Benefizaktion für Japan mit buntem Fisch: Kunst und Kreatives in Borgfelds Ratsspiekerpark

 - 23.05.2011

Spender kommen von ganz allein

Von SABINE VON DER DECKEN
Borgfeld. Der Fisch fraß nicht nur Münzen, auch Scheine schluckte er ohne Probleme, beide verschwanden in seinem großen, weichen Maul. Mit jeder Spende, die die Besucher während der Veranstaltung "Kunst und Kreatives" des Kulturforums Borgfeld in das Fischmaul steckten, wurde der Fisch dicker und bunter.

Die Freiluftkunstveranstaltung der Borgfelder Kulturschaffenden im Ratsspiekerpark war ein absolutes Novum. Zum ersten Mal verwandelte sich der Ratsspiekerpark im Herzen Borgfelds in eine Kulturmeile, die das kreative Leben im Stadtteil an der Wümme widerspiegelte. Unter freiem Himmel präsentierten rund 20 Künstler und Kreative des Kulturforums Borgfeld ihre Arbeiten. Theater, Musik, Kulinarisches und Kunstschaffende erfüllten den Park an der Wümme mit Leben.

Mit der Wümme im Logo des Kulturforums war die Entscheidung für ein Spendengefäß in Form eines Fisches nur folgerichtig. "Wir hatten immer schon die Idee, ein kollektives Kunstwerk zu gestalten", erläuterte Jürgen Linke. Der Weg nach der japanischen Erdbeben- und Reaktorkatastrophe zum Spendenkunstwerk war dann nicht mehr weit. Mit jeder Spende für die japanischen Erdbebenopfer war am Sonntag eine künstlerische Handlung verbunden. Aus dem großen Fundus bunter Stofffetzen suchten sich die Besucher, nachdem sie den Fisch mit Barem gefüttert hatten, ihre Lieblingsfarbe heraus und knüpften damit ein weiteres Band an den dicken Bauch. Jedes bunte Band symbolisierte somit eine Borgfelder Spende.

Für gute Sache verbunden

"Diese Aktion hat eine doppelte Bedeutung, denn nicht nur die Menschen knüpfen bunte Bänder an den Drahtkörper des Fisches und gestalten damit ein Kunstwerk, sondern sie werden dadurch auch miteinander für eine gute Sache verbunden", erklärte Yuki Klink, in Borgfeld lebende Japanerin. Gemeinsam gestalteten nicht nur die Borgfelder Kreativen den großen Fischkörper aus Maschendraht, auch bei der Spendenaktion und der damit verbundenen kollektiven Kunstaktion handelte es sich um ein Borgfelder Gemeinschaftswerk. Hautnah hat die in Borgfeld lebende Yuki Klink in Tokio das Erdbeben mitbekommen. "So ein großes Erdbeben habe ich noch nie erlebt", so Klink. Für sie stand fest, dass sie nach dieser Katastrophe und dem Leid, das sie miterleben musste, nicht untätig bleiben konnte. In der Folge veranstaltete die Borgfelder Künstlerin an jedem Wochenende Benefizveranstaltungen zugunsten von Japan und stellte den Kontakt zwischen dem Borgfelder Kulturforum und der

Deutsch-Japanischen Gesellschaft zu Bremen her. Gestern Nachmittag kam deren Präsident Wolfgang Haas, um die Spende aus dem Borgfelder Wümmefisch schon einmal symbolisch in Empfang zu nehmen. "Ich hoffe, dass er sehr satt wird", sprach der Präsident die Hoffnung auf eine große Spendenbereitschaft aus. Mit den Spenden werden Projekte in dem 40000 Einwohner großen und sehr stark vom Erdbeben und Tsunami betroffenen Kamaishi unterstützt. Auch die Borgfelder Spenden fließen direkt und ohne Umwege in Projekte, die dem Wiederaufbau von Kindergärten und -hort dienen. "Der Borgfeld.-Stuhl ist der Hingucker", stellte Heike Schnelle fest. Einmal auf der Ortsmitte des Dorfs an der Wümme Platz nehmen, das konnten die Besucher des Kulturspektakels mit Schnelles Borgfeld-Stuhl. Karten des Bremer Stadtteils an der Wümme sowie Werbeprospekte, Briefmarken, Geschenkpapier und den Sportbootkartensatz Ostfriesland verarbeitet Heike Schnelle für ihre Unikate. "Mehr als 400 Briefmarken kleben auf

diesem Stuhl, nun habe ich keine mehr", so Schnelle, darum wird es aus dieser Serie so bald keinen neuen Stuhl geben. Es ist ein zeitaufwendiges Geduldsspiel, das sich Heike Schnelle als Hobby auserkoren hat. Viele kleine Papierstücke klebt sie zu einem neuen Ganzen wieder zusammen. Dabei entstehen Kunstwerke, die dreimal gelackt zur Benutzung freigegeben sind.

Bilder aus alten PVC-Folien

Dieter Dellmann zeigte im Ratsspiekerpark metallisch schillernde Bilder, deren Hauptbestandteil PVC-Folien sind. "Kein anderer macht so etwas Ähnliches wie ich, denn diese Folien gibt es mittlerweile nicht mehr". Bei den Folien handelt es sich um Industriefolien, die nicht mehr produziert werden. Borgfeld ist Dellmanns "Wochenendwahlheimat" und gerne unterstützt er mit seinen metallisch anmutenden Kunstobjekten die rührige Kultur-Initiative. Mit einer von ihm entwickelten Technik verschweißt er Industriefolien miteinander. Mithilfe einer Presse, Hochfrequenz und Flachmessingstäben verbindet er Stücke unterschiedlicher PVC-Industriefolien zu neuen Kompositionen. Durch diese "heiße" Verbindung erreicht er eine Veränderung von Farbe und Struktur der Kunststofffolien und der Eindruck metallischer Flächen entsteht. Es handelt sich bei diesem Verfahren um eine recht diffizile Methode, bei der erst viele Versuche zum Ziel geführt haben. "Die

wichtigsten Dinge im Leben wie Gefühle und Emotionen sind Themen meiner Bilder", so Dellmann.

Der Borgfelder Fisch sucht noch eine neue Bleibe, denn mit Übergabe der Spende an Wolfgang Haas, Präsident der Deutsch-Japanischen Gesellschaft, sollen die Tage des Fisches nicht gezählt sein. Geplant ist, so Jakob Rudolph, den großen bunten Fisch so aufzustellen, dass weitere Spenden möglich gemacht werden können und das Borgfelder Gemeinschaftskunstwerk bunter und größer wird.

Gestern Nachmittag im Ratsspiekerpark mussten die Besucher nicht für eine Spende angesprochen werden, "sie kamen von allein auf uns zu", beschrieb Yuki Klink das Interesse, das der Fisch bei Groß und Klein auslöste. Zum Dank erhielten die Spender Origami-Kraniche, die Yuki Klink und Aki Tsurumi-Geiken falteten.





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