Shodo-Meisterin Yuki Klink aus Borgfeld über japanische Kalligrafie und die Kunst der Konzentration

 - 26.02.2011

Das Geheimnis der lebendigen Linien

Von UNDINE ZEIDLER
Borgfeld. Yuki Klink sitzt aufrecht am Tisch, den Rücken gespannt. Den Arm hält sie im rechten Winkel, in der Hand einen Pinsel aus Ziegenhaar. Ihr Geist versenkt sich in das Symbol, das sie gleich schreiben wird. Dann beginnt Klinks Oberkörper sachte zu schwingen. Ihre Gedanken werden zu der schwarzen Linie und zu dem von ihr geteilten Raum. Gleichsam als schwebe sie, kreist die Hand über dem Reispapier. Die Pinselhaare hinterlassen darauf kräftige schwarze Tupfen und schwungvolle Bögen. Yuki Klink ist Japanerin und Shodo-Meisterin. Sie beherrscht jene pure Konzentration, die der japanischen Kalligrafiekunst innewohnt.

Aus rund 11300 japanischen Schriftzeichen hat Klink "do" ausgewählt. Der Weg. Enthalten auch im Wort "Shodo". Klink übersetzt: "Der Weg der Kalligrafie". Sie vergleicht Shodo mit anderen Zen-Praktiken wie den Kampfkünsten Kendo, Aikido, Judo oder dem Blumenbinden Ikebana. Die Künstler lernen sie ein Leben lang, auch die Meister.

Japanische Kalligrafie beschränkt sich nicht nur auf das Schreiben. Sie verlangt das Wissen um Linientechnik, Proportionen und Positionen. Selbst das Weiß unter den schwarzen Schriftzeichen ist mehr als purer Untergrund. "Die Lücken müssen lebendig wirken", sagt Klink und schwärmt vom Wabi-Sabi, dem Verhältnis von Einfachheit und Feinheit in der japanischen Kunst. Genau das erwarten ihre Schüler vom Shodo.

Nichts geschieht zufällig in der japanischen Kalligrafie. Jede Linie, jeden Punkt eines Schriftzeichens plant Klink genau - in zig Bleistiftskizzen. Sie blättert in einem dicken Ordner. Da steckt die Hauptarbeit drin, sagt sie. Erst wenn sie das Zeichen im Kopf hat, holt sie die Filzunterlage, Tusche, Pinsel und das Reispapier hervor - alles original Japan, gefertigt von Meistern ihres Faches. Binnen weniger Sekunden schreibt sie dann, "genau geplant und doch nicht nach Plan". Kein Zeichen wird je dem anderen absolut gleichen.

Shodo stammt ursprünglich aus China. Als sogenannte Schildkrötenschrift tauchten dort rund 1600 Jahre vor unserer Zeit erste Schriftzeichen auf, schreibt Klink auf ihrer Internetseite. Diese galten als heilig und als Orakel. Auf Schwertern und Siegelstempeln gelangten die Zeichen im ersten Jahrhundert unserer Zeit nach Japan, und im achten Jahrhundert entstanden dort neue Schriftzeichen, um das Japanische auszudrücken. Die formenbetonte chinesische Kalligrafie blieb bis heute die klassische Basis des Shodo, doch, so Klink: "Die Linienlebendigkeit ist ganz wichtig in der japanischen Kalligrafie."

Eigenen Ausdruck gefunden

Klink hat im Shodo längst ihren eigenen Ausdruck gefunden. Sie kontrastiert die strenge, vom Zen beeinflusste klassische Kalligrafie mit einem spielerischen Ansatz. Dort zerlegt sie die Schriftzeichen in ihre Einzelelemente und ordnet sie nach ihrem Gespür auf dem Reispapier neu an. "Kalligrafie ist schließlich Spaß", sagt sie und holt die Bremer Stadtmusikanten aus ihrer Mappe - für jedes Tier ein Symbol. Als filigrane Linien winden sie sich in einer Art Festzug über das Papier. Ein Japaner kann das lesen, versichert sie lächelnd.

"Man muss mit dem Bauch schreiben." Das ist für Klink das Geheimnis der lebendigen Linien. Typisch bei Anfängern sei, dass sie mit dem Kopf denken und der Hand schreiben wollen, sagt sie lächelnd und demonstriert: Auf den Rücken kommt es an, die Bewegung aus dem Bauch und die Konzentration auf das Schriftzeichen. Da ist sie wieder, die japanische Zen-Philosophie. "Man denkt eigentlich gar nicht, nicht an die Hand, nicht an den Pinsel und nicht an das Papier." Ihren Schülern vermittelt Klink diesen Zustand, indem sie deren Körper bei geschlossenen Augen führt. Jeder soll im eigenen Tempo schreiben. Man muss sich wohl fühlen, sagt sie und, dass Shodo einst ein Mentaltraining der Samurai war. "Japan wird verbunden mit gesund, ruhig und meditativ", beschreibt Klink die Erwartungen der Menschen, die sich bei ihr der japanischen Schönschrift widmen. Sie hoffen meist auf den meditativen Effekt und "manche kommen auch, um gesund zu werden". Sie nickt. Ihre Hände deuten in der Luft den geraden

Rücken an. "Das ist schon sehr gesund."

1970 trat Klink in die Fußstapfen des Vaters, eines großen Shodo-Meisters. Seit 1975 unterrichtet sie japanische Kalligrafie, erst in ihrer Heimat und seit 1996 an der Bremer Volkshochschule. Der Borgfelder Wintergarten kam als Lernort im vergangenen Sommer hinzu, und ab Herbst will sie an der Lilienthaler Volkshochschule die Kunst vom Schreiben mit dem Bauch lehren. Klink nennt Shodo ihren Beruf, immer im gefühlten Schatten des Vaters, der ihr ein halbes Leben voraus ist auf diesem Weg. Will sie wirklich künstlerisch frei arbeiten, widmet sie sich der japanischen Puppenkunst. Darin ließ sie sich von 1987 bis 1994 in Tokio ausbilden - bis zur Meisterin. Wenn ihr das zum Abschalten nicht genügt, hört sie begeistert Heavy Metal, am liebsten Bands wie Amon Amarth und Dew Scented. Oder sie kocht und serviert Grünkohl. Klink kichert: "Mit Stäbchen."

Weitere Informationen zu Yuki Klink, Kursen und Ausstellungen unter www.japanpuppen.de oder per Telefon unter 0421/385685.





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