Auf Einladung der internationalen Universität im Bremer Norden und des Deutsch-Amerikanischen Clubs Carl-Schurz ist der Spitzendiplomat nach Bremen gekommen. Bemerkenswert früh, hat Murphy doch erst am 21. August seinen Posten angetreten. "Ich war noch nie in Bremen. Deshalb war es naheliegend, hierher zu dieser tollen Universität zu kommen."
Murphy tingelt in diesen Tagen durch Deutschland und macht seine Antrittsbesuche. Besonders im Fokus stehen für den 52-Jährigen dabei Treffen mit jungen Menschen. Das ist seine Herzensangelegenheit, daran lässt er keinen Zweifel. Und das ist nicht nur so dahergesagt. Murphy, der insgesamt 23 Jahre lang in Top-Positionen für die Investmentbank Goldman Sachs tätig war, hat sich in seiner Heimat stark für eine Bildungskampagne engagiert. "Ich möchte junge Menschen begeistern, einen Sinn für die Geschichte zwischen Deutschland und Amerika zu entwickeln und was wir heute damit erreichen können", sagt der Botschafter im Gespräch mit unserer Redaktion. Kritisch fügt er an: "Es gibt zu viele junge Deutsche und zu viele junge Amerikaner, die nicht genug über unsere gemeinsame Vergangenheit wissen."
So gibt der Diplomat im Vortragssaal des Campus Center ein wenig Nachhilfeunterricht. Mit einem großformatigen Foto von George C. Marshall und dessen Ehefrau Katherine läuft er durch die Sitzreihen, das Jacket liegt längst in der Ecke, das Rednerpult ist verwaist. Den legendären Marshallplan, der das deutsche Wirtschaftswunder in den 50er Jahren erst möglich machte, sieht Murphy als den Beginn der "besonderen Beziehung" zwischen beiden Ländern. Er erinnert an die einst vielen GIs in Deutschland und hält ein Foto des wohl berühmtesten Soldaten in die Höhe: Elvis Presley bei seiner Ankunft in Bremerhaven. Murphy stimmt "Treat me like a fool" aus dem Erfolgssong "Love me" an und imitiert gekonnt die tiefe Stimme des Rock'n'Roll-Stars - Presleys Hüftschwung erspart er sich allerdings.
Artig verteilt der US-Botschafter Nettigkeiten an die Bundesrepublik. "Deutschland ist beim Klimaschutz Klassenbester", lobt der frühere Harvard-Student. Und in Afghanistan "mache die Bundeswehr einen prima Job". Lob gibt es natürlich auch für seinen Boss. "Für einen besseren Klimaschutz hätten wir keinen besseren Präsidenten als Barack Obama bekommen können."
Philip D. Murphy ist bei den aktuellen politischen Themen angekommen. "Ich weiß, das wir das hinkriegen werden. Ich weiß nur nicht wann", sagt er zum umstrittenen Klimaschutzgesetz, gegen das es massiven Widerstand im Senat gibt. Schnellsprecher Murphy wechselt im Minutentakt die Themenfelder. "China bildet viel mehr Ingenieure aus als wir", klagt er über das US-Bildungssystem. Wie in Deutschland liege aber eine große Chance in der Integration von Zuwanderern, um den künftigen Mangel an Fachkräften einzudämmen.
Ausführlich redet Murphy über Afghanistan. Er zeigt ein Foto mit afghanischen Schulmädchen. Diesen Mädchen müsse das Gefühl vermittelt werden, auch Arzt oder sogar Präsident werden zu können, sagt er - der amerikanische Traum für das Land am Hindukusch. "Die Aufgabe ist es, El Kaida und deren extremste Verbündete zu bekämpfen und zu zerschlagen. Einer der besten Wege, dies zu erreichen, ist eine offene und freie Gesellschaft in Afghanistan aufzubauen." Unserer Nachfrage, ob die erstarkten Taliban-Milizen überhaupt noch militärisch zu besiegen sind, weicht er aus, da ist Murphy schon Profi: "Der Prozess der Veränderung wird lange Zeit dauern und viel Geld kosten. Aber ich bin ein Optimist."
Das Wort Optimist benutzt er auffallend häufig. Ein wenig ist Murphy wie sein Chef: Er hat Charisma, ist emotional, weiß die Menschen zu begeistern, kann Ideale verkaufen. Nur der konkrete Weg zum Ziel, der bleibt bei vielen Themen arg unscharf. Da hilft auch wenig, dass einige der Studenten
kritisch nachhaken. Murphys Antworten auf Fragen zur Iran-Politik, zu bislang fehlenden Ergebnissen beim Klimaschutz oder zur vertagten Schließung von Guantánamo bleiben eher allgemein.
Der "Botschafter der etwas anderen Art" kommt bei den Studenten der Jacobs University denn auch unterschiedlich an. Die 19-jährige Jessica Steinemann aus München findet, dass Murphy mit seiner lockeren Art das Publikum erreicht hat. Sie hätte sich aber gewünscht, dass er "auch mal Tacheles redet". Lukas Friedemann, er studiert Politik und Geschichte, hat einige Themen vermisst. Konkretes über die Zukunft der deutsch-amerikanischen Beziehungen etwa oder auch zur geplanten Stationierung von US-Truppen in Kolumbien. Kathleen Frazier, sie war mit den anderen US-Studenten der Jacobs University zum Abendessen mit Murphy eingeladen, ist hingegen begeistert. "Der Botschafter wirkt gar nicht so offiziell. Er hat mit uns auf Augenhöhe geredet." Sebastian Blümmert aus Düren schmunzelt über den Abend: "Herr Murphy ist der Thomas Gottschalk der Diplomaten."

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