| Das Wilhelm Kaisen-Quiz » |
Borgfeld. Geschäftig werden die letzten Rollwagen aus dem beheizten Marktzelt gefahren. Vor der Zeltplane hängt eine dicke Fliesdecke. Leere Kartons werden hinterm Tresen gestapelt. Nur noch das Schöne ist zu sehen, wenn gegen halb acht die ersten Kunden einkaufen. Wochenmarktromantik breitet sich dann im kuschelig warmen Marktzelt von Anke und Werner Barth aus: üppige Tulpensträuße in allen Farben, großblättrige Rosen und frühlingsversprechende Narzissen neben wie im Bilderbuch gestapelten Orangenbergen, Wintergemüsen und exotischen Früchten. Nichts sieht mehr nach harter Arbeit aus. Es ist Sonnabendmorgen 7.15 Uhr. Draußen schneidet eisiger Ostwind bei Minus 12 Grad. Über den Wümme-Wiesen blitzt das Eis. Weißgefrorene Äste glitzern später in der aufgehenden Sonne. Anke und Werner Barth sind bereits seit fünf Stunden auf den Beinen. Von 3.30 bis 4.30 Uhr kaufen sie auf dem Großmarkt ein und verstauen die Waren im LKW. Sohn Matthias fährt den Anhänger mit Marktzelt zum
Borgfelder Wochenmarkt. Ab 6 Uhr baut die sechsköpfige Belegschaft gemeinsam auf.
Kleidungsschichten am Körper
Petra Bouaziz und Tessa Mink vom Biogemüsestand sind seit halb vier auf den Beinen. Unter ihren Wachsjacken tragen die Marktfrauen mehrere Schichten. "Lagen-Look", nennt Tessa Mink aus Holste, einem kleinen Ort bei Osterholz-Scharmbeck, ihr Outfit: Unterhemd, Flieshemd, T-Shirt, Fliesjacke und darüber einen gewachsten Parker. Andere nennen es "Zwiebellook". In ihren Stiefeln schützen Filz und Alu gegen Kälte von unten. Um fit zu bleiben, empfehlen die beiden Ingwertee. Bei Halskratzen wird ein Schluck Olivenöl getrunken - "aber nur das gute".
Nach dem einstündigen Aufbau sorgt ein Gasradiator für mäßige Wärme im Zelt. Zwei Gasflaschen dienen als Reserve. Manchmal friert das Gas in den Flaschen, dann wird es kalt, wissen die Frauen aus Erfahrung. Heiße Getränke helfen gegen kalte Fingerspitzen. Petra Bouaziz erinnert sich an ihre erste Wintersaison, Weihnachten 2002. Glatteis überzog damals die Straßen, sodass sie nicht wusste, wie sie vom Marktplatz zurück zum Großen Moordamm kommen sollte. Doch die Angestellte der Öko-Kiste blieb dabei. "Ich möchte zehn mal lieber hier arbeiten als in einem Büro", unterstreicht auch Tessa Mink.
Ein Stückchen weiter stapelt Imker Hartmut Schmidt-Uhlenkamp 200 Honiggläser, sortiert nach Sorte und Glasgröße. Er habe eine kleine Elektroheizung im Wagen. "Platz für wärmende Gymnastik ist hinter dem Tresen nicht wirklich", sagt er lachend. Die Geschäfte laufen bei der Kälte besonders gut für ihn. Während die Obsthändler im Winter zumeist ihre Stände verkleinern, herrscht bei Schmidt-Uhlenkamp Hochsaison. Sein Wärme-Tipp: eine beheizbare Fußmatte.
Fritz Lohmann sorgt auf dem Markt für Wildspezialitäten. Als Jäger ist er in Sachen Kleidung bestens ausgestattet: Warme Thermounterwäsche, Lederhosen, Spezialboots mit einer Sohle aus Gummi, Alu und Schaffell halten seine Füße warm. Trotz Gasstrahler habe er neulich auf seinem Tresen gegen Mittag immer noch Null Grad Celsius gemessen. Richtig warm sei es in seinem Wagen nicht. "Ich darf mich zwischendurch bei Caroline Brummerloh im Buchladen aufwärmen - manchmal auch bei einer Tasse Kaffee", sagt Lohmann. Gibt es Minusgrade, bei denen der Jäger zu Hause bleiben würde? "Auf keinen Fall, das könnte ich meinen Kunden nicht antun." Und dem Fleisch schade die Kälte ja nicht.
Bei den Gemüseständen liegt die Sache anders: Bei minus 18 Grad wäre für Petra Bouaziz in jedem Fall Schluss: "Das würde unser Gemüse beim Auspacken nicht überleben." Anke Barth erinnert sich an Minustemperaturen um die 20 Grad in den 70er Jahren. "Das war aber auch wirklich das Äußerste." Fest steht: Alle freuen sich auf den Frühling und manche auf ein Feierabendbierchen. Wenn alle Stände gegen 14.30 Uhr abgebaut sind, geben die Marktbeschicker Anke und Werner Barth ihrer Belegschaft vom Obst- und Gemüsestand noch einen aus. Bei Alsterwasser, Kaffee und Tee sitzen alle gemeinsam auf der Holzbank um die Linde herum. Das Bild passt zur Wochenmarktidylle. Der Arbeitstag ist dann allerdings noch lang nicht beendet. Gegen 17.30 Uhr kommen die Barths zu Hause in Lilienthal an. Tessa Mink fährt nach dem Abbau noch eine gute Stunde mit der Bahn. "Auf keinen Fall geht's dann aufs Sofa, sonst schafft man nichts mehr", so die Marktbeschickerin.



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