Diskussion um Bremer Therapieprogramm

 - 22.03.2011

Eltern kämpfen um ihre Kinder

Von Bernd Schneider
Bremen. Die Laborergebnisse sind eindeutig: Talea (2) und Sarah (5) hatten Kontakt mit Drogen. In ihren Haaren hat ihr Körper Spuren von Heroin und Methadon eingelagert. Die Mädchen leben jetzt in einer Profipflege-Familie bei Hamburg; das Aufenthaltsbestimmungsrecht hat das Familiengericht den Eltern entzogen. Dabei versichern beide: "Wir haben ihnen keine Drogen gegeben."
Ein Tablett mit einer Heroinspritze, einem Becher mit Methadon sowie einem Gurt zum Abbinden des Blutes gehören zur Grundaustattung einer Ausgabestelle.
Ein Tablett mit einer Heroinspritze, einem Becher mit Methadon sowie einem Gurt zum Abbinden des Blutes gehören zur Grundaustattung einer Ausgabestelle.

Seit acht Jahren ist die 35-Jährige im Methadon-Programm. Harte Drogen, das beteuert sie, konsumiert sie nebenher nicht. Den Beigebrauch von Cannabis (Haschisch) habe sie gegenüber der Behörde aber stets eingeräumt - genau wie ihr Ehemann André L. Über Jahre sei das nicht beanstandet worden. Am Ende aber habe das Amt die beiden sowie die Kinder zur Haarprobe gebeten. Das war Mitte Dezember.

Und dann ging alles sehr schnell. Als die Ergebnisse für die Kinder Anfang Januar vorlagen, kam ein Anruf aus der Behörde: "Herr L., wir haben ein Problem", teilte die zuständige Sachbearbeiterin aus dem Sozialzentrum Gröpelingen mit. "Wir haben Drogen in den Haarproben Ihrer Kinder gefunden." Heroin und Methadon sowie typische Abbauprodukte, die sich nur im Haar einlagern, wenn die Leber die Drogen in ihre chemischen Bausteine zerlegt - für Mediziner sind diese Funde ein Beleg dafür, dass die Drogen nicht von außen in die Haarsubstanz gelangt sein können. Erste Reaktion von André L., so berichtet er, sei gewesen: "Wollen Sie mich veräppeln?"

Im Oktober 2010 wurden die ersten Fälle von Kindern bekannt, die von ihren Eltern Drogen bekommen. Reagiert die Sozialbehörde zu langsam?

75% (383 Stimmen)
Ja, die Kinder sind offensichtlich akut gefährdet.
5% (27 Stimmen)
Nein, Kinder würden vorschnell aus ihren Familien genommen werden.
20% (100 Stimmen)
Das sind nur Einzelfälle, die jetzt aufgebauscht werden.

Als die Frau vom Jugendamt vor der Tür stand, um die Mädchen abzuholen, "waren wir beide total fertig", sagt Daniela B. "Bitte, lieber Gott, lass mich hier bleiben", habe Sarah gesagt. "Und wir alle haben fürchterlich geweint." Dennoch unterschrieben die Eltern ein Papier, in dem sie sich einverstanden erklärten mit der Inobhutnahme der Kinder. Nur unter dieser Bedingung, so habe man ihnen zu verstehen gegeben, könnten sie die Kinder später nach der Entgiftung mitnehmen in eine Therapieeinrichtung. Und das kann immerhin ein halbes Jahr dauern.

"Wann dürfen wir wieder zu euch?"

Für ein paar Wochen waren die Mädchen im Kinderheim Hermann Hildebrand in Oberneuland untergebracht, "da konnten wir sie noch zweimal in der Woche besuchen". Inzwischen ist auch das vorbei: Die Mädchen leben in der Kurzzeitpflege in der Nähe von Hamburg. "Da sollen wir sie erst mal sechs Wochen nicht besuchen", sagt Daniela B. "Die sollen sich eingewöhnen." Ein Telefonat pro Woche werde erlaubt. Und jedes Mal müssten die Eltern die Frage beantworten: "Wann dürfen wir wieder zu euch?" Jederzeit, wenn es nach den Eltern ginge. Dabei ist der fünfjährigen Sarah klar, weshalb sie von den Eltern getrennt wurde - und doch versteht sie es nicht: "Aber ihr habt uns das doch nicht gegeben", soll sie dann am Telefon sagen.

Die Laborbefunde bei den Kindern können sich Daniela B. und André L. nicht erklären. Eher sind sie bereit, an Fehler oder absichtliche Manipulation zu glauben, als sie anzuerkennen. Alle Werte, das zeigen die Befunde, die sie vorlegen, liegen deutlich über der Nachweisgrenze, und das in beiden untersuchten Haarabschnitten - die Stoffe sind labortechnisch nachgewiesen. Einige Werte liegen aber unter der Bestimmungsgrenze, die Menge lässt sich damit nicht zuverlässig feststellen.

Nun fragen die Eltern: Ist eine Übertragung durch Speichel oder Schweiß möglich? "Ich kann mir das anders nicht erklären", sagt Daniela B. Unstrittig ist: Methadon lässt sich im Speichel von Substituierten nachweisen, einige Testverfahren arbeiten damit. "Wenn ich erst den Löffel ablecke und den Brei dann Talea gebe ... reicht das schon?" Die Heroin-Funde erklären sich so allerdings nicht - jedenfalls wenn es stimmt, dass die Eltern kein Heroin mehr konsumieren.

Rabeneltern, das weiß man auch in der Behörde, sind Daniela B. und André L. nicht. Nach der Geburt von Talea hatte der Familienkrisendienst die Familie begleitet, das Neugeborene war damals zur Methadonentgiftung in der Klinik. Im Kontakt mit der Behörde habe sich gezeigt, dass beide Eltern "über sehr gute Versorgungskompetenzen verfügen", heißt es im Abschlussbericht am Ende des sechswöchigen Einsatzes. "Beide Elternteile sind ihren Kindern sehr zugewandt und pflegen einen liebevollen und verantwortungsbewussten Umgang zu ihren Kindern". Der Vater gehe nach der Arbeit mit auf den Spielplatz, entlaste die Mutter im Haushalt, "die Bedürfnisse und das Wohlergehen der Kinder (stehen) für die Familie im Mittelpunkt".

Auch aktuelle Beurteilungen der Behörde legen die Eltern bereitwillig vor, selbst wenn sie ihnen wenig Hoffnung machen. Die Eltern "schätzen ihre Suchterkrankung sowie den notwendigen Entzug sowie die Therapie nicht realistisch ein", heißt es da. Die Kinder müssten von ihnen getrennt werden. Mehr als ein Besuch pro Monat in der Hamburger Einrichtung wird nicht empfohlen.

Um die Kinder wiederzubekommen, wollen Daniela B. und André L. nun dringend vom Methadon weg. Einen Platz zur Entgiftung haben sie bereits, aber die anschließende Therapie noch nicht gesichert. Daniela B.: "Wenn wir geahnt hätten, wie das ausgeht, hätten wir das schon viel früher gemacht."






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