Zeitungsinitiative "Irrturm" von Menschen mit psychischen Krisenerfahrungen startet Lesereise in Villa Wisch

 - 23.02.2012

"Was ist hier normal?"

Von Cora Remmert
Auf ihrer Lesereise durch fünf Bremer Tagesstätten startet die Zeitungsinitiative "Irrturm" ihre Expedition in der Villa Wisch. Zum Auftaktthema "Was ist hier normal?" lesen und sprechen 20 Frauen und Männer über Texte von Menschen mit psychischer Krisenerfahrung.

Sebaldsbrück. "Ist es etwa normal, stolz auf einen Mercedes zu sein?", fragt Holger Schmitz in seinem Text. "Ist es etwa normal, im Studio laufbandlaufend auf einen Monitor zu starren?", fragt er weiter. Mit diesem Gegenstand beschäftigen sich die Autoren und Autorinnen bei dem ersten Stopp ihrer Lesereise im Bremer Osten. Unter dem Motto "Was ist hier normal" lesen und diskutieren 20 Gäste in der Villa Wisch an der Sebaldsbrücker Heerstraße Texte von Menschen, die psychische Krisen erlebt haben. Musik von Thomas Breithaupt, der spontan für die erkrankte Hanna Burr, eingesprungen war, untermalt die Lesung mit improvisierten Stücken.

"Die Lesereise veranstalten wir in dieser Form zum ersten Mal", sagt Jörn Petersen, der Redaktionskoordinator der Zeitungsinitiative "Irrturm". Der Irrturm ist ein Projekt der Initiative zur sozialen Rehabilitation und bietet seit über 20 Jahren Menschen mit psychischer Erkrankung die Möglichkeit, ihre Erfahrungen schriftlich oder künstlerisch festzuhalten. Jeden Mittwoch von 11 bis 13 Uhr trifft sich die Redaktion, um ihre Texte vorzutragen und zu diskutieren. "Man liest seinen Text vor und die anderen äußern sich dazu", sagt Jörn Petersen und fügt hinzu: "Da geht es manchmal schon heiß her." Und Ulrike Wiedemann ergänzt: "In der Gruppe darf man sein, wie man ist." Sie zählt seit knapp einem Jahr zum Kreis der Redakteure und Redakteurinnen vom Irrturm.

Heute liest Ulrike Wiedemann ihren Text "Anders sein, oder?". Darin hat sie vor allem ihre Erfahrungen mit Ausgrenzung und Einsamkeit verarbeitet. "Andere bestimmen, wie man zu sein hat und man wird bestraft, wenn man aus der Rolle fällt", liest sie. Manchmal versagt ihre Stimme. Dann wird den Zuhörerinnen und Zuhörern erst richtig deutlich, was Ulrike Wiedemann in ihrem Leben widerfahren ist. Als sie endet, bleibt es still. Niemand klatscht. Keiner rührt sich. Erst nach Sekunden der Stille gibt es verhaltenen Applaus. Sie sei diese Reaktion auf ihre Texte bereits gewohnt, erzählt sie im Anschluss.

In der Tat muss man als Zuhörer erst einmal schlucken, um die gewaltige Wucht des persönlichen Schicksals zu verarbeiten. Da fällt es schwer, sofort die richtigen Worte zu finden. Erst während der kurzen Pause bei Kaffee und Kuchen lockert sich die Stimmung. Gäste und Autorinnen (die beiden männlichen Autoren hatten abgesagt) kommen ins Gespräch. Jetzt ist Raum, um über die Phasen zu sprechen, in denen solch kraftvolle Texte entstehen. Ulrike Wiedemann erzählt: "Ich bin tief gläubig und habe in dieser schweren Phase meinen heutigen Mann kennengelernt." Das war 2004. Heute weiß sie: "Es geht immer irgendwie weiter."

Für viele ist das Aussprechen ihrer Erfahrungen und Gefühle während der Redaktionssitzung wie ein Kurzurlaub. "Es ist ein Heilmittel, seine Texte vorzulesen", sagt Friderun Thompson. Jörn Petersen sieht noch einen weiteren Aspekt in dieser Art von Selbsthilfegruppe. "Das wöchentliche Treffen gibt die Möglichkeit, Talente zur Entfaltung zu bringen." Eigene Texte werden veröffentlicht und das gibt Selbstvertrauen. Er nennt es auch "Hilfe zur Selbsthilfe". Zurzeit sind etwa 15 Autoren und Autorinnen regelmäßig in den wöchentlichen Sitzungen dabei. Eine von ihnen ist Petra Rumpsfeld. Die Vegesackerin ist durch eine Lesung, wie der aktuellen, zum Irrturm gekommen. Als sie ihren Text "Gitterfrau" schrieb, saß sie in einem Zug nach Koblenz und litt unter einer Psychose. "Wir sind Geist, der die Materie durchdringt", liest sie und schaut den Gästen direkt ins Gesicht.

Seit kurzem gibt es beim Irrturm einmal im Monat einen Workshop zum "literarischen Schreiben". Darin lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ihre Texte auch professionell richtig zu gestalten.

Unterstützt wird der Irrturm vom Gesundheitsamt Bremen. Ohne diesen finanziellen Rückhalt könnte das jährlich erscheinende Buch nicht auf den Weg gebracht werden. Die aktuelle Ausgabe ist bereits die 23., die bundesweit unter dem Titel "Unterwegs sein" gefunden werden kann.

Die Pause ist zu Ende und auch die Letzten huschen zurück auf ihre Plätze. "Als nächstes hören wir einen Text von Silke Wouters", beginnt Jörn Petersen die zweite Erzählrunde.

Die Zeitungsinitiative "Irrturm" ist unter der Telefonnummer 3964808 zu erreichen. Die Redaktion befindet sich in der Liegnitzstraße 63.

E-Mail: irrturm@izsr.de

Die Tagesstätte Villa Wisch in der Sebaldsbrücker Heerstraße 42 kann unter folgender Telefonnummer erreicht werden: 4175861 oder per

E-Mail: tagesstaette@asb-bremen.de.





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