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Am 25. Mai war für den grünen Spitzenmann bereits klar, dass er den Job nicht mehr machen will. Dass er mehr als 7800 Personenstimmen bei der Bürgerschaft erhalten hat und mit seiner Entscheidung die Wähler übergeht, ist ihm bisher keine Silbe wert. Hochachtung vor der demokratischen Entscheidung der Bürger sieht anders aus.
So oder so: Eine klare Linie wäre es gewesen, die Sachen zu packen, den Arbeitsplatz für den Nachfolger in Ordnung zu bringen und nach Hause zu gehen. Doch Loske wählte eine andere Lösung. Den schrittweisen Rückzug. Er versicherte, er werde das Amt bis zum Ende der Legislaturperiode bekleiden. Eine schlüssige Begründung gibt es dafür nicht, schließlich könnte für die kurze Phase auch der Staatsrat die Amtsgeschäfte führen. Ein Nachspann-Senator erfüllt keinen Zweck.
Erhöhter Rentenanspruch
Für Loske macht sich das Durchhaltevermögen möglicherweise bezahlt. Wenn er über den 29. Juni 2011 hinaus Senator bleibt, steige sein Rentenanspruch um mehr als 900 Euro. Das hat der Bund der Steuerzahler ausgerechnet. Wenn Reinhard Loske weniger als vier Jahre Senator bleibt, hätte er danach 19,1 Prozent seines Amtsgehalts ab dem 63. Lebensjahr als Rente aus der Bremer Kasse bekommen. Durch die merkwürdige Durchhänge-Phase erhöht sich dies nach dem 29. dieses Monats auf 27,74 Prozent. In Euro: entweder etwas mehr als 2000 Euro Rente oder etwas weniger als 3000 Euro. Das alles hängt davon ab, wann sich die Bürgerschaft konstituiert. Es könnte knapp werden. Geplant ist nach derzeitigem Stand die letzte Juni-Woche oder die erste Juli-Woche.
Der potenzielle finanzielle Zugewinn ist nur eine Merkwürdigkeit in einer ganzen Reihe, die den Abgang des Senators begleiten. So haben ihn die Grünen in die Koalitionsverhandlungen mitgenommen. Da verhandelt also jemand über die Zukunft Bremens, den das eigentlich alles nichts mehr angeht. Loske hinterlässt dabei in Bremen mehr Spuren als lediglich zwei Fußgängerampeln an der Kurfürstenallee. Zum Beispiel hat er noch kurz vor der Wahl den Verkehrsplaner Gunnar Polzin aus Kassel nach Bremen geholt, der als stringenter Fahrrad-Befürworter gilt. Auch das Papier, das Loske in die Koalitionsverhandlungen eingespeist hat, gilt als Öko-Kampfansage eines Verprellten. Da ist von fahrradfreundlichem Ausbau der Straßenknoten die Rede, von einer Modell-Radroute zur Uni und von einer Nachtflug-Beschränkung für den Flughafen. Der eine oder andere Punkt aus der Öko-Agenda wird es heute in die Endfassung des Koalitionsvertrags schaffen. Loske geht, er wird aber nachwirken.
Loske gab für seinen Abschied persönliche Gründe an. Abends, am 25. Mai, machte er dann die Medien für seinen Verdruss mitverantwortlich. Die Einschätzung aber, dass er eher gehen als bleiben würde, war lange vor der Wahl immer wieder zu hören. Und die Auguren registrierten Indiz nach Indiz, um bald kein Problem mehr zu haben, Loskes Rückzug vorherzusagen. Was erst vage klang, wurde mit konkreten Hinweisen unterlegt, die in der Rückschau immer mehr Dynamik entwickelten.
Da ließ zum Beispiel die Listenaufstellung bei den Grünen aufhorchen. Außenstehende nahmen an, Loske komme automatisch hinter der grünen Ressortchefin Karoline Linnert auf Rang zwei. Das kam er auch, aber vorab wurde dies unter Grünen keineswegs durchweg positiv bedacht.
Ohnehin gab es gleich anfangs den Eindruck, dem intellektuellen „Denker“ Loske mangele es an Bezug zu seinen kommunalen Dezernentenaufgaben, den kleinteiligen städtischen Dienstpflichten im Amt. Es entwickelte sich vom Start weg eine Aura des Fremdelns. Da wuchs nicht zusammen, was auch nicht zusammen passte. Und selbst die Verzahnung mit der Basis-Parteiarbeit der Grünen gelang nicht. Das Schlimmste war, dass es schließlich schon fast beliebig war, ob er Anlass dafür bot, als Fremdkörper betrachtet zu werden oder nicht – er war es. Politisch war es da längst zu spät. „You never get a second chance to make a good first impression“, so eine britische Weisheit, man bekommt nie eine zweite Möglichkeit, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen.
Vorwurf der Tatenlosigkeit
Bald kamen Vorwürfe größeren Kalibers. So wurde ihm – nicht offen, aber heftig – Tatenlosigkeit oder ungeschicktes Handeln als Gewoba-Aufsichtsratsschef angelastet. Bald kursierte dazu ein Paradoxon: Es ging der Geschäftsführer, den er halten wollte – und es blieb der, der nur „auf Bewährung“ in der Chefetage saß und nicht favorisiert wurde. Dumm gelaufen.
Solche Kritik an der Arbeit wurde bald garniert mit vielsagenden Anmerkungen. Ein Beispiel war die Begleitmusik, die vor rund einem halben Jahr nach der Veröffentlichung von Loskes Denkschrift „Abschied vom Wachstum“ verbreitet wurde. Öffentliche Äußerungen von ihm wurden in seinem parteipolitischen Umfeld bald mehrheitlich mit dem Hinweis kommentiert, der „Herr mit dem Heftchen“ habe wieder etwas gesagt. Anerkennung klingt anders.
Heftiger wurde es, als Rechenkünstler im Vorwahlkampf hinter den Kulissen argumentierten, die SPD bekomme meist über 100<ET>000 Stimmen und könne damit sogar die absolute Mehrheit erreichen, sprich: die Grünen als Koalitionspartner überflüssig machen. Das war zwar ausdrücklich unwahrscheinlich, reichte aber, um das Wirken Loskes noch kritischer zu beäugen. Motto: Verprellt er mit seiner Politik die Wähler, die die Grünen brauchen, um an der Regierung zu bleiben?
Im Wahlkampf kam Reinhard Loske nur noch selten vor. Er wollte nicht? Er sollte nicht? Es spielte schon keine Rolle mehr.


