Der Rapper Sido spielt im Film den Rapper Otis im Berlin des Jahres 2000. Dass ein 31-Jähriger sich selbst als 20-Jährigen verkörpert, ist heute nicht nur im Kino üblich, sondern auch im Leben. Niemand wundert sich, wenn Sido wieder mit dem Walkman in der U-Bahn sitzt und rüde vor sich hin reimt. Wenn er Automaten plündert wegen ein paar Münzen. Oder wenn er sich mit Minderjährigen in Industrieruinen Wortgefechte um die Straßenehre liefert. Dass man ihm durch seinen ersten Film traut, liegt weder an seinen Schauspielkünsten noch am Maskenbild.
Es liegt am HipHop und an Sido selbst: Im Hip-Hop überlebt das Sorgenkind im Mann. Und hinter Sidos Lebensrolle lebt längst ein Familienvater, der Paul Würdig heißt und seinem öffentlichen Stellvertreter alle Freiheiten und Frechheiten gewährt.
In "Blutzbrüdaz" von Özgür Yildirim ist er wieder der Nichtsnutz, der er vor elf Jahren war. Ein Ladendieb und Kiffer, der sich seit der Schulzeit in einer Musik zu Hause fühlt, die ihn im Jahr 2000 nicht mehr zu brauchen scheint. "Deutschen Hip-Hop will doch keiner mehr hören", sagt Stereo-Philip; er verkauft als Tontechniker in der Krise Turnschuhe. Die damals über 30-jährigen Rapper aus den Reihenhäusern der Provinzvorstädte sind kaum noch gefragt, sie fangen an zu singen. Das Musikgeschäft zieht nach Berlin. In Bezirken wie Wedding und Neukölln halten Kinder von Migranten und Sozialfällen den Hip-Hop wach.
Sie bellen ihre Verse durch Jugendzentren. Vor antiquierten Aufnahmegeräten sitzen sie in Wohnzimmern mit Sofakissen und geblümten Tischdecken wie Stereo-Philip, Otis und sein Partner Eddy. Eddy spielt der 32-jährige Rapper B-Tight, ebenfalls ein älterer Laiendarsteller.
Prekariatsträume
"Blutzbrüdaz" wirkt in den ersten Szenen wie jene Zumutung, die man erwartet. Prekariatsträume, leinwandfüllend inszeniert als Pseudo-Dokumentation. Kein Mensch oder Schauspieler berlinert so wie Sido. Seine Sprache folgt seiner Haltung: Manchmal steht er unbeholfen zwischen Kunstfigur und Filmheld, zwischen Kamera und Selbstbild. Aber daran kann man sich gewöhnen. Regisseur Yildirim fiel vor drei Jahren mit "Chiko" auf, einem Drama über türkische Kleinkriminelle auf dem Weg nach oben im Geschäft mit Drogen, Frauen und Musik. Es ging um Freundschaft und Rache.
Darum geht es auch in "Blutzbrüdaz". Yildirim hätte den Hip-Hop als Tragödie verfilmen können wie "8 Mile" mit Eminem und "Get Rich Or Die Tryin'" mit 50 Cent. Aber es ist eine Sozialkomödie geworden, in der Yildirim den Hauptdarsteller laufen und die Variation seiner Geschichte spielen lässt. Der Held ist wirklich ulkig - und nicht bloß aus Versehen, wie Bushido zuletzt in Bernd Eichingers und Uli Edels "Zeiten ändern dich". Er ist so lustig, wie es Sido als Skandalrapper schon immer war.
Die wahre Vorgeschichte zu "Blutzbrüdaz" handelt von Robert Davis und Paul Würdig. In den späten 90er-Jahren waren sie unterwegs in Bruderschaften, die "Die Sekte" oder "Royal TS" hießen. Davis, Sohn eines schwarzen Amerikaners, nannte sich B-Tight. Würdig trat als "superintelligentes Drogenopfer" auf, kurz Sido. Ihr Film setzt ein mit der Gründung der Plattenfirma "Aggro Berlin", die sich von ihnen viel versprach und dem deutschsprachigen Hip-Hop wieder ein Geschäftsfeld ebnete. Die Firma schärfte die Profile. B-Tight rappte "Neger, Neger". Sido schwankte zwischen "Arschficksong" und "Mama ist stolz", und in "Mein Block" erzählte er von seiner Jugend im Märkischen Viertel, einer zugigen Kleinbürgersiedlung mit hohen Häusern und viel Luft nach unten. Dabei trug er eine Maske aus Metall. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien warnte so lange vor seiner Musik, bis jeder von ihr und ihm sprach.
Geschickt trat Sido nach und nach aus seinen Rollen, wobei er sein Wesen in einer Salamitaktik offenbarte. 2005 nahm er beim Bundesvision Song Contest von Stefan Raab die Maske ab, stand da als Brillenträger und brachte das Album "Ich" heraus. Er saß als mitfühlender Juror in der kaltherzigen Selektionsshow "Popstars". Er trug Songs wie "Schlechtes Vorbild" vor, als sei er ein rappender Sozialarbeiter. Vor zwei Jahren veröffentlichte er "Aggro Berlin", ein Album, das nur noch so hieß. Sido trat mit einer Beichte an die Zuhörer heran: Sein Lied "Hey Du" enthüllte, dass er aus dem Osten stammte, in Aussiedlerheimen schikaniert wurde und sich verstellen musste, um etwas zu werden.
Versöhnung mit Bushido
Zuletzt versöhnte er sich mit Bushido, seinem ehemaligen Kollegen von Aggro Berlin. Sie legten eine langjährige Fehde bei, versprachen einander, ihre Mütter künftig nie mehr zu verwünschen, sangen "Erwachsen sein" mit Peter Maffay. Prompt bekam Bushido den "Bambi"-Integrationspreis. Derweil wurde "Blutzbrüdaz" geschnitten und als erster großer Kinofilm vollendet, der jüngeren deutschen Hip-Hop in seiner natürlichen Umgebung zeigt. In Dönerbuden und Heimstudios, zwischen abgründiger Albernheit und anrührender Würde. Insofern handelt es sich bei "Blutzbrüdaz" um einen Historienfilm in liebevoller Ausstattung.
Tatsächlich gab es vor elf Jahren noch Typen, die sich Atari-Ali nannten, und Tonträger galten als heilig. Damals hätte sich kein Film übers Musikgeschäft getraut, eine große Plattenfirma namhaft zu machen. Bei Sony haben Sido und Bushido sich im Jahr 2011 verbrüdert. Während der Soundtrack bei der Konkurrenz erscheint, rückt "Blutzbrüdaz" Sony stellvertretend für die Krisensünder von 2000 in ein wenig schmeichelhaftes Licht. Die Firma ist das Böse, verlangt, dass Otis und Eddy singen, weil das Rappen überholt sei.
Im strengeren Hip-Hop ging es immer um die Harmonie von Kunst und Leben. Man will, dass Rapper wissen, worüber sie rappen. Sie dürfen sich angestrengt originelle Namen geben, sollen aber authentisch bleiben. Sido indes hat in seinen Rollen mit der Straßenwürde gespielt. Er war nie der Industrierebell aus "Blutzbrüdaz". Er war so oft ein Neuer und ein Anderer, dass man ihm seine Filmfigur nicht glauben muss, um sie zu mögen. Ohne Maske, ohne Strickmütze und einmal sogar ohne Brille, bis man ihn kaum noch erkennt.








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