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Warum ist eine so bedeutende Gedenkstätte wie die "Stedingsehre" im Vergleich zu anderen Stätten wie dem Bunker Valentin oder dem Konzentrationslager Esterwegen dem Fokus der großen Öffentlichkeit bislang weitgehend verborgen geblieben?
Lutz Walk: Es ist schwierig, einen Ort wie die Freilichtbühne "Stedingsehre" in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken, weil hier - Gott sei dank! - kein Mensch umgebracht worden ist. Bei Vernichtungsstätten wie dem Bunker Valentin ist das Grauen greifbarer. Auf der "Stedingsehre" aber ist die Ideologie und die Voraussetzung für die menschenverachtende Weltanschauung der Nazis verbreitet worden. Und die Tatsache, dass auf dem Bookholzberg auch eine Gauschulungsburg, also eine Kaderschmiede für die Führungskräfte entstehen sollte, wird bis heute gern verdrängt.
Nun scheint die Möglichkeit greifbar, in der ehemaligen Hausmeisterwohnung am Grenzweg ein Dokumentationszentrum zu errichten. Was wäre damit gewonnen?
Die Initiative der CDU-Fraktion, für das Projekt 115000 Euro in den Haushalt einzustellen, hat auch uns als Arbeitskreis überrascht. Als ich die Meldung gelesen habe, habe ich gedacht, ich träume. Eigentlich waren wir auf ein Haus im Spieldorf fixiert, aber das rückt das Berufsförderungswerk als Eigentümer des Geländes natürlich ungern raus. Die ehemalige Hausmeisterwohnung am Grenzweg fanden wir anfangs überhaupt nicht so gut, aber sie hat den Vorteil, dass sie sofort nutzbar ist. Außerdem könnte man dort gut Besuchergruppen empfangen, und wir hätten endlich Räumlichkeiten, wo wir ein Archiv einrichten könnten. Damit würden wir nach dem Erwerb der Räume auch sofort beginnen. Ohne Dokumentationszentrum werden viele der vom Arbeitskreis gesammelten Informationen und Dokumente bald verloren gehen.
Könnte der Arbeitskreis "Stedingsehre", der ja ehrenamtlich arbeitet, denn überhaupt den Betrieb eines Dokumentationszentrums gewährleisten?
Nein, das könnten wir alleine sicher nicht, und es wäre auch nicht damit getan, ein paar Tafeln aufzustellen. Das Dokumentationszentrum braucht gerade zu Beginn professionelle Unterstützung, weil natürlich eine sorgfältige Präsentation erarbeitet werden muss. Ich bin zuversichtlich, dass die Dauerfinanzierung in den ersten zehn Jahren kein Problem darstellen würde. So könnte man etwa auf Gelder von Stiftungen zurückgreifen oder die Stelle mit einem Doktorandenstipendium verknüpfen. Forschungsaspekte gibt es noch jede Menge. Nur für den Erwerb des Gebäudes können wir nicht auf Stiftungen zurückgreifen, weil die erklärtermaßen keine Bauten, sondern nur Projekte fördern. Das haben wir auch erst lernen müssen.
Was halten Sie von der immer mal wieder geäußerten Idee, die Freilichtbühne wieder als solche zu nutzen?
Prinzipiell stehe ich dieser Idee völlig offen gegenüber - allerdings nur, wenn die Geschichte und die historische Belastung des Ortes dabei auch deutlich werden. Und dies geht nicht ohne ein Dokumentationszentrum. Wir wollen den Menschen nicht den Spaß verderben, aber es muss immer eine Mischung bleiben aus Faszination und Würgereflex.
Die "Stedingsehre" hat nach dem Ende der Naziherrschaft ja nicht immer brachgelegen ...
Nein, das ist richtig. In den 60er-Jahren haben dort etwa Beat-Festivals stattgefunden, und auch der Spielmannszug Bookholzberg hat das Gelände für seine internationalen Musikfeste genutzt. Auch die Freilichtbühne in Bad Segeberg, wo bis heute die Karl-May-Festspiele stattfinden, oder die Waldbühne in Berlin sind übrigens in den 30er-Jahren entstanden und ein Erbe des Nationalsozialismus. Die Waldbühne war früher sogar nach einem Jugendfreund Hitlers benannt.
Angenommen, Sie wären Intendant der Freilichtbühne "Stedingsehre": Welche Stücke würden Sie dort spielen?
Die Bühne in ihren ursprünglichen Dimensionen zu nutzen, macht sicher keinen Sinn mehr, und die Produktionen müssen zum Ort passen. Ich könnte mir natürlich den Stedinger-Stoff in modernen Bearbeitungen vorstellen, aber auch Kriminalstücke, eine Shakespeare-Tragödie oder eine Kooperation mit den Schauspielern vom Bremer Blaumeier-Atelier.
Wie steht denn das Berufsförderungswerk zu den Plänen?
Wir planen nichts über den Kopf des bfw hinweg, und gerade der neue Geschäftsführer Jörg Barlsen ist sehr kooperationsbereit. Das bfw unterstützt alles, was den Unterricht nicht stört. Abgesehen davon ist das bfw ja ein absolut gelungenes Beispiel für Konversion.
Aber würde die Neunutzung der Bühne den Unterricht nicht stören?
Ich finde, eher das Gegenteil wäre der Fall: Die Ausbildung von Fachleuten für Tourismus und Freizeit könnte auf diese Weise Lerninhalte sogar sinnvoll synergetisch verknüpfen. Langfristig könnte die "Stedingsehre" auch einen Beitrag zur Identität Bookholzbergs leisten. Als "GeschichtsOrt" ließe sie sich neben "KulturOrten" wie der St.-Cyprian-Kirche oder "NaturOrten" wie dem Hasbruch in ein umfassendes und einheitliches Tourismuskonzept einbinden.
In der Gemeinde bestehen offenbarBefürchtungen, eine Wiederbelebung der Freilichtbühne könnte möglicherweise Neonazis anlocken. Wie begegnen Sie diesen Bedenken?
Wenn deutlich wird, dass es hier um die Entlarvung des nationalsozialistischen Gedankenguts geht, glaube ich nicht, dass die Stedingsehre für Neonazis attraktiv werden könnte. Der Ort ist auch viel zu schwer zu greifen, als dass da irgendetwas verherrlicht werden könnte. Unsere Aufgabe ist die Entmystifizierung, und Mythen entstehen nur durch Verheimlichung. Auch unsere szenischen Lesungen von "De Stedinge" waren für Neonazis völlig uninteressant.
In den 90er-Jahren gab es bereits ein fertiges Nutzungskonzept für die "Stedingsehre" ...
Das ist damals aus Protest gegen die Pläne des bfw entstanden, die ehemaligen Tribünen der Freilichtbühne zu überbauen, um dort ein Internat einzurichten. Aus Geldmangel ist dieses Projekt aber zum Glück nie realisiert worden. Eine Bürgerinitiative hatte dagegen die Idee eines "Kulturzentrums Spielhäuser" mit einer Weinstube, Geschenkelädchen und einem Gartencafé entwickelt. So geht's aber auch nicht. Man kann aus dem Gelände keinen Freizeitpark machen. Wir wollen mit dem Dokumentationszentrum keine Heimatstube schaffen, und wir nennen es auch bewusst nicht Museum. Eine Neunutzung kann immer nur vor dem Hintergrund passieren, was da einmal war. Und es ist nie zu spät: Die Nürnberger haben auch bis in die 90er-Jahre gebraucht, ein Konzept zu entwickeln, wie man mit dem Reichsparteitagsgelände umgehen kann.
Zur Person: Prof. Lutz H. Walk wurde 1943 im pfälzischen Zweibrücken geboren. Von 1974 bis 2008 hat der Soziologe an der Hochschule Bremen Sozialarbeiter und Sozialpädagogen ausgebildet. Seit 2005 engagiert er sich im Arbeitskreis "Stedingsehre", den er im Rahmen der Regio-VHS Ganderkesee-Hude gemeinsam mit dem Delmenhorster Historiker Prof. Dr. Gerhard Kaldewei leitet.



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