Als stellvertretender Vorsitzender im Untersuchungsausschuss Kindeswohl hatte er das Thema Drogentherapie und Kindererziehung in den Jahren 2006 und 2007 eng begleitet. "Im Fall Kevin hatten wir 15 Jahre die unterschiedlichsten Hilfen in der Familie", sagt Möhle. "Da ist viel Geld reingeflossen. Und was war das Ergebnis? Die Mutter ist tot, das Kind lebt nicht mehr, der Vater sitzt in der Forensik." Viel zu selten werde hinterfragt: "Hilft die Hilfe?"
Dabei gehört Möhle nicht zu den Politikern, die den Behörden vorwerfen, nach dem Tod von Kevin nichts dazugelernt zu haben. Der Zweijährige war 2006 tot im Kühlschrank seines drogenabhängigen Ziehvaters gefunden worden. "Die neuen Kontrollen funktionieren", betont Möhle, "deshalb finden wir ja jetzt die Hinweise auf Drogen."
Man müsse sich aber auch fragen: "Ist das System noch in Ordnung?" Klar sei: "Kontrollen decken die Dimension des Problems vielleicht auf, aber lösen können sie es nicht." Nun müsse das System der "akzeptierenden Drogenarbeit" überprüft werden - also der Ansatz, Drogenabhängige mit dem Ersatzstoff Methadon zu versorgen, damit Beschaffungskriminalität und Rauschzustand wegfallen. Daran geknüpft sei die Hoffnung, dass Abhängige wieder arbeiten und ihre Kinder erziehen.
"Das", so Möhle, "bricht jetzt weg." Vor dem Hintergrund der jüngsten Haaranalysen bei Kindern zeichne sich ab: "Das Konzept funktioniert anscheinend nicht." Der Ansatz müsse daher ernsthaft hinterfragt werden. Eine Patentlösung könne derzeit zwar niemand vorweisen. Klar sei aber: "Viel zu oft wird nicht vom Kind ausgegangen." Man lasse die Kleinen in schwierigen Familien - in der Hoffnung, diese zu stabilisieren. Letztlich stehe damit der Drogenpatient im Zentrum. Diese Blickrichtung müsse in Frage gestellt werden. "Die Kinder müssen im Focus stehen." Und das bedeute auch: "Es geht nicht, dass man sie rausreißt aus ihre Umgebung, eine Zeitlang unterbringt, nach dann wieder in die Ursprungsfamilie holt." Kinder bräuchten verlässliche soziale Beziehungen - und die könnten auch in Pflegefamilien wachsen. Doch von diesen Familien gebe es zu wenig. "Die Pflege kann jederzeit beendet werden", kritisierte Möhle. Daher seien nur wenige bereit, Pflegekinder aufzunehmen. Alternative sei nur eine Adoption. "Dazwischen gibt es nichts", so Möhle. Das müsse geprüft werden.
Dem Linken-Abgeordnete Peter Erlanson fällt es derzeit schwer, nach den positiven Haaranalysen bei Kindern politische Konsequenzen zu fordern. Noch sei unklar, ob das Messverfahren überhaupt zuverlässige Ergebnisse liefere. Zumindest bis diese Frage beantwortet sei, müsse Methadon-substituierten Eltern das Erziehungsrecht zugestanden bleiben - sofern das Wohl der Kinder nicht infrage steht.
Zweifel an den Labor-Ergebnissen seien mehr als begründet, glaubt Erlanson: "Ich verstehe überhaupt nicht die angebliche Motivationslage der Eltern." Illegale Drogen seien kostspielig, Methadon nur begrenzt verfügbar. "Es macht aus meiner Sicht wenig Sinn zu glauben, dass Eltern Kleinkinder mit Drogen versorgen." Zunächst müssten die Befunde aus den externen Labors abgewartet werden. Erst dann könne man darüber streiten, ob der Vorrang elterlicher Erziehung in Methadon-Familien infrage gestellt werden müsse.
Auch die FDP äußert sich noch vorsichtig. "Die Ergebnisse der Haaranalysen sind erschreckend", sagte der Abgeordnete Oliver Möllenstädt. "Mich hat das schon betroffen gemacht. Mit einer so hohen Zahl an positiven Befunden habe ich nicht gerechnet." Bevor Kinder aus den Familien genommen würden, müsse "einwandfrei nachgewiesen sein, dass der Stoff verabreicht wurde". Der Schutz der Kinder sei ein hohes Gut. Man müsse aber jeden Einzelfall für sich bewerten und dürfe über Methadon-Familien nicht pauschal urteilen.
Eltern hätten grundgesetzlich das Recht, ihre Kinder selbst aufzuziehen, das dürfe man auch Methadon-Familien nicht pauschal verwehren, sagte der FDP-Politiker weiter. "Die Eltern lieben ihre Kinder ja nicht weniger, und wir dürfen nicht pauschal unterstellen, dass sie sie schlechter behandeln." Wichtig sei, dass den Eltern "Hilfe zur Selbsthilfe" gegeben werde, damit sie aus ihrer Abhängigkeit herauskommen. Insgesamt habe er aber den Eindruck, dass die Behörden die Konsequenzen aus dem Fall Kevin nur "höchst schleppend" ziehen. "Da gibt es immer noch Verbesserungspotenzial."


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