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Im Areal zwischen St.-Jürgen-Straße und Friedrich-Karl-Straße entsteht in den kommenden Jahren ein neues Hulsberg-Viertel. Dort, wo jetzt noch die Pavillons des Klinikums Mitte stehen. Ein Masterplan ist in Arbeit, in die auch die Öffentlichkeit intensiv einbezogen wird. Karl Bronke, Leiter der Abteilung Soziales im Sozialressort von Senatorin Anja Stahmann, hat eine klare Vision für dieses Projekt: Die verschiedenen Milieus in Bremen sollen dort vertreten sein - nicht nur die Mittelschicht. Und: Bei der Entstehung des neuen Viertels sollen auch die mitwirken, die sich bei öffentlichen Anhörungen eher zurückhalten: Sozialhilfeempfänger, Wohnungslose, Migranten. Das neue Hulsberg-Viertel: Labor für städtisches Zusammenleben ohne soziale Kluft?
Bremen ist eine gespaltene Gesellschaft. Bronke war am bremischen Armuts- und Reichtumsbericht beteiligt. Die Befunde haben ihn beunruhigt: "Die soziale Schere hat sich erschreckend geöffnet", meint der promovierte Jurist, "so liegt die durchschnittliche Lebenserwartung etwa in Tenever bei 72 Jahren, in Schwachhausen aber bei 79 Jahren." Enorme soziale Unterschiede beobachtet Bronke. Differenzen in einem Ausmaß, das im Ländervergleich beispielsweise zwischen Österreich und Rumänien erreicht wird.
Experten sprechen von "Sozialsegregation". Soziale Gruppen sondern sich ab. Oder werden abgesondert. Seit dem Jahr 2000, sagt Bronke, habe sich die Kluft bei den Einkommen in Bremen immer mehr vergrößert und sich auch als "räumliche Segregation" gezeigt. Negativ-Beispiele sind für ihn Borgfeld und die Überseestadt: Hartz-IV-Empfänger sind hier kaum anzutreffen, während in Bremen beinahe jeder Fünfte Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch erhält.
Bronke erinnert an die USA, wo manche Wohn-Viertel schon mit Zäunen und Videokameras bewacht werden, andere Gebiete sich zu No-go-Areas entwickeln, in die man sich nicht hineinwagt. "Ich will keine Gebiet in Bremen, wo ich nachts nicht mehr hingehen kann", warnt er, "jeder soll überall leben können." Weg von der Trennung der sozialen Schichten. Hin zu einem Mix der Milieus. Und das neue Hulsberg-Viertel ist für ihn eine Chance, diesen sozialen Zusammenhalt zu organisieren.
Einfach wird das nicht. Denn auf dem frei werdenden 14-Hektar-Areal an der St.-Jürgen-Straße müssten nach Bronkes Vorstellung eben auch Wohnungen mit niedrigen Mieten entstehen. Geeignet für Menschen mit kleinem Geldbeutel. Für Hartz-IV-Empfänger. Vielleicht auch für Wohnungslose. Oder weniger begüterte Migranten. Nicht wie in Borgfeld. Oder in der Überseestadt. "Beim Hulsberg-Viertel sollte es nicht nur um schöner wohnen, sondern auch um preiswert wohnen gehen." Darüber ist Bronke aus dem Sozialressort mit dem Bauressort im Gespräch. Die haben auch ihre Interessenlagen, sagt Bronke. Sachzwänge. Etwa wenn es um den Verkauf öffentlicher Grundstücke geht, die eben auch Millionen in die Kasse spülen sollen. Bronke gibt aber auch zu bedenken: Bis 2020 sollen 14000 neue Wohnungen gebaut werden. Und im rot-grünen Koalitionsvertrag hat er auch die Passage entdeckt, nach der beim Verkauf öffentlichen Grunds soziale Gesichtspunkte beachtet werden sollten.
Hier aber könnte die Vision des sozialen Zusammenhalts unter den Druck ökonomischer Realitäten geraten. Offenbar zirkulieren in der bremischen Verwaltung realitätsferne Hoffnungen über den Verkaufserlös der Grundstücke des Klinikums Mitte. So werden diese Erlöse wohl kaum den aktuellen Buchwert erreichen, der bei cirka 100 Millionen Euro liegt. So geht die BDO Deutsche Warentreuhand AG in ihrem Gutachten von 38 Millionen bis 54 Millionen Euro aus, die die Grundstücksentwicklungsgesellschaft des Klinikums Bremen-Mitte durch die Veräußerung der frei werdenden Flächen ab 2014 erzielen wird. Kommt weniger Geld als erwartet in die Kassen, könnte dies Konzepte des sozialen Wohnungsbaus berühren. Zumal auch der Klinikverbund Gesundheit Nord ein Auge auf die Millionen hat, die durch den 14-Hektar-Verkauf eingenommen werden. Manche verplanen sie für den Neubau des Klinikums Mitte, andere für den Um- oder Neubau des Klinikums Ost ... Auf jeden Fall kollidiert hier der Wunsch nach maximalen Einnahmen mit der Vision sozialer Stadtentwicklung an der St.-Jürgen-Straße.
Für Bronke ist das kein Argument. "Wenn man soziale Ziele hat, geht das nicht umsonst", sagt er. Und so hofft er, das Hulsberg-Quartier könnte sich zu einem Revier sozialer Durchmischung entwickeln. Dafür müssten sich dann allerdings auch die interessieren, die bei den bisherigen öffentlichen Veranstaltungen zur Zukunft des neuen Hulsberg-Viertels kaum anzutreffen waren, geschweige denn, dass sie sich in die Diskussion eingebracht hätten. Diese Bremerinnen und Bremer will Bronke nun an das Projekt heranführen. Zuerst über die Sachwalter derer, die nicht auf der Sonnenseite der Gesellschaft leben. Die Innere Mission etwa. Oder verschiedene Arbeitsgemeinschaften arbeitsloser Bürger. Und in einem zweiten Schritt sollen auch die Betroffenen selbst angesprochen werden.
Erfahrungen hat die Stadt hier schon gesammelt, so in den WiN-Projekten. Wohnen in Nachbarschaften: Hier habe es geklappt, meint Bronke, die Menschen anzusprechen und sie zum Engagement für ihre Interessen zu motivieren. "Nun aber muss man sie für etwas interessieren, was noch nicht einmal auf dem Reißbrett existiert."



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