Die jungen Menschen, die 1959 die sehr überschaubare Bremer Lokal-Szene um einen Treffpunkt für ihresgleichen bereichern wollten, hatten eigentlich die Absicht, ihren Keller 'Weiße Eule' zu nennen. Dann gerieten sie mit ihrem Antrag auf Baugenehmigung in der Behörde an einen Mann, rechte Hand des Senators, der offenbar ahnte, wohin die Reise ging. 'Weiß?', hat er gefragt, als die Initiatoren mit ihrer Idee herausrückten. 'Weiß klingt aber sehr unschuldig, und unschuldige Mädchen werden da bestimmt nie auftauchen. Wenn schon Eule, dann doch bitte Lila Eule.' Das Zitat ist nicht achtzigprozentig überliefert, gibt aber, wie Zeitzeugen versichern, die Aussage des hilfreichen Beamten inhaltlich korrekt wieder.
Es war der 27. Dezember 1959, als die Lila Eule öffnete - auf, besser: unter einem Trümmergrundstück an der Ecke Langenstraße/Bürgermeister-Smidt-Straße, Dort, nur wenige Meter vom Brill und von der großen Weserbrücke entfernt, hatte vor dem Krieg ein Packhaus gestanden. Die Lila Eule musste zwar bald umziehen, aber der Name blieb und mit ihm der besondere Geist, der dieses Lokal durchwehte. Auch wenn er in den späten Jahren nicht immer spürbar war.
Höchste Zeit, die Namen derer zu nennen, die an diesem Tag nach Weihnachten den Gästen stolz präsentierten, was sie mit einer Schar von Helfern geschaffen hatten: Olaf Dinné und seine damalige Frau Lolo, Jutta Virus und Jo Meyer, ebenfalls ein junger Architekt wie Olaf Dinné. Der Eigentümer des Grundstücks hatte ihnen den Keller ohne Miete überlassen.
'Das war Carl H. Grothe, ein toller alter Kerl', erzählt Olaf Dinné. Der Name Dinné sollte mit der Lila Eule in den folgenden Jahrzehnten stets besonders eng verbunden sein. Und nicht nur mit der Eule: 1979 war Dinné einer von vier Abgeordneten, die mit der Bremer Grünen Liste in die Bürgerschaft einzogen.
Besuch vom Jugendamt
In der Brauerei Haake Beck war man zwar skeptisch, ob das mit viel Engagement, aber wenig Geld angegangene Vorhaben 'Eule' von Erfolg gekrönt sein würde, spendierte aber Stühle und für draußen eine Laterne, die den Gästen den Weg weisen sollte. Die Bar, die Bühne und das Kassenhäuschen wurden von den jungen Architekten gemauert, das Mobiliar war von der Art, die man später Second Hand nannte. Die Lampen wurden aus Flaschen gebastelt, und strahlten nicht viel Helligkeit aus, aber das war auch nicht beabsichtigt. Allen Beteiligten war aber klar, dass das Leben der Eule an diesem zentralen Ort begrenzt sein würde. 'Wenn das Grundstück bebaut wird, dann müsst ihr hier verschwinden', hatte Kaufmann Grothe angekündigt.
Schon ein Jahr später war es damit so weit, aber bis dahin war es den Betreibern gelungen, den Keller zu einem Begriff zu machen, nicht nur für Nachteulen und Jazzfreunde in Bremen und umzu, sondern auch für die Großen des europäischen New Orleans Jazz. Wenn Ken Colyer, Acker Bilk oder Chris Barber in der Glocke auftraten, dann konnte der Abend lang werden. Lolo Dinné holte sie nach dem Konzert an der Glocke ab und brachte sie zur Spätschicht in die Eule. Dort stand dann nicht nur der Jazz auf der Nachtordnung. Und es ist kein Zufall, dass in allen Anekdoten über diese Gastspiele der Whisky eine gewisse Rolle spielt.
An Bands, die in der Eule auftreten wollten, war kein Mangel. Und für die Abende ohne Gastspiel stand ja immer noch die Hauskapelle bereit. Dann griff Olaf Dinné zur Klarinette und scharte seine 'Press Button Gang' um sich. Der Laden lief, und das Einzige, was die Betreiber ein bisschen ärgerte, war die Jugendschutzbehörde, die in unschöner Regelmäßigkeit ihre Männer in die Eule schickte und mit Schließung drohte, wenn im Schummerlicht der selbst gebastelten Lampen mal wieder ausgiebig geknutscht wurde.
Am 3. Januar 1961 gingen diese Lampen endgültig aus. Der neue Standort wurde in der Bernhardstraße gefunden, mitten im Ostertor, ein paar Schritte nur vom Sielwall, dort wo 'die Eule', wie sie bald überall nur genannt wurde, heute noch hockt. Anfang der sechziger Jahre war dort nichts, aber aus nichts etwas zu machen, darin hatten die Männer und Frauen um Olaf und Lolo Dinné Erfahrung. Bevor die Architekten Dinné und Hans-Dieter Walgenbach dort ein Haus bauen konnten, musste zunächst mal das Grundstück erworben werden. Haake Beck stellte 30000 Mark zur Verfügung, nicht ganz uneigennützig, wie sich denken lässt, sondern aufgrund der guten Erfahrung in der ersten Eule. '
Wir waren damals nach dem Remmer-Keller der zweitgrößte Fassbierausschank in Bremen', erzählt Olaf Dinné, 'das hat die Brauerei mächtig beeindruckt'. Mit Hilfe von zwei Banken wurde dann der Bau finanziert, und wenn es heute auch einfach klingt: 'Das war im Grunde abenteuerlich', berichtet Lolo Dinné, 'das ist im Rückblick ein Wunder, dass das überhaupt geklappt hat'.
Am 27. Dezember 1964, auf den Tag genau fünf Jahre nach der Premiere in der Langenstraße, wurde die neue Eule eröffnet. Es spielte das Sextett des Bremer Pianisten Harald Eckstein. An der Posaune: Ed Kröger, ein gerade 21-jähriger Jazzmusiker, der in den kommenden Jahrzehnten Karriere machen, aber dem Bremer Keller (ebenso wie Eckstein) stets eng verbunden bleiben sollte. Er wird auch zum 50. Geburtstag mit seinem Quintett dort spielen - am 27. Dezember natürlich.
Die Eule wurde auch in internationalen Jazzkreisen schnell bekannt, viele berühmte Musiker gastierten in den sechziger und frühen siebziger Jahren in dem verwinkelten Keller. Gert Settje, der 1969 - nur zweimal um die Ecke - das Cinema Ostertor eröffnete, stellte das Programm zusammen und engagierte die Bands, Lolo Dinné und Jutta Virus machten die Grafik für die Werbung und teilten sich den Dienst hinter der Theke mit Ursel Kerstein, die später Bremens erste Beauftragte für die Gleichstellung der Frau wurde.
'For Jazzin' Babies Only' verkündete zwar das Signet des Lokals, aber das Reinheitsgebot einzuhalten hatte niemand ernstlich im Sinn. Auch für Kabarettisten und Rockbands wurde die kleine Bühne frei gemacht, am Sonnabendnachmittag wurden die Kinder zum 'Tanztee' mit Beatmusik eingeladen. Und wenn die Eule die Tür öffnete, dann stand die Schlange der jungen Tanzwütigen bis um die Ecke auf dem Sielwall.
Es waren bewegte Jahre, in Europa im Allgemeinen und in Bremen im Besonderen. Am Goetheplatz machte Intendant Kurt Hübner mit seinem 'Bremer Stil' Furore und das Haus zum meistdiskutierten Theater Deutschlands. Peter Zadek führte dort Regie (und drehte in der Innenstadt seinen Film 'Ich bin ein Elefant, Madame'), Bruno Ganz und Jutta Lampe standen auf der Bühne. Und alle drei saßen gern in der Eule, wozu es keines Aufwands bedurfte, weil sie in den oberen Geschossen des Hauses über dem Jazzkeller ihre Wohnungen hatten.
Rudi Dutschke für 3 DM
Die Eule wurde zum Treffpunkt des Unabhängigen Schülerbundes und zur ersten Adresse für die aufmüpfige Jugend der Stadt. Kurz bevor sich im Januar 1968 die Bremer Jugendlichen auf die Straßenbahnschienen setzten, hatte der Keller einen Mann zu Gast, dessen Name die Chronik ganz besonders schmückt. Noch heute ist die Ankündigung seines Besuchs schräg gegenüber der Theke auf dem Wandputz zu lesen: 'Am 27. November 1967 spricht um 20 Uhr Rudi Dutschke in der Lila Eule über Außerparlamentarische Opposition in unserer Gegenwart. Karten nur auf Vorbestellung für 3 DM.'
In den siebziger Jahren wurde es ruhiger in der Eule, denn Live-Musik boten inzwischen auch andere Bremer Lokale. Die Bands wurden weniger, die Eule wurde zum Tanzlokal, in dem das Geld mit Disko verdient wurde. Die Gesellschaft des bürgerlichen Rechts, der das Haus gehörte, wurde aufgelöst, Olaf Dinné wurde Alleineigentümer. Im Jahr 2001 machte die Eule die Augen zu, der Keller musste für ein Dreivierteljahr geschlossen werden.
Im November 2001 wurde er dann neu eröffnet. Konstanze Radziwill, die Filmemacherin und Tochter des Malers Franz Radziwill, wurde Geschäftsführerin und versuchte zusammen mit Olaf Dinné, an die alten Zeiten anzuknüpfen: mit einer Art republikanischem Club, einer Mischung aus Musik und regelmäßigen politischen Diskussionen mit Gästen. So hoffte man die Generation der Alt-68er und die ihrer Kinder zusammenzubringen. Doch schon bald war offensichtlich, dass sich solche Pläne auf Dauer nicht finanzieren ließen, mochte das Engagement auch noch so groß sein.
Seit etwa sechs Jahren sorgt nun Michael Pietsch dafür, dass der Laden läuft. Er ist ein alter Bekannter in der Bremer Musik-Szene, hat im Schlachthof und im Jugendfreizeitheim Wehrschloss am Osterdeich Konzerte organisiert, so manche Band war darunter, die später groß herauskam. Zwei- oder dreimal im Monat holt er heute eine Band in den Keller, aber das Geschäft mit der Live-Musik ist schwierig geworden.
In erster Linie ist die Eule heute ein Tanzlokal, in dem gut ein Dutzend Disk-Jockeys von Donnerstag bis Sonntag Musik machen. 'Alle stehen für einen bestimmten Stil', sagt Pietsch, 'alle haben ihr eigenes Profil'. Der Renner schlechthin ist die 'Studentennacht' am Donnerstag. Dann ist die gute alte Eule wieder so rappelvoll wie zu ihren besten Zeiten.
In diese Zeiten lassen sich gern auch Touristen zurückversetzen, wenn sie von einem stadtgeschichtskundigen Führer durch das Ostertor gelenkt werden. 'Manchmal, wenn nachmittags schon die Tür auf ist, steht plötzlich eine Gruppe von Touristen im Keller', erzählt Michael Pietsch. Eines kann er ihnen versichern: Die Eule sieht noch fast genau so aus wie in den sechziger Jahren.
Die Feiern zum 50. Geburtstag der Lila Eule beginnen am 26. Dezember um 23 Uhr mit einer Disko-Nacht. Unter dem Titel 'Born to be wild' spielen die DJs des Lokals Beat, Soul Jazz, Punk und Rock'n'Roll. Am Tag darauf, am 27. 12., ist ab 18 Uhr 'Tanztee' und Treffen der Eulen-Freunde aus fünf Jahrzehnten. Bibo Loebnau liest 'Eule-Erinnerungen'. Später spielen Ed Kröger und Ignaz Dinné mit ihrer Band, zwischendurch legt DJ Barfly auf. Ein Film über den Keller ist in Arbeit, aber nicht rechtzeitig fertig geworden.


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