Tango im Landgericht
Der Tango stammt aus der Subkultur, der Welt der Prostituierten, Zuhälter und Ganoven. Insofern passte es gut, dass die drei Konzerte von Carel Kraayenhof und seinem Sextett im Innenhof des Bremer Landgerichtes stattfanden, wo einstmals das Untersuchungsgefängnis residierte. Das fand auch der Niederländer und er spielte den „Arrabal“ – wie viele Stücke in seinem Programm „Compassion“ ein alter argentinischer Tango in moderner Lesart – über die Mietskasernen von Montevideo und Buenos Aires, wo der Tango Ende des 19. Jahrhunderts im ärmlichen Milieu europäischer Immigranten entstanden war.
In vielen seiner Arrangements pflegt Carel Kraayenhof einen wunderbar perkussiven, druckvollen Stil, das Bandoneon hüpft über seine Knie, oft werden die Rhythmen per Hand auf den Instrumenten angeschlagen. Die Milongas, einer Art schnellerer Tango-Vorläufer, von Tango-Ikone Astor Piazolla bekommen mit Trommelklängen aus dem afrikanischen Candombe-Tanz noch mehr Tempo und dramatische Tiefe. Aber Kraayenhof und seine Formation treffen auch den behutsamen, samtenen Ton. Das Stück „Asi“ aus der Feder des Niederländers Gerrit Hommerson fließt mit langsam rollenden, rau gestrichenen Bass-Bögen und einer meditativ-einfachen Piano-Figur entspannt dahin. Carel Kraayenhof trifft die Seele des Tango zwischen lyrischem Feingefühl und aufbrausender Dramatik, zwischen klagender Melancholie und kraftvollem Aufbegehren.
Junges Orchester in der Glocke
Erst vor gut einem Jahr wurde das „Baltic Youth Philharmonic“ gegründet, ein Jugendorchester aus den Ostsee-Anrainerstaaten. Eine solche Initiative wie auch die Einladung zum Musikfest Bremen ist wärmstens zu begrüßen, sind doch derartige Jugend-Formationen bekanntlich hoch motiviert und noch nicht durch Routine und Alltag abgeschliffen. Kristjan Järvi, der jüngste Sproß aus der estnischen Dirigentendynastie, trat mit diesem Orchester in der Glocke auf. Die technischen und künstlerischen Voraussetzungen sind bei den jungen Orchestermusikern durchaus gegeben – das klangliche Ergebnis ließ aber doch Wünsche offen. Hier hat der Dirigent noch einiges an Arbeit zu leisten, wie schon die einleitend gegebene Ouvertüre „Das Märchen von der schönen Melusine“ op. 32 von Felix Mendelssohn Bartholdy zeigte. Die rhythmische Artikulation und die Phrasierung der einzelnen Themen muss entschieden verbessert werden, hier floss vieles eher nur breiig ineinander.
Ließe man dies noch als „Einspielen“ gelten, so erwies das folgende 2. Klavierkonzert g-moll op. 22 von Camille Saint-Saëns im orchestralen Bereich keine wesentliche Verbesserung. Und der Solist konnte die Kastanien schon gar nicht aus dem Feuer holen, denn der medial hochgeputschte Fazil Say begann den langsamen Eröffnungssatz so, als wollte er die donnernde Einleitung des Tschaikowsky-Konzertes noch übertrumpfen. Seine larmoyanten Gesten, hinter denen sich ein völliger Mangel an Anschlagskultur verbarg, konnten die klangfarblichen Feinheiten dieses klassizistischen Konzertes ebensowenig verdeutlichen wie in den lyrischen Partien das laute Mitsummen der Melodien mehr bot als einen schäbigen Glenn-Gould-Abklatsch. Das Scherzo an zweiter Stelle wurde schon viel zu schnell angegangen, so dass das Presto-Finale in ein einziges Gebrüll nach der Devise „Augen zu und durch“ ausartete. Alles überstanden, Menschen kamen nicht zu Schaden.
Im zweiten Glocke-Konzert hat Fazil Say dann mitdirigiert, mitgesummt und durch spektakuläre Gesten für uns alle unmissverständlich verdeutlicht, wie tief er den pathetisch-dramatischen Ton des Klavierkonzertes c-moll von Ludwig van Beethoven verinnerlichte dazu lieferte er ein zweifellos virtuoses Spiel – dies alles reichte dem Publikum, Say mit orkanartigem Beifall zu überschütten. Dass der Anschlag des Pianisten in den Forte-Stellen der Ecksätze gelinde gesagt ungeschliffen wirkte, dass er im langsamen Satz Beethovens Stil mit dem von Chopin verwechselte, dass das Finale vom Tänzerischen, Eleganten wenig vermittelte, minderte genausowenig den Erfolg wie die Tatsache, dass Fazil Say mit dem korrekt spielenden jungen Orchester und dessen Dirigenten Kristjan Järvi nur einen eher oberflächlichen Kontakt fand. Was Fazil Say im c-moll-Konzert von Beethoven bot, war eine eigenwillige Interpretation, die gefährlich nahe zur Effekthascherei stand.
Aber sie kam an der Pianist beeilte sich danach, mit zwei Zugaben (Paraphrasen über „Summertime“ von Gershwin und den „Türkischen Marsch“ aus Mozarts Klaviersonate A-Dur) die Stimmung aufzuheizen. Zugegeben: Gerade hier zeigte Fazil Say erstaunlicherweise viel mehr Sensibilität und eine wesentlich differenziertere dynamische und klangfarbliche Palette als beim Konzert von Beethoven. Im dritten Glocke-Konzert zeigte sich: Klassische Konzerte, vor allem beim Musikfest Bremen, haben ihre eigenen Gesetze. Zum Abschluss eines wunderschönen Sommertages wurde eine düstere, mit Ovationen belohnte Schicksalssinfonie gespielt.'
Derart angefeuert, hatte das junge Orchester nach Tschaikowskis „Fünfter“ noch Energie für zwei launische Zugaben. Die Baltic Youth Philharmonic präsentierte sich auf einem Niveau, mit dem sie dem Anlass vollauf gerecht wurde. Sicher hat das Ensemble sein Maximum an Spielqualität und Interpretationskunst noch nicht erreicht, doch schon jetzt weiß es ein Publikum in den Bann zu ziehen. Einzigartig ist der dunkle, zarte Ton der Streicher, die durch minimale Unterschiede im Zusammenspiel einen besonderen Klang erzeugten. Trotz jugendlicher Spiellust tappte das Orchester nie in die Falle, Tschaikowskis Sinfonie primär als lärmenden Klangschwall zu interpretieren.
Selbst in den ekstatischen Momenten klangen die Instrumente edel, sonor und nicht übersteuert. Zu verdanken ist das außergewöhnliche Klangergebnis auch Kristjan Järvi, der dank seiner unkonventionellen Programme zum unverzichtbaren Inventar des Musikfests gehört.
Drehleier im Rathaus
Wenn man aus dem Rathaus kommt, ist man schlauer, behauptet der Volksmund. Manchmal hat er sogar recht. Jetzt jedenfalls konnte man eine Kenntnislücke schließen, als das vielgerühmte, bei kaum einem Festival für alte und frühklassische Musik fehlende „Ensemble Baroque de Limoges“ mit einem nur noch höchst selten zu hörenden Stück Joseph Haydns aufwartete. Mit dem Konzert Nr.3 für zwei Lire organizzate, zwei Hörner und Streicher in G-Dur Hob. VIIh:3. Haydn hat fünf solche Genrekompositionen 1786 im Auftrag des Königs von Neapel geschrieben.
Schon damals war die Leier, einst beliebtes Ausdrucksmittel geplanter Schäferlyrik, ziemlich aus der Mode gekommen und hatte auch etliche Mutationen überstanden. Hier nur ist sie mit einer Miniorgel kombiniert, die auch nicht mal zwei Oktaven umfasst, aber in der Verdoppelung und mit herausragenden Pfeifentönen ergeben sich mässig variierte Klänge, die das übrige Instrumentarium farbkräftig aufmischen. Die Drehleiern, heute nur noch von Spezialisten beherrscht, nehmen also keine solistische Sonderstellung ein, sondern werden im typischen Haydnschen Spätstil gleichwertig mit den anderen Instrumenten behandelt.
Die Wiedergabe des dreiteiligen Konzertes mit einer anmutigen Romanze inmitten fand in der Oberen Rathaushalle eine durchaus interessierte Hörerschaft. Christophe Coin, Forscher, „Ausgräber“ und exzellenter Cellist in Personalunion, leitet ohne Allüren die stilsicher und intonationsreich agierenden Musiker. So ergab sich ein mit hoher Sorgfalt gepflegtes, nobel in sich ruhendes Musizieren, das auch bei Haydns „Abendmusik“, dem galanten Divertimento für Streicher und zwei Hörner Es-Dur Hob.
II:21. einem launigen, frischweg konzertierenden Sextett für zwei Violinen, zwei Violen und Kontrabass F-Dur des Haydn-Schülers Ignaz Pleyel und im zweiten Konzert des Abends mit einem Stück in gleicher Besetzung von Johann Georg Albrechtsberger angemessenen Beifall fanden.
Klavierabend im Schütting
Der aus Toulouse stammende und hierzulande noch weitgehend unbekannte Pianist Bertrand Chamayou präsentierte sich im Schütting im mittleren der drei Konzerte auf das Beeindruckendste. Chamayou sitzt nahezu kerzengerade am Flügel, einzig auf die Bewegungsenergie der Arme, Hände und Finger konzentriert keine hohlen Gesten, kein Virtuosenschnickschnack, keine Mätzchen.
Die Intensität seiner Gestaltung nahm sofort gefangen. Chamayou begann mit César Francks „Prélude, Aria et Finale“, ein ganz typisches Werk des wallonischen Komponisten, das im Klaviersatz den Orgelmeister verrät und in der subtilen Harmonik bereits auf Debussy vorausweist. Genau dies arbeitete der junge Pianist vorteilhaft heraus, technisch ausgereift, differenziert in der Dynamik und in souveränem formalen Aufriss. Eine ganz vorzügliche Wiedergabe. Danach ein bunter Strauß mit Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy: die Klavierbearbeitung des herrlichen Liedes „Auf Flügeln des Gesanges“, drei „Lieder ohne Worte“ sowie die technisch höchst anspruchsvollen „Variations sérieuses“ op. 54.
Chamayou verstand es, die melodischen Themen in unterschiedlichen Registern fein herauszuarbeiten, ebenso beherrschte er den sich steigernden Aplomb der Variationen, die er technisch ohne Fehl und Tadel bewältigte und dabei nie das Technische als Selbstzweck in den Vordergrund rückte. Dem begeisterten Publikum schenkte der Künstler, den wir hier gern wiedersehen, als Zugabe das Lied „Moja pieszczotka“ (Mein Liebchen) von Fryderyk Chopin in der Klaviertranskription von Franz Liszt.
Meditationen im Dom
Für das Karfreitagsritual 1787 in der Kirche Santa Cueva von Cadiz, bei dem ein Priester sieben Meditationen über die sieben letzten Worte Jesu Christi am Kreuze sprach, sollte Joseph Haydn orchestrale Zwischenmusiken komponieren. Entstanden sind so sieben Adagios plus Introduktion und abschließendem „Erdbeben“ (Terremoto). Kein leichtes Unterfangen, denn hier durfte nicht die Musik im Vordergrund stehen, sondern die Reflektion des Glaubens.
Haydn lieferte eine Komposition ab, die nicht nur zum Aufregendsten gehört, was er je komponierte, sondern löste auch die vermeintlich paradoxe Herausforderung einer textlosen und zugleich textgebunden Musik bemerkenswert auf und schuf damit ein Werk, an dem in hervorragender Weise das Verhältnis von vokaler und instrumentaler Musik zu studieren ist. Geschäftstüchtig hat Haydn verschiedene Fassungen komponiert.
Die im Dom zu hörenden ursprüngliche Fassung für Orchester ist die spannendste. Das formidable Ensemble „Le Concert Spirtuel“ lieferte eine interessante Interpretation dieses komplexen Werkes ab, das einmal wieder beweist, wie „avantgardistisch“ Haydn einst gewesen ist. Hervé Niquet hat seine Musiker hervorragend vorbereitet, und man merkte in jedem Takt, dass der Dirigent den großen Herausforderung der Partitur in höchstem Maße gerecht wird und sozusagen jede noch so kleine versteckte melodische, harmonische und rhythmische Facette aufspürte.
Ihm gelang etwas, und das war das eigentlich Berührende bei diesem Konzert, die semantische Sperrigkeit des Wortes, auch des unausgesprochenen, gewissermaßen zu transzendieren und dessen vielfältige Widerspiegelungen in der musikalischen Struktur subtil erscheinen zu lassen. Dadurch hatte diese Musik nicht wie so oft etwas von einer redseligen Verlegenheit, sondern wurde von der ersten Note an zu einer vielschichtigen Wiedergabe eines verschwiegenen Wortsinnes.
Mit einem Wort eben zu einer musikalischen Meditation. Vokalquintett in Unser Lieben Frauen Ein apartes Programm und eine erstklassige Wiedergabe – das erste von drei Konzerten des Männervokalquintetts „Cinquecento“ in der Kirche Unser Lieben Frauen stand in bester Musikfest-Tradition. Die Sänger stellten ihr Programm aus gregorianischen Gesängen und aus flämischen und englischen Motetten des „Cinquecento“ (das 16. Jahrhundert) zusammen und zeichneten dabei eine fein nuancierte Palette in den durch „Schönheit“ und „Dissonanz“, also durch einnehmend fließende und wiederum von überraschenden Wendungen geprägten Werken.
Das Ensemble lieferte eine klangschöne, in der Stimmführung differenzierte Wiedergabe mit vielen dynamischen Schattierungen lediglich in der Textartikulation hätte man etwas mehr Prägnanz gewünscht. Von den einzelnen Motetten seien hier die bestens ausgewogenen Klangproportionen in „Inviolata“ und „Lamentabatur Jacob“ von Jacob Regnart, die zarte Poesie in „O nata lux“ von Thomas Tallis wie auch die verinnerlichte Stimmung in „Jesu salvator saeculi“ von John Sheppard stellvertretend für das allgemein hohe Niveau des Konzertes erwähnt.


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