So leise alle Beteiligten in den vergangenen Monaten waren, so laut dürfte es in den kommenden Tagen werden. Und tatsächlich könnte ausgerechnet die Entscheidung, die im deutschen Superwahljahr 2011 als die langweiligste angesehen wurde und wird, doch noch interessant werden – um nicht zu sagen aufregend.
Genau das wollen die regierenden Parteien natürlich verhindern. Die Grünen bemühen sich, den eigenen Aufstieg kleinzureden und die gute Stimmung im Senat nicht zu gefährden. Wohlwissend, dass zu hohe eigene Ansprüche (von Gedankenspielen über eine grün-schwarze Regierung gar nicht zu reden) am Ende zu einer zusätzlichen Mobilisierung von SPD-Wählern führen könnten. Die Sozialdemokraten selbst müssen zwar nicht um ihre Vormachtstellung in der Bürgerschaft, wohl aber um den einen oder anderen Senatorenposten bangen. Sehr gut möglich, dass sich Bürgermeister Jens Böhrnsen bald von einem seiner Mitstreiter verabschieden muss – wenn er nicht den Senat aufstocken will. Insofern dürfte es auch von Bedeutung sein, dass man diesmal wird ablesen können, wie viele Stimmen jeder einzelne Senator erhalten hat.
Noch spannender ist die Frage, wie viele Parteien nach dem 22. Mai in die Bürgerschaft einziehen. Von vier (SPD, Grüne, CDU, Linke) bis sieben ( plus Bremer + Bremerhavener Wählergemeinschaft, Wähler in Wut, FDP) ist alles möglich. So zurückhaltend die etablierten Parteien sind, so kampfeslustig geben sich die, die bei Vorhersagen und Wahlbörsen noch unter „Sonstige“ aufgeführt werden. B+B-Spitzenkandidat Michael Busch hat für sich und seine Partei als Ziel gar zehn Prozent plus X ausgegeben, und könnte sich dann vorstellen, sein Amt als Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer aufzugeben. Die Prognose kann man sowohl mutig als auch größenwahnsinnig nennen, auf jeden Fall sorgt sie für Gesprächsstoff im Wahlkampf. Noch vor allem in der Handwerkskammer und der Bremer Wirtschaft, bald vielleicht in der Bürgerschaft? Busch macht zumindest das, was man in Bremen angeblich so gern (und in Wirklichkeit viel zu selten tut): Er wagt.
Zu echten Gewinnern könnten überraschend diejenigen werden, denen von Experten immer nachgesagt wird, sich für Politik gar nicht zu interessieren. Tatsächlich beschäftigen sich gerade Neuwähler ab 16 erstaunlich stark mit der Entscheidung am 22. Mai. Selbstorganisierte Foren sind gut besucht, es wird hart diskutiert, junge Kandidaten aller Parteien haben im Internet teilweise eine größere Anhängerschar als die älteren. Offenbar hat die Möglichkeit, zum ersten Mal selbst an einer Wahl teilzunehmen, doch ihren Reiz. Nicht auszuschließen, dass die Gruppe der Jungwähler einer der aktiveren sein wird – das wäre doch mal was!
Reizvoll ist am Ende auch, dass ausgerechnet in Bremen, der Stadt der Schaffer und Eiswettgenossen, der Wahlkampf diesmal von starken Frauen geprägt wird: Bürgermeister Böhrnsen sieht sich nicht nur Rita Mohr-Lüllmann von der CDU, sondern auch Karoline Linnert von den Grünen gegenüber. Und zumindest rein rechnerisch könnte es nach der Wahl zum ersten Mal für eine Bürgermeisterin in der Freien Hansestadt reichen... Wie gesagt: Alles gar nicht so uninteressant.


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