Die Bremer Beiträge zur „Tatort“-Reihe widmen sich auffällig häufig politischen Themen. „Ordnung im Lot“ stellt allerdings eher einen privaten Fall dar. Wie wichtig ist es Ihnen, einen solchen Themenmix zu praktizieren?
Sabine Postel: Wir haben ja nur zwei Fälle im Jahr, weil wir in Bremen ein recht kleiner Sender sind. Deshalb haben wir uns dazu entschieden, einmal im Jahr einen Fall mit einem sozialkritischen Thema zu machen, bei dem wir den Finger in die Wunde legen. Der andere Fall ist dann mehr oder weniger so etwas wie ein Privatthema. „Ordnung im Lot“ fällt ein bisschen in die Kategorie privat, wobei das Krankheitsbild der Frau etwas ist, was uns leider auch in der Gesellschaft mehr und mehr beschäftigt. Es ist verquickt mit Depressionen und Burnout. Das ist etwas, was nicht mehr nur den Tatbestand des Privaten erfüllt, sondern mittlerweile fast flächendeckend ein soziales Problem darstellt.
Sie versuchen also mit dem Bremer „Tatort“ den Finger in Wunden zu legen. In provozierender Absicht?
Das ist nicht das hauptsächliche Ziel.Wir haben gerne kritische Themen. Die müssen aber immer spannend erzählt sein. Es nützt ja nichts, wenn man mit erhobenem Zeigefinger dasteht und die Leute sich langweilen. Letztlich ist es so, dass die fast inflationäre Fernseh-Krimilandschaft hierzulande einen auch verstärkt dazu drängt, dass man eine Position findet. Wir haben da unsere Nische gefunden, indem wir uns an Themen die Zähne ausbeißen, an die sich andere nicht so dranwagen.
Warum ist Ihrer Meinung nach die „Tatort“-Reihe in dieser „inflationären Krimilandschaft“ ein Format, das schon über so viele Jahre sehr beliebt ist?
Ich habe da eine ganz einfache Lösung. Ich glaube, die Welt ist mehrheitlich schlecht und wir werden ständig mit irgendwelchen fürchterlichen Nachrichten konfrontiert. Und der Zuschauer am Sonntagabend hat einfach eine Sehnsucht, dass sich irgendwo doch wieder alles regelt und dass es eine Lösung gibt. Die Guten sollen die Bösen besiegen. Und das garantiert der Tatort. Ich kann mich, egal wie schlimm es da zugeht, beruhigt im Sessel zurücklehnen, weil ich weiß, ich kann selig in den Montag schlafen, denn die Bösen werden bestraft.
Bei so unterschiedlichen Krimis, die hierzulande im Fernsehen zu sehen sind, stellt sich die Frage, ob ein Bremer „Tatort“ überhaupt ein Alleinstellungsmerkmal beanspruchen darf.
Was wir uns auf die Fahne geschrieben haben, ist zunächst einmal Qualität. Der „Tatort“ ist einfach insgesamt eine Königsklasse. Somit findet alles, was wir und auch die Kollegen machen, auf einem hohen Niveau statt. Jeder Tatort-Kommissar versucht aber natürlich, für sich eine Ecke zu finden, wo ein Wiedererkennungswert da ist. Viele erzählen Geschichten, die einen sehr hohen Privatanteil haben, wie zum Beispiel Frau Furtwängler. Da steht die Figur im Mittelpunkt. Bei uns ist es der Fall.
Warum landet dann Ihrer Meinung nach beispielsweise der „Tatort“ aus Münster regelmäßig auf Platz eins der beliebtesten Folgen, nicht aber das brav auf seine Fälle konzentrierte Bremer Team?
Der Münsteraner „Tatort“ sticht einfach sehr hervor in der regional gefärbten „Tatort“-Landschaft. Er läuft zwar unter dem Label „Tatort“, aber er ist in seiner Machart und Haltung etwas anderes. Er legt nicht so viel Wert auf realistische Erzählweise, sondern mehr auf die humoristischen Aspekte. Wir in Bremen haben mittlerweile auch etwa neun Millionen Zuschauer.
Der neue „Tatort“ ist für Sie ein kleines Jubiläum, nämlich Ihre 25. Folge. Inwieweit haben Sie in den vergangenen Jahren Einfluss auf die Entwicklung Ihrer Figur nehmen können?
Mitentwickelt habe ich die Figur vor allem in den Anfängen, als sie kreiert wurde.Ulrike Folkerts war ja bis dahin die einzige weibliche Kommissarin. Sie musste damals alles sehr männlich spielen, damit sie sich überhaupt behaupten konnte. Deshalb sollte Inga Lürsen ganz anders werden: weicher, mütterlicher und mehr mit weiblicher Intuition. Außerdem war ich ja auch nicht der kämpferische Judotyp. Durch die Serie „Nicht von schlechten Eltern“, die ich vorher gemacht habe, steckte ich ein bisschen in der „Mutterschublade“. Deshalb wollte ich aber auch, dass die Figur Ecken und Kanten hat. Ich wollte auf keinen Fall eine gute Mutter sein.
Was würden Sie sich persönlich für Ihre Rolle für die nächsten 25 „Tatort“-Folgen wünschen?
Ich würde mir einfach wünschen, dass es noch möglichst lange so weitergeht. Es werden ja im Moment sehr viele Kollegen ausgetauscht und es finden ständig Wechsel statt. Für Inga Lürsen selbst sind noch viele Optionen offen. Schön wäre es natürlich, wenn nochmal ein anderer Privatstrang geöffnet wird. Ihre einzige Bezugsperson ist ja momentan Nils Stedefreund und mit ihm hat sie ja hauptsächlich berufliche Auseinandersetzungen.





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