In einer Familienklasse begleitet ein Elternteil - auch die Tante oder der Opa - das Kind für drei bis sechs Monate an jeweils einem Wochentag von 8 bis 11 Uhr. Während eine Lehrkaft die höchstens acht Schüler pro Klasse unterrichtet, sitzen die Angehörigen daneben oder hinten im Raum. Sie müssen darauf achten, dass ihre Kinder gut mitarbeiten. Zugleich können sie mit der Familientherapeutin über das Verhalten der Schüler sprechen.
"Wir müssen die Eltern einbeziehen, wenn ihre Kinder auffällig werden", sagt Doris Drümmer, Organisatorin der Familienklasse. Die Therapeutin weiß aus ihrer Arbeit, dass viele Verhaltensauffälligkeiten in den Familien entstanden sind. Die Eltern müssten mit in die Verantwortung genommen werden. Nur so könne man Jugendlichen, die Zeichen von Schulvermeidung zeigten, helfen, bevor sie zu notorischen Blaumachern werden.
Acht Initiativen werden unterstützt
Denn Schulschwänzer gibt es in Bremen bereits genug - es sind aber nicht mehr als in den anderen deutschen Großstädten, wie eine kriminologische Studie der Universitöt Hamburg belegt. Das Bremer Bildungsressort geht von "500 festen Schulverweigerern" aus. Sie wieder in den Unterricht und letztlich zum Schulabschluss zu bringen, ist das erklärte Ziel aller Hilfsprojekte. Acht Initiativen werden vom Bildungsressort unterstützt. Bei zwei weiteren ist die Sozialbehörde federführend, dazu gehört auch die Familienklasse in Walle - laut Bildungsresort das einzige Projekt für Kinder und Jugendliche, die noch nicht notorisch schwänzen.
Beim Elterngespräch in der Familienklasse hat Doris Drümmer oft erfahren, dass die Kinder auch zu Hause gegen Regeln verstoßen. Manchmal gebe es gar keine Regeln, der Umgangston stimme nicht, oder die Eltern seien selbst unpünktlich. Gemeinsam würden Lösungsstrategien entwickelt. Doris Drümmer: "Eltern sollen in der Klasse lernen, konsequent zu sein und Verantwortung für das Verhalten des Kindes zu übernehmen."
Sieben Kinder hat die Mutter von M., die mit ihm in der Familienklasse sitzt. "Ich weiß, dass mein Sohn mehr Kontrolle braucht", sagt sie. M. war oft zu spät gekommen und hatte auch im Unterricht gestört. "Wenn wir zusammen in der Klasse sind, habe ich ihn mehr im Blick, und das tut ihm gut." Auch die Angehörigen fühlen sich in der Klasse ernst genommen und schätzen den Austausch mit anderen Eltern: "Viele haben ähnliche Schwierigkeiten wie ich", stellt eine Teilnehmerin erleichtert fest.
In der kleinen Klasse verschwänden elterliche Schuld- oder Schamgefühle und auch die Angst vor der Institution Schule, glaubt Drümmer. Zugleich helfen sich die Angehörigen untereinander. Eine Mutter: "Durch die Gruppe schaffe ich es besser, konsequent zu sein und etwas zu bestimmen. Denn beim nächsten Mal fragen sie mich, ob ich bei meiner Meinung geblieben bin."
"Ich habe mein Arbeitsmaterial dabei, ich arbeite sorgfältig, ich erscheine pünktlich zum Unterricht" - diese Ziele hat sich M. nun gesetzt - nach Gesprächen mit seinem Klassenlehrer, den Eltern und der Therapeutin. Neben der Familienklasse geht er wieder in den normalen Unterricht zurück. Seine Lehrer an der Waller Oberschule bewerten aber nach jeder Stunde anhand einer Skala von 1 bis 4, ob und wie M. seine Ziele erreicht. M. kann das nachlesen und nimmt die Bewertungsbögen mit nach Hause. Die Eltern müssen die Zettel jeden Tag unterschreiben. Dieses Verfahren gilt für alle Familienklässler.
Doris Drümmer hat das Projekt vor eineinhalb Jahren in Bremen aufgebaut, sie betreut auch eine zweite Familienklasse für das Förderzentrum an der Vegesacker Straße. Vom Erfolg ihres Konzepts ist sie überzeugt; es stammt aus London, wo es laut Drümmer an 25 Schulen praktiziert wird.
Trägerin des Bremer Modellprojekts ist die Waller Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft. Für die Familienklasse fließen Mittel vom Bundesfamilienministerium und vom Europäischen Sozialfonds, allerdings nur noch bis August nächsten Jahres. "Wie es weitergeht, wissen wir nicht", sagt Drümmer. Dabei gebe es noch so viel zu tun. So sei es erschreckend, wie viele Bremer Schüler regelmäßig zu spät kämen. Lehrer müssten stärker auf die "Vorstufen von Schulverweigerung" achten. Häufig hätten sie vor allem die lauten Störenfriede im Blick, während sich andere unbemerkt aus dem Staub machen könnten, besonders Mädchen. "Die verabschieden sich allmählich und still."
Auch die Bildungsbehörde weiß, dass Pädagogen oft zu lange warten, bis sie gegen Schulschwänzer vorgehen. Sie hat deshalb eine Handlungsanleitung erstellen lassen, die Lehrern aufzeigt, wie sie mit Schulverweigerern umgehen sollen. Die Anleitung soll in diesem Monat an alle Bremer Schulen gehen.


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