Wahlausgang in Bremen

 - 27.05.2011

Das Ende der Ruhe

Von Lars Haider
Bremen. Da soll noch einer sagen, Politik in Bremen sei berechenbar und langweilig! Kaum sind der fade Wahlkampf und die Bürgerschaftswahl vorbei, wird es richtig interessant – und selbst der große Sieger hat auf einmal (Personal-)Probleme. Die Grünen müssen nicht nur einen dritten Senator in der neuen Regierung erkämpfen, sondern auch einen Nachfolger für Reinhard Loske finden. Gerade letzteres dürfte nicht einfach werden, weil der Umwelt- und Verkehrssenator in einer Stadt, die sich als Autostadt definiert, per se eine schwierige Rolle hat. Loske war zuletzt quasi zum grünen Gegenspieler von Bürgermeister Jens Böhrnsen und dessen Wirtschaftssenator Martin Günthner geworden, eine Auseinandersetzung, die er nicht gewinnen konnte.
Umweltsenator Reinhard Loske: Auch nach dem Moratorium der Bundesregierung zur Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke kämpfen die Grünen gegen das entsprechende Gesetz.
Umweltsenator Reinhard Loske hat seinen Rückzug angekündigt.

Vielleicht ermöglicht sein Rückzug, die Zuschnitte der Ressorts zu überdenken: Die Verkehrspolitik könnte mindestens so gut bei Günthner angesiedelt werden wie in der Umweltbehörde. In Bremen gibt es nicht wenige Stimmen, gerade aus der Wirtschaft, die meinen, dass sie sowieso dorthin gehört. Die Arbeit des neuen grünen Senators würde durch diese Aufteilung auf jeden Fall leichter, und in die ideologisch aufgeladene Diskussion um Verkehr/Auto könnte endlich wieder etwas mehr Ruhe kommen.

Ansonsten gibt es die nur bei der SPD, die mit dem alten und neuen Bürgermeister Jens Böhrnsen bereits zur Regierungsroutine übergegangen ist. In den anderen Parteien ist die vor der Wahl verordnete Gelassenheit dagegen dahin. Bei den Grünen wegen Loskes Demission, bei CDU und FDP wegen des enttäuschenden beziehungsweise katastrophalen Abschneidens – und und Linke werden debattieren, dass sie es nur relativ knapp über die Fünf-Prozent-Hürde geschafft haben.

Gleich alle Parteien werden sich neu orientieren müssen, weil die alte Bremer Ordnung, SPD vor CDU vor dem Rest, seit dem 22. Mai Geschichte ist. So wie sich die Stimmen- und Sitzanteile in der Bremer Bürgerschaft verschoben haben, dürfte sich künftig auch das Miteinander der Parteien verändern. Obwohl nur zweitstärkste Kraft, sind die Grünen wichtigster Faktor in einer Zeit, in der es im Land offenbar keine absoluten Mehrheiten mehr gibt.

Die SPD braucht sie, um zu regieren, die CDU bräuchte sie noch viel nötiger. Um überhaupt ein echter Konkurrent um das Bürgermeisteramt zu werden, ist es für die Christdemokraten existenziell, dass sie in den kommenden vier Jahren sowohl inhaltlich als auch persönlich eine Nähe zu den Grünen aufbauen. Gelingt das nicht, bliebe der CDU auch 2015 nur die Option mit den Liberalen – und was das heißt, hat sie jetzt schmerzlich erfahren. Genauso erschreckend wie der Zustand des geborenen Koalitionspartners FDP muss für Spitzenkandidatin Rita Mohr-Lüllmann gewesen sein, dass ihr grünes Gegenüber Karoline Linnert bereits vor der Wahl Gespräche mit der CDU ausgeschlossen hat. Das dürfte relativ einmalig in der Geschichte deutscher Landtagswahlen gewesen sein.

Einmalig war auch, dass das vorläufige amtliche Endergebnis erst am (späten) Mittwochabend nach der Wahl feststand. Das lange Auszählungsprozedere war im Vorfeld oft kritisiert worden, am Ende erwies es sich gar nicht als so schlecht. Erstens, weil die Hochrechnungen am Wahltag gewohnt präzise waren, zweitens, weil Bremen nicht nur in der Stunde der Entscheidung, sondern auch in der Woche danach bundesweite Aufmerksamkeit auf sich zog. Selbst die Kanzlerin konnte die Ergebnisse aus dem kleinsten Bundesland nicht ignorieren – eher im Gegenteil...






Special

Die Abschlusskundgebungen der Parteien

Die Redaktion von WESER-KURIER Online hat die Abschlusskundgebungen von SPD, CDU, Grünen, FDP und Linken begleitet. Berichte, Videos und die Einschätzungen unserer Redakteure finden Sie hier.

18. Mai: Grüne mit Jürgen Trittin

18. Mai: Linke mit Gregor Gysi

19. Mai: SPD mit Sigmar Gabriel

19. Mai: FDP mit Philipp Rösler

20. Mai: CDU mit Angela Merkel

 

Bilder zur Bürgerschaftswahl

Wie gut kennen Sie sich aus?

Die Kandidaten im Video-Interview

Jens Böhrnsen, Spitzenkandidat der SPD

Rita Mohr-Lüllmann, Spitzenkandidatin der CDU

Karoline Linnert, Spitzenkandidatin der Grünen

Oliver Möllenstädt, Spitzenkandidat der FDP

Kristina Vogt und Klaus-Rainer Rupp, Spitzenkandidaten der Linken

Christina Meyer, Jungkandidatin der FDP

Alexander-Georg Keckel, Jungkandidat der Linken

Luisa-Katharina Häsler, Jungkandidatin der CDU

Linda Neddermann, Jungkandidatin der Grünen

Björn Jantzen, Jungkandidat der SPD