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Bremen. "So geht es nicht mehr weiter", sagt Simone Schulze (Name von der Redaktion geändert). Die 43-jährige Grundschullehrerin ist mit viel Idealismus in ihren Beruf gestartet, geblieben ist viel Frust. Ihr Arbeitsplatz ist eine Grundschule im Bremer Osten - in einem Stadtteil, in dem viele Familien mit sozialen Problemen zu kämpfen haben. Mit der Mischung aus Armut, Arbeitslosigkeit und Sprachschwierigkeiten kam die engagierte Lehrerin im Laufe der Jahre gut zurecht, doch durch die Inklusion ist für sie der Schulalltag kaum noch zu bewältigen.
Aktuell sind in ihrer Klasse 20 Kinder. Fünf von ihnen haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf. "Drei Kinder wären vor der Inklusion in eine Förderklasse gekommen", sagt Simone Schulze. Dort wären sie in Kleingruppen permanent von Sonderschulpädagogen unterrichtet und betreut worden. Jetzt gibt es für diese Kinder insgesamt fünf Förderstunden in der Woche. Die übrige Zeit ist Simone Schulze sowohl für die Inklusionskinder als auch für die Regelschüler allein verantwortlich.
"Drei der Förderkinder sind in einer Regelschule nicht beschulbar", meint die Lehrerin und erläutert an einem Beispiel, was das bedeutet: Eine siebenjährige Schülerin habe den Entwicklungsstand einer Vierjährigen. Anderen Kindern begegne sie nur mit Aggressionen oder Schimpfwörtern. Zusätzlich zu den Inklusionskindern gebe es in der Klasse weitere Kinder, die spezielle Aufmerksamkeit bräuchten - neun von 20 Schülern seien kaum in der Lage, dem Unterricht zu folgen.
Beschimpfungen und Prügeleien
Durch die neuen Herausforderungen hat Simone Schulze ihren Unterricht komplett umgekrempelt: "Früher habe ich den Schülern viele Lernstationen angeboten, an denen sie beispielsweise in der ersten Klasse Buchstaben basteln oder kneten konnten. Das ist gar nicht mehr möglich." Sobald die Kinder durch den Klassenraum gehen, beschimpften sie sich, prügelten sich oder nähmen sich gegenseitig Hefte und Stifte weg. Eine Möglichkeit, einige der "schwierigen Fälle" in einer Parallelklasse unterzubringen, gebe es nicht. Dort sei die Lage kaum besser.
"Man kann uns nicht vorwerfen, wir müssten pädagogisch anders an die Sache herangehen. Wer hier Inklusion machen will, der braucht mehr Personal", ist die Lehrerin überzeugt. So wie es im Augenblick laufe, könnten die Förderkinder nicht richtig unterstützt werden und die anderen Kinder schaffen es nicht, den Unterrichtsstoff zu erarbeiten. "Was soll aus diesen Kindern einmal werden?", fragt sich die Grundschullehrerin. Sie wundert sich, dass Eltern und Kollegen nicht Alarm schlagen. "Eigentlich müssten die Lehrer an Brennpunktschulen unter diesen Bedingungen streiken."
Unzufrieden mit dem neuen Inklusions-Modell sind auch viele Sonderpädagogen. "Ich bin nur noch eine Art Feuerwehr", bedauert Karola Schmidt - auch sie möchte als Beamtin ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung nennen. Während sie vor der Inklusion intensiv wenige Schüler betreute und zu ihnen eine enge Bindung aufbauen konnte, werde sie jetzt von Schule zu Schule geschickt. "Häufig soll ich dann die inklusiven Kinder während meiner Stunden aus der Klasse herausnehmen, damit die Lehrer mit den anderen einmal ungestörten Unterricht machen können. Das ist zwar verständlich - hat aber mit Inklusion nichts zu tun."
Ein anderer Sonderschullehrer, der links der Weser arbeitet, wundert sich über das Tempo, mit dem die Inklusion in Bremen eingeführt werden soll. "Das ist nicht nötig und nicht machbar", sagt er. An seiner Schule würde ein Viertel der Lehrer unter Burnout leiden. Die Überforderung komme aber nicht nur durch die Inklusion zustande. Ein Problem seien auch Kinder mit sozialer und emotionaler Entwicklungsbeeinträchtigung: "Diese Kinder kommen in die fünften Klassen der Oberschulen ohne eine zusätzliche Förderstunde, die sie vielfach in den Grundschulen noch hatten. Sie schmeißen den gesamten Unterricht über den Haufen und die Schulen haben keinerlei Möglichkeiten, die Kinder woanders unterzubringen oder sich Hilfe zu holen."
"Es muss sich was verändern"
Im Gegensatz zu seinen Kollegen scheut sich Bert Frommberger nicht, seinen Namen öffentlich zu nennen. "Ich sage schließlich nichts Schlimmes, ich stelle nur fest, was sich verändern muss", so der 48-Jährige. Er unterrichtet an der Oberschule Findorff eine Inklusionsklasse: Von seinen 23 Schülern haben sechs einen Förderbedarf im Bereich Lernen, Sprache und Verhalten. "Um allen Kindern gerecht zu werden, bräuchten wir dauerhaft zwei Lehrer in der Klasse", sagt Frommberger. Heute ist der Sonderpädagoge ungefähr in der Hälfte der Unterrichtszeit dabei. Neben Personal fehlt es auch an Differenzierungsräumen. In der Oberschule Findorff heißt es daher häufig: Arbeiten auf dem Flur. "Da ist es im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt und eigentlich immer zu laut", bemängelt der Lehrer. Und ohne Aufsicht könne oft nicht optimal gearbeitet werden.
Damit Oberschule und Inklusion funktionieren, müssen nach Ansicht des Findorffer Lehrers die Klassen viel kleiner werden: "20 Schüler sind das Maximum." Nur so könne auf alle Kinder eingegangen werden. Frommberger fordert außerdem die Auflösung der Gymnasien: Die guten Schüler seien dringend notwendig, um das Niveau in den Klassen nach oben zu bringen. Der Oberschullehrer weiß, dass solche Veränderungen Geld kosten. Sein Vorschlag: "Meiner Meinung nach müssen Mittel aus der Wirtschaft fließen. Denn die beschwert sich schließlich vehement, dass die Schulabgänger nicht die geforderten Leistungen bringen."



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