Parteichef Sigmar Gabriel in Bremen

 - 19.05.2011

SPD warnt vor Schwarz-Grün

Von Rainer Kabbert
Bremen. Na bitte, kurz vor Toreschluss kommt doch noch Wahlkampfstimmung in Bremen auf. Die SPD lädt ihren Bundesvorsitzenden Sigmar Gabriel auf den Marktplatz und kultiviert dabei ein wenig Angst vor den Grünen. Parteichef Andreas Bovenschulte warnt jedenfalls davor, das Ergebnis des Urnengangs am Sonntag schon vorwegzunehmen. „Noch ist gar nichts entschieden“, ruft er den rund 2000 Besuchern zu.
SPD-Chef Sigmar Gabriel sprach im Wahlkampf auf dem Bremer Marktplatz. Jens Böhrnsen (links) war dabei.
SPD-Chef Sigmar Gabriel sprach im Wahlkampf auf dem Bremer Marktplatz. Jens Böhrnsen (links) war dabei.

„Sehr gefährlich“ sei die Einschätzung, es sei alles schon gelaufen. „Denn was ist denn, wenn eine schwarz-grüne Mehrheit möglich wird?“ Bei den Bremer Grünen hat er „starke Kräfte“ entdeckt, die auf inhaltliche Gemeinsamkeiten mit der CDU blickten – etwa bei den Themen Privatschulen und Rückzug des Staates bei öffentlichen Aufgaben.

Bürgermeister Jens Böhrnsen nutzt die Steilvorlage zu einer Attacke auf seinen grünen Koalitionspartner: „Es macht mich fassungslos, dass Grüne sagen, in Bremen würden zu viele Autos gebaut.“ Er verteidigt den Autostandort in Sebaldsbrück. Es sei gut, dass Tausende dort Arbeit hätten. Hintergrund der Kritik ist ein Interview der grünen Landeschefin Karin Mathes, die zum neuen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann befragt wurde. Der hatte sich kritisch zur automobilen Mobilität geäußert. Der Bremer Grünen-Sprecher Matthias Makosch sieht in dem Mathes-Interview jedoch kein Plädoyer für eine Drosselung der Autoproduktion, sondern für die Herstellung umweltfreundlicher Autos.

Lang ersehnt, nun ist er also da: der Wahlkampf. Doch bevor Hauptmatador Sigmar Gabriel auf die Bühne kommt, bringt „Captain Candy“ das Auditorium in Stimmung, mit Rolling-Stones-Titeln wie „Honky Tonk Woman“ und „I Can’t Get No Satisfaction“. Endlich erscheint Gabriel, ein Stau hat ihn aufgehalten. „Ob das der Loske war?“, witzelt Zuschauer Carsten Sieling, der SPD-Abgeordnete in Berlin, und fügt sich so ins Bild einer Partei, die – hier mit Humor – um Abgrenzung bemüht ist. Gabriel setzt nahtlos diese Strategie fort und wirbt bei der klassischen SPD-Klientel um Unterstützung. Mit einem Plädoyer für die Old Economy, die man nicht gegen die Dienstleistungsgesellschaft ausspielen dürfe. Und: Grüne Technologien wie in der Windindustrie seien wichtig, doch notwendig sei auch die klassische Industrie: Stahl, Chemie, auch die Autofirmen.

Im Blickfeld der Sozis: Industriearbeiter und Menschen, die nur wenig vom wirtschaftlichen Aufschwung profitieren. Gabriel wie Böhrnsen fordern den gesetzlichen Mindestlohn, für den sich auch der DGB vor dem Roland stark macht, in Kostümen der Bremer Stadtmusikanten: „Lohndumping nicht in Bremen.“ Gabriel sieht die Forderung gut aufgehoben in der Hansestadt, etwa mit Auflagen bei öffentlichen Aufträgen. Böhrnsen spricht denn auch von „Skandal“, wenn Menschen arbeiteten und doch staatliche Unterstützung benötigten. „Deshalb brauchen wir den Mindestlohn“, ruft er aus und erntet regen Beifall, der sich häufiger wiederholen sollte als während der Rede Gabriels.

An die SPD als Arbeiterpartei erinnern indes nicht nur Themen der Redner und Präsenz des DGB als früherer treuer Bündnispartner. Auch die SPD-„Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen“ ist vertreten, deren Riesenfahne unentwegt geschwenkt wird, als wollte der Genosse an die wahren Ziele seiner Partei erinnern.

„Miteinander“, steht programmatisch am Rednerpult, und so werden auch die sozialdemokratischen Senatoren auf die Bühne gebeten. Mit Ausnahme des Wirtschaftssenators, der in Bremerhaven auf Stimmenfang ist. Und als hätten die Sozialdemokraten Petrus in ihre Wahlkampfstrategie eingebunden, bricht die Sonne durch die Wolken. Für Schattenseiten bleibt denn auch kein Platz, als Gabriel die Leistungen des Senats bilanziert. 12.000 zusätzliche Arbeitsplätze, ein Bildungssystem, in dem die Herkunft nicht entscheidend sei, Studium ohne Gebühren. „In Bremen wird viel geleistet“, meint er, „doch den Ländern muss man mehr Geld geben, anstatt es auf Bundesebene an die Falschen zu verteilen.“ Sagt er, bevor Tina Turner zum Abschluss den Genossen Mut macht und aus der Musik-Konserve röhrt: „You’re Simply The Best“.






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