1995 besuchte die CDU-Politikerin Rita Süssmuth den Psychologentag in Bremen. Am Rande der Veranstaltung befragte der WESER-KURIER sie zur geplanten Diätenreform der Bundestagsabgeordneten. Aus dem autorisierten Interview waren sämtliche Fragen zu den geplanten zusätzlichen Altersbezügen von ehemaligen DDR-Volkskammer-Abgeordneten herausgestrichen worden. Das Thema wurde seinerzeit sehr kontrovers diskutiert.
Es ist in Deutschland üblich, sogenannte Wortlaut-Interviews (Frage-Antwort) dem Gesprächspartner vorab zur Autorisierung vorzulegen. Eine gesetzliche Verpflichtung gibt es dafür nicht, der Presserat hält eine Autorisierung auch aus presseethischer Sicht nicht für zwingend notwendig. Doch das Urheberrecht wiederum spricht einem Interviewpartner eine Miturheberschaft an dem gemeinsamen Werk Interview zu. Der Deutsche Journalistenverband rät in dieser nicht eindeutig geklärten Rechtslage also, vor einem Gespräch verbindlich zu vereinbaren, wie mit einem Interview verfahren werden soll. Die Praxis zeigt, dass viele Politiker und Unternehmer gar keine Interviews mehr geben, wenn ihnen die Autorisierung nicht zugesagt wird. Mehrere Zeitungen, auch diese, haben sich schon geweigert, ein autorisiertes Interview abzudrucken, weil es mit dem geführten Gespräch kaum noch etwas zu tun hatte. Mittlerweile verlangen viele Gesprächspartner sogar, dass ihnen einzelne Zitate aus Texten gezeigt werden.
Die Versuche, Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen, mehren sich auch im Kulturbereich. Bremens ehemaliger Theaterintendant Hans-Joachim Frey weigerte sich auf einer Pressekonferenz, die einfache Frage eines Journalisten nach der Kopfstärke der Bremer Tanzsparte zu beantworten. Er wolle nicht immer über Zahlen reden, sondern über Inhalte, beschied er dem Fragesteller unwirsch. Der Hintergrund: Die Bremer Compagnie hatten einen Tänzer weniger als zuvor. Solche Auskünfte kann jeder verweigern, der ein privates Theater leitet, doch hier handelte es sich um ein subventioniertes Haus: Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, zu erfahren, was mit ihrem Geld geschieht.
Geld für ein Interview
Auch der gebürtige Bremer Claus Peymann, Chef des Berliner Ensembles, führt ein mit Steuermitteln bezuschusstes Theater. Als ein Kulturredakteur dieser Zeitung dem Intendanten und Regisseur einige Fragen zur Entwicklung des deutschsprachigen Theaters nach der Wiedervereinigung stellen wollte, teilte ihm die Sekretärin am Telefon mit, dass Herr Peymann diese Fragen erst beantworten würde, wenn vorab 300 Euro auf ein Konto eingezahlt worden wären. Wir haben verzichtet und uns stattdessen an den künftigen Intendanten des Bremer Theaters, Michael Börgerding, gewandt, der - wie allgemein üblich - kein Geld für ein Interview nimmt.
Mit deutschen Filmregisseuren gestaltet sich die Zusammenarbeit immer noch unkompliziert. Bringen Fatih Akin, Wim Wenders oder Andreas Dresen einen neuen Film heraus, geben sie den Medien zum Filmstart bereitwillig Interviews. Keiner von ihnen hat uns bislang darum gebeten, den Text vorab gegenlesen zu dürfen. Und auch nach dem Erscheinen hat diese Zeitung noch mit keinem Regisseur Ärger gehabt. Bevor Doris Dörries neuer Film "Die Friseuse" im vergangenen Jahr in den Kinos anlief, baten wir die Hauptdarstellerin Gabriela Maria Schmeide um ein Gespräch für ein Porträt. Die Bremer Schauspielerin wollte den Fließtext vor der Veröffentlichung lesen, wir stimmten zu. Gabriela Maria Schmeide bat dann darum, einige kleine Änderungen vorzunehmen, die wir ihr zugestanden haben. So weit, so gut. Fünf Minuten später rief ihre Presseagentin aus Berlin an, die plötzlich mehrere Passagen gestrichen, andere geändert haben wollte. Der Hinweis, dass es keine Verabredung gegeben habe, ihr den Text zur Autorisierung vorzulegen, stoppte die sehr energische Dame nicht. Sie stellte an dem Porträt, das im übrigen sehr freundlich ausgefallen war, alles infrage: "Hatte Frau Schmeide wirklich Clogs bei dem Gespräch an?" Als sie noch anfing, über Stilfragen diskutieren zu wollen, beendeten wir das Gespräch. Der Text erschien so, wie er mit Gabriele Schmeide besprochen worden war.
Keine seriös arbeitende Zeitung hat ein Interesse daran, Unwahrheiten zu verbreiten oder Gesprächspartner zu verärgern. Häufig bitten die Interviewten schon während des Gesprächs darum, gewisse Aussagen nicht zu veröffentlichen, was dann auch nicht geschieht. Aber dass ein Porträt oder eine Kritik nicht immer so ausfallen, wie es sich die Künstler wünschen, müssen sie akzeptieren.
Sehr viel komplizierter gestaltet sich seit einigen Jahren die Zusammenarbeit mit den Veranstaltern und dem Management großer Rockbands. Zuerst traf es die Fotografen: In der Regel dürfen sie nur noch während der ersten drei Songs fotografieren. Manchmal wird auch ihre Sicht eingeschränkt: Als die Kelly Family im Weserstadion auftrat, durften die Fotografen nur auf die Bühne zielen, Aufnahmen des Publikums waren nicht gestattet.
Manche Stars, darunter Britney Spears und Robbie Williams, verlangen mittlerweile, dass die Pressefotografen ihnen die Aufnahmen kostenfrei zur Weiterverwendung zur Verfügung stellen. Um gegen diese Machenschaften zu protestieren, haben Fotografen schon Konzerte boykottiert. Zu einer Kritik eines Britney-Spears-Auftritts hatte eine Zeitung statt des geplanten Fotos lediglich einen leeren Platzhalter veröffentlicht.
Unheilige Zensur
Der Deutsche Journalistenverband bestätigt den Eindruck dieser Redaktion, dass die Versuche, Einfluss auf die Berichterstattung nehmen zu wollen, in den vergangenen Jahren schleichend zugenommen haben.
Jüngstes Beispiel: Das Management von "Unheilig" wollte die Rezension des Bremer Konzertes vorab gegenlesen und autorisieren. Normalerweise stellen die Veranstalter den Medien eine Gratiskarte für den Rezensenten zur Verfügung. Das "Unheilig"-Management verlangte im Gegenzug, die Kritik prüfen und über eine Freigabe entscheiden zu wollen. So etwas nennt man Zensur. Unser Rezensent besuchte das Konzert mit einer gekauften Karte. Die Kritik fiel positiv aus.





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