Der Gedenkstein mit der Messingtafel vor einer Zufahrt an der Kapitän-Dallmann-Straße 21/23 war Moritz Kayser gewidmet. Bis 1937 betrieb er einen Produktenhandel in Blumenthal. Wie alle Juden musste auch Kayser auf Druck der Nazis sein Geschäft schließen und seinen Besitz zwangsverkaufen. Im Januar 1942 flüchtete er nach Kuba. Der beschädigte Stolperstein in Blumenthal ist laut Barbara Johr ein in Bremen bislang einmaliger Vorfall. Die Projektleiterin bei der Landeszentrale für Politische Bildung erhielt die Nachricht gestern während einer Gedenkfeier für die Opfer des NS-Terrors. Ein Blumenthaler Bürger hatte wie Ahlers den beschädigten Stein entdeckt und die Landeszentrale benachrichtigt. „Ein solches Problem hat es in Bremen seit Beginn der Verlegung im Jahre 2004 noch nicht ein einziges Mal gegeben“, so Johr. Andernorts seien Steine schon Ziel von Angriffen gewesen. In Hoyerswerda etwa seien Steine herausgeflext, in Düsseldorf mit Zement übergossen worden. „Das ist das erste Mal, dass wir eine solche Attacke in Bremen erleben.“
Probleme gab es in Blumenthal schon im Vorfeld. In unmittelbarer Nachbarschaft des Verlegeortes, an der Kapitän-Dallmann-Straße 25, hat ein Türkisch-Deutscher Kulturverein sein Domizil. Wiltrud Ahlers als Initiatorin der Stolpersteine in der Straße informierte auch hier wie bei allen anderen Anliegern einige Tage vorher über die geplante Aktion. Dabei kam zu einem Zwischenfall.
Während sie dem Lokalbetreiber und älteren Gästen auf der Straße gezeigt habe, wo der Stein verlegt werden sollte, seien einige junge Männer aus dem Lokal dazugekommen. Die Gruppe habe sich über den Gedenkstein aufgeregt, Schmähäußerungen über die Deutschen von sich gegeben. Ahlers wurde persönlich beschimpft. „Da kamen Äußerungen wie die Deutschen seien Juden und würden auf die Palästinenser einhauen.“ Oder: „Legen Sie den Stein hin. Dann können wir ihn bespucken und treten.“ Dem „besonnenen Verhalten“ der älteren Männer war es laut Ahlers zu verdanken, dass die durch die jungen Heißsporne aufgeheizte Situation nicht eskalierte.
Die Verlegung vergangenen Montag geschah zu extra früher Stunde um acht Uhr und unter Polizeischutz: Die Initiatoren hatten vorsichtshalber den Blumenthaler Kontaktpolizisten angefordert. Einen Zwischenfall gab es nicht. Als Ahlers am Montagnachmittag am Gedenkstein vorbeischaute, wurde sie von älteren Gästen des Türkisch-Deutschen Kulturvereins sogar zum Tee eingeladen und diskutierte mit ihnen über die Aktion, den Konflikt zwischen Juden und Arabern. „Wir haben uns sehr angeregt aber nicht feindselig unterhalten, obwohl wir unterschiedlicher Meinung waren.“
Auch bei Gästen des Kulturvereins, die namentlich nicht genannt werden wollen, stieß der Angriff auf den Stein gestern auf Unverständnis. „So etwas gehört sich nicht“, meinte ein junger Kurde. Ein älterer Besucher sah das auch so: „Wir wurden ja vorher gefragt, ob der Stein dahin kann. Wer das nicht wollte, hätte was sagen können. Ihn hinterher herauszubrechen, ist nicht richtig.“ Er könne sich aber vorstellen, dass der Stein „auch eine Provokation sein kann, zum Beispiel für Palästinenser.“
Die Polizei ist informiert. „Ohne Anzeige werden wir wegen eines gelockerten Stein des Anstoßes aber nicht als Staatsmacht tätig werden“, meinte Warnke Christoffers, Sprecher der Polizeiinspektion Nord. Eine Anzeige will Ahlers nicht stellen. „Damit muss man anders umgehen.“ Reagieren müsse man auf den Vorfall, meint auch Barbara Johr. Wie, sei jetzt mit allen Projektbeteiligten zu klären. „Wir lassen uns das Projekt nicht kaputtmachen.“ Der beschädigte Gedenkstein, erstmal durch einen Pflasterstein ersetzt, soll heute neu verlegt werden.


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