltmusikalisches Crossover versprach: Bethany Yarrow, us-amerikanische Folk-Sängerin mit tiefer kräftiger Stimme bildet eine permanente Formation mit Rufus Cappadocia (Laute und Cello) und dem afrikanisch-haitianischen Perkussionisten Gaston „Bonga“ Jean Baptiste.
Für einige Auftritte wird das Trio mit dem Flötisten und Sänger Yacouba Moumouni aus Niger verstärkt. Gemeinsam interpretierten sie nordamerikanische Folksongs und traditionelle bluesige Work-Songs der Sklavenarbeiter auf völlig neue Art und Weise. Besonders die schnellen jazzigen Flötensoli im Zwiegespräch mit der weichen eindringlichen Stimme Yarrows rissen das Publikum mit. Die letzten Konzerte des Abends waren auf allen Bühnen den eingängigeren Klängen vorbehalten.
Im Bremen-Vier-Zelt begeisterten One Fine Day mit modernen Powerpop das jüngere Publikum. Wermutstropfen war hier der alles überlagernde wummernde Bass. Saint Jude aus London unterhielten mit klassischen Rock die Zuschauer vor der Weltbühne. Auf einem rollenden Fundament mit perkussiv fauchender Orgel saßen satte, röhrenverzerrte Gitarrenlicks. Sängerin Lynne Jackaman präsentierte sich als kompetente Rockröhre. Das Ganze wirkte äußerst professionell, aber leider auch etwas zu glatt und vorhersehbar.
Freunde alternativer Sounds beschlossen derweil im Flut-Zelt den Abend mit der achtköpfigen Formation Jamaram. Mit ihrem exotisch gewürzten Reggae-Sound haben die Musiker ihre Heimat München längst verlassen. Die Melodien und Soli klangen teilweise arabisch, ihr Party tauglicher Off-Beat überschritt durch sein höheres Tempo oftmals die Grenze zum Ska.
Klangbilder mit Wolkenbruch am Freitag
Überwiegend sieht man fröhlich grinsende Gesichter, als pünktlich zur Hauptgeschäftszeit der Breminale am Freitagabend gegen 20.30 Uhr ein Wolkenbruch über dem Gelände niedergeht – zumindest bei denen, die es rechtzeitig in eines der Zelte geschafft haben. Jemand sagt: „Jetzt ist erst richtig Breminale.“ Schlimmer wird es dann auch nicht. Es nieselt zwar später noch ein wenig, aber das angekündigte Unwetter, weshalb bei einigen Zelten noch schnell die (wegen der Wärme entfernten) Seitenwände eingehängt werden, bleibt aus. Auch der Andrang zum Festival auf den Weserwiesen scheint durch den Wolkenbruch nur kurzfristig gestoppt später am Abend schieben sich wahre Massen über das Gelände. Zum Auftritt von Polarkreis 18 bildet sich ein riesiger Pulk vor dem Bremen-4-Zelt, das ohnehin schon gerammelt voll ist. Nur von Ferne kann man Blicke auf das passend zum Namen und zum letzten Album „The Colour of Snow“ ganz in polarweiß gekleidete Quintett um Frontmann Felix Räuber werfen, das bei seinem Auftritt von einer aufwendigen Laser-Lightshow unterstützt wird. Zwei Stunden später, als die Band Selig auf der Bühne steht, ist das Gedränge und Geschiebe womöglich noch schlimmer geworden. Seligs Deutschrock war in den Neunzigern ziemlich populär, und nun ist die Band um Jan Plewka nach fast zehnjähriger Pause auf die Bühnen zurückgekehrt, und mit ihrem neuen Album gleich in die Charts eingestiegen. Kein Wunder, dass nun alle diese Band zum Nulltarif(!) sehen wollen. Noch vor besagtem Wolkenbruch buchstabiert im Weltbühne-Zelt, traditionell an diesem Abend von Radio Bremen live übertragen, ein Trio krachend das Rock-ABC: RBC nennt sich das Dreigestirn aus den USA, England und Kanada nach den Nachnameninitialen der Beteiligten Prince Robinson, Colin Bass und Denis Clement.
Mit Vibratobügel verzerrtem Gitarrenrock
Interessant in diesem Zusammenhang, dass Bass und Clement aktuell auch zwei Drittel des alten britischen Artrock-Trios Camel ausmachen. Auswirkungen auch auf den RBC-Sound finden sich aber nur sporadisch, überwiegend setzt das Trio auf fetten, mit dem Vibratobügel verzerrten Gitarrenrock mit gelegentlichen Bluesbezügen. Es folgt etwas völlig anderes: Jazz mit Tiny Tribe, und zwar ein verspielter und in großen Bögen angelegter Jazz, der mit Elektronik ebenso spielt wie mit Weltmusik-Floskeln.
Der Bremer, mittlerweile in Köln beheimatete Gitarrist Florian Zenker ist Kopf dieser Band, die eigentlich ein Trio ist, sich aber hier mit dem Trompeter Matthias Bergmann verstärkt hat. Der Sound von Tiny Tribe zielt auf Intimität und wirkt manchmal etwas verloren in dem großen Zelt. Man würde diese Band gerne noch einmal im Club erleben. Kogge Pop Summer-Camp Der Wolkenbruch war längst passé, als die Scanners aus London beim Kogge Pop Summer-Camp auf der Flut-Bühne spielten.
Als Londoner tragen sie sowieso den Regen im Herzen, wie Sängerin und Gitarristin Sarah Daly erzählte, wobei das Soundbild des Quartetts nur ansatzweise mit düsteren Klangfarben angemischt ist. Die Band baut ihre Indierock-Pop-Songs mit großer Behutsamkeit auf und streut via knarzigem Synthesizer gern tanztauglichen, druckvollen New Wave mit ein. In den sanfteren Stücken, wie der flirrenden Ballade Baby Blue, scheint der von den 60ern geprägte Dream-Pop von Bands wie Mazzy Star durch. Sarah Daly singt hier mit gehauchter, aber trotzdem stets präsenter, wunderbar wandelbarer Stimme.
Sängerin erinnert an Patty Smith
Nicht nur äußerlich erinnert die dunkelhaarige Sängerin ein wenig an die junge Patty Smith. Auch diese Art harter Akzentuierungen und des leicht unterdrückten Schreigesangs hat man lange nicht mehr gehört. Meister in ihrem ganz eigenen Musik-Kosmos an der Schnittstelle zwischen Rap, Folk und Indiepop sind auch Why? aus Oakland/Kalifornien. Schon 1997 gründete Multiinstrumentalist Yoni Wolf das Labelkollektiv Anticon, in dem es bis heute darum geht, anticonventional zu sein, also Musik mit bisher möglichst ungehörtem Ausdruck zu veröffentlichen.
Das gilt auch für die eigene Arbeit mit Why?, deren Konzert sicherlich ei-ner der Höhepunkte der diesjährigen Breminale gewesen sein dürfte. Das Quartett mit Yoni's Bruder Josiah Wolf an Xylophon und Schlagzeug, einem weiteren Gitarristen/Bassisten sowie Doug McDiarmid am zweiten Keyboard verwebt wunderbar verspielte, dicht arrangierte Songs zu einem extrem eigenwilligen, gut abgehangenen Pop-Sound. Die Stimmung wechselt von sanfter Euphorie zu choraler Düsternis, Yoni Wolf's verschrobene Texte sind makaber-realistische Alltagsbeobachtungen über kopulierende Schwule in Berli-ner Hinterhöfen oder das Probeliegen im Sarg.
Am besten sind die Songs, wenn der Hip Hop durchschlägt, dabei geradlinig angetrieben von Yosiah Wolf's brillantem Wechselspiel an Xylophon und Drums. Das tolle und auch verwirrende an einem Why?-Konzert ist ihre musikalische Effizienz. Obwohl viel auf der Bühne geschieht, perlt der Sound irgendwie ereignislos, ohne besondere Höhepunkte dahin, wird aber trotzdem nie eintönig.


Regenwahrscheinlichkeit:



