Historiker Julius Schoeps zur Kritik der Bremer Boykotteure

 - 12.03.2011

"Der Umgang mit Israel hat fast schon etwas Obsessives"

Bremen. In Bremen wird zum Boykott israelischer Produkte aufgerufen. Der renommierte Historiker Julius Schoeps, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien der Universität Potsdam, erklärt im Gespräch mit Jan-Philipp Hein, was seiner Meinung nach dahintersteckt: Antisemitismus.
Noch ist es friedlich an der Wachmannstraße. Franziska El-Schoura vom Bremer Friedensforum hält nichts von der Siedlungspolitik Israels und ruft zum Boykott israelischer Früchte auf.
Noch ist es friedlich an der Wachmannstraße. Franziska El-Schoura vom Bremer Friedensforum hält nichts von der Siedlungspolitik Israels und ruft zum Boykott israelischer Früchte auf.

Weser-Kurier: Wir werden gerade Zeugen, wie arabische Despoten ihr Volk ermorden - und das Bremer Friedensforum kommt in diesen Tagen auf die Idee, vor Supermärkten zum Boykott israelischer Waren aufzurufen. Was denken Sie?

Julius Schoeps: Man fühlt sich fatal erinnert an die NS-Zeit, genauer: an die Parole "Kauft nicht bei Juden!"

Nun überschreiben die Boykotteure ihren Aufruf mit "Wir schließen uns dem weltweiten Appell besorgter Juden an und rufen mit ihnen zum Boykott auf".

Das sind Mechanismen, die sattsam bekannt sind. Man versteckt sich hinter Juden, die es gibt und die dem Staat Israel gegenüber einen Hass empfinden. Man nutzt deren Argumente und erklärt, wenn Juden sich so zu Israel aussprechen, dann können wir das auch tun.

Welche Kritik wird geäußert?

Gefordert werden ein Siedlungsstopp, Verhandlungen mit dem Ziel einer Friedenslösung und anderes.

Klingt doch gut.

Das klingt ganz schlüssig, ja. Das Problem ist allerdings das Kleingedruckte. Wenn es so einfach wäre, hätten wir schon längst Vereinbarungen. Nur Widerstände gibt es in allen Lagern. Was mich irritiert, ist, dass die Friedensbewegten immer wieder mit ihren Protesten bei Israel landen. Man hört nichts über Proteste gegen den Iran, nichts über die Tibet-Politik der Chinesen, nichts über die Politik der Hamas, der Hisbollah und anderer Terrororganisationen in der unmittelbaren Nachbarschaft, die eine Konfliktregulierung erschwert. Es ist fast schon so etwas wie ein Pawlowscher Reflex. Man meldet sich immer dann zu Wort, wenn es um Juden und den Staat Israel geht.

Woran liegt das? Ist das der sogenannte Judenknacks, den der APO-Mann Dieter Kunzelmann dereinst attestierte?

Das ist keine schlechte Formulierung mit dem Judenknacks. Es gibt in der Tat ein Problem der nicht verarbeiteten NS-Geschichte. Der Umgang mit Israel hat fast schon etwas Obsessives. Wir haben es, scheint mir, mit Verdrängungsmechanismen zu tun. Hier werden die alten Vorurteilsbilder gegen die Juden, die nach wie vor existieren, auf den Staat Israel angewandt. Man befreit sich von einer Last, indem, man attackiert. Wir haben es mit einem Antisemitismus trotz und wegen Auschwitz zu tun. Sie kennen den wunderbaren Satz, "Die Deutschen werden den Juden Auschwitz niemals verzeihen".

Die Boykotteure werfen ihren Kritikern vor, die Antisemitismus-Keule gegen sie zu schwingen. Was hat es mit dieser Keule auf sich?

Der Begriff Antisemitismus-Keule wird von Nicht-Juden in den letzten Jahren regelmäßig gegen jüdische Intellektuelle und deren Verbündete ins Feld geführt.

Worum geht es demjenigen, der den Begriff benutzt?

Es geht darum, dass man den Vorwurf, Antisemit zu sein, nicht ertragen kann.

Hat das etwas damit zu tun, dass der Begriff Antisemitismus hier sofort mit dem Holocaust verknüpft wird?

Ja natürlich. Es wird immer schwerer, jemanden, der ein Antisemit ist, als solchen zu bezeichnen. Wie der damit umgeht, ist eine ganz andere Sache.

Aber man wird den Staat Israel doch noch kritisieren dürfen?

Wer bestreitet das denn? Man sollte dann aber dazu sagen, dass Israel der einzig demokratische Staat in der Region ist. Vielleicht kommen ja jetzt weitere hinzu. Es stellt sich allerdings die Frage, ob damit auch die Einsicht auf allen Seiten wächst, dass die Konfliktregulierung die Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben der Menschen in der Region ist.






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