| Das Bürgerschaftswahl-Quiz » |
Man darf annehmen, dass Peter Erlanson schlucken musste als seine Partei, die Linke, ihre Liste für die Wahl komponiert hatte. Der Fraktionschef, vor vier Jahren die Nummer eins, war auf den zwölften Rang gerutscht. Ob die Linke ein Dutzend Mandate erreicht? Niemand weiß es. Aber da ist eben auch noch das neue Wahlrecht. Es eröffnet den Wählerinnen und Wählern die Möglichkeit, fünf Stimmen über Parteigrenzen hinweg zu verteilen und sie auch einzelnen Bewerbern zuzuordnen. Damit gibt es einen politischen Hoffnungslauf für Kandidaten, die von ihrer Partei keinen sicheren Platz bekamen. Sie können sich nun noch eine Chance ausrechnen.
Erlanson zum Beispiel. Er hat nicht nur als Fraktionschef, sondern auch als Belegschaftsvertreter des Klinikums Links der Weser viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er kennt viele, und noch mehr erkennen ihn - nicht nur im Bremer Süden. Das liegt auch an seinem wuscheligen Langhaar, das ein bisschen an politische Prominenz aus dem 19. Jahrhundert erinnert. Erlanson spielt selbst darauf an: "Ich bin der Karl Marx von Bremen." Er hat auch etwas zu verteilen - Visitenkarten. In gelber Schrift ist auf rotem Grund zu lesen: "Gib mir fünf! 5 Stimmen für Peter Erlanson."
Auch bei anderen Kandidaten, die trotz mehrjähriger Zugehörigkeit zum Parlament weiter unten platziert wurden, ist die Visitenkarte ein Hauptkampfmittel. Manfred Oppermann ist einer von ihnen. Einige Zahlen: Er ist Jahrgang 1951, seit 43 Jahren in der SPD, gehört dem Parlament seit 1999 an - und hat jetzt schon weit über 1000 Visitenkarten verteilt. Seine Losung lautet: "Ich muss für mich kämpfen, damit ich viele Stimmen bekomme." Und wenn ihm das gelinge, sei es auch nicht zum Schaden der SPD.
Er hat auf eigene Rechnung nicht nur die Visitenkarten gekauft, sondern jüngst auch 400 Rosen, um sie vor Ort zu verteilen. "Wer Politik macht, der muss zu den Leuten gehen." Er vertraue auf Wahlkampf der "klassischen Art" und verzichte auf einen eigenen Auftritt im Internet: "Ich spreche mit den Leuten." Dabei konzentriert sich Oppermann auf "sein" Huchting, wo er seit den 70er-Jahren politisch aktiv ist und auf einen entsprechenden Bekanntheitsgrad setzen kann. Niemand weiß, wie viele Stimmen nötig sind, um es als Solist zu schaffen. Losung Oppermann: "Ich werbe um die fünf Stimmen, die die Wählerinnen und Wähler haben."
Auch für Claas Rohmeyer (CDU) gilt der Grundsatz: das eigene Viertel im Fokus. Er baut "voll auf Regionalität im Bremer Osten". Sebaldsbrück, Osterholz, nun wieder Sebaldsbrück, das sind geografische Konstanten auch in seinem Privatleben. Unter anderem war er in den 90er-Jahren lange Beiratsmitglied in Osterholz. Obwohl ein erfahrener Abgeordneter und ausgewiesener Bildungspolitiker, kam er nur auf Platz 31 der CDU-Liste. Rohmeyer hat eine regionale Programmatik in petto. Er fordert den vierspurigen Ausbau der Osterholzer Heerstraße, verlangt beispielsweise dass die Albert-Einstein-Schule ein Gymnasium wird und die Polizeistation im Weserpark erhalten bleibt. In der politischen Werbung vor Ort setzt Rohmeyer mehr als Visitenkarten ein - er hat, auch auf eigene Kosten, 30000 Faltblätter und hundert große Plakate drucken lassen.
"Destek Sizden, Hizmet Benden", lautet die Losung von Mustafa Öztürk, der ebenfalls auf Jahre im Parlament zurückblicken kann, gleichwohl auf dem hinteren Rang 24 der Grünen-Liste kämpfen muss. "Mit Eurer Unterstützung kann ich dienen", übersetzt er diesen Satz auf seinem Plakat. Neben Postern in türkischer und deutscher Sprache hat er Faltblätter drucken lassen. Die verteilt er nun unter anderem in Geschäften - und zwar überall im Stadtgebiet. "Ich kandidiere, also kämpfe ich - ganz egal, auf welchem Listenplatz."
Wilko Zicht, der mit seinem Faible für Mathematik und Politik zum bundesweit gefragten Wahlrechtsexperten wurde und in dieser Rolle mit Erfolg schon den Staatsgerichtshof und das Bundesverfassungsgericht beschäftigt hat, präsentiert sich nicht auf Plakaten. Kontakt hält er unter anderem über seinen Internet-Auftritt "wahlrecht.de", der täglich über zehntausend Mal angeklickt wird. Zudem hat er Aufkleber. Mit einem Augenzwinkern orientiert er sich dabei an dem Slogan "Willy wählen", mit dem einst für SPD-Kanzler Willy Brandt geworben worden war. Zichts Variante: "Wilko wählen".