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Welche Musik junge Menschen gerne mögen, glaubt man aus den einschlägigen Charts diverser Radiosender und Jugendzeitschriften zu wissen. "Halleluja" oder gar der Psalm 23 kommen dort allerdings kaum unter die Top Ten - und sind doch die aktuellen Hits einer rund 25-köpfigen Gruppe 16- bis 24-Jähriger aus Bremen-Nord und umzu.
Auf Rollerblades und Fahrrädern, gut gelaunt, wenn auch teils etwas müde von diversen Unternehmungen am Vorabend, tauchen die jungen Männer und Frauen an diesem Sonntagnachmittag am Vegesacker Hafen auf und sinken entspannt auf die Stufen. Dass sich hier ein Kirchenchor zum Foto gruppiert, ist nicht zu erkennen. Warum auch. Mit landläufigen Vorstellungen von braver Gesangbuchinterpretation hat ihre Freizeitbeschäftigung schließlich herzlich wenig zu tun. Und für das Einverständnis mit christlichen Werten bedarf es weder blütenweißer Hemdkragen noch stramm geflochtener Haartracht.
Vielmehr überzeugt die "junge kantorei", ein seit rund sechs Jahren sprießender Ableger der Grohner Chorwerkstatt St. Michael, durch lockere Auftritte mit einem schwungvoll-harmonischen bis experimentellen Repertoire, das sowohl klassischer als auch moderner Musik Raum gibt: Händel, Bach und Mendelssohn werden hier ebenso geschätzt wie Pop, Gospel und jene Stücke, die der Grohner Kantor Jürgen Blendermann für seine Chorwerkstatt neu arrangiert oder auch eigens komponiert.
Der erwähnte Psalm 23 etwa - "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln..." - ermangelte noch vor kurzem einer zufriedenstellenden Notenschrift. In Vorbereitung für den kommenden Kirchentag in Dresden machte Blendermann sich an die musikalische Umsetzung, die es wie gewohnt in sich hat. Schwierig zu singen? "Nun..." - die 15-jährige Elisa Mehrtens überlegt kurz und urteilt dann: "Anspruchsvoll, aber eingängig." Vorsichtig stimmt sie ihren Part als erste Sopranistin an - und stoppt auf dem Weg in höchste Höhen, um lieber mit dem 17-jährigen Tenor Jan Grosfeld in eine gerappte Passage einzusteigen. Mag ja sein, dass Singen an sich jederzeit und überall möglich ist, doch nicht jedes Stück lässt sich mal eben klangvoll intonieren, ohne die Stimmbänder zuvor geschmeidig gemacht zu haben.
Stimmbildung ist denn auch fester Bestandteil der Proben der "jungen kantorei". Blendermanns Faible für vier- bis achtstimmige Chorsätze hält die jungen Sänger und Sängerinnen buchstäblich in Atem. Mit Unterstützung der Stimmbildnerin Regine Horn bekommen sie anspruchsvolle Tonfolgen, Harmonien und Dissonanzen in den Griff - und bei Bedarf auch mal die leichten Beläge einer durchsumpften Nacht von den Stimmbändern.
"Eigentlich kann ich schon bei den ganz Kleinen erkennen, welche Stimmlage sie einmal singen werden", erzählt Jürgen Blendermann aus seiner über 30 Jahre währenden täglichen Arbeit mit mittlerweile sieben Chören. "Aber es sind auch immer Entwicklungen möglich." - "Und wir zwingen natürlich keinen, gegen seinen Wunsch etwa Bass zu singen", ergänzt Regine Horn heiter. "Manche Veränderung ist auch ganz natürlich, auch bei Mädchen gibt es ja so etwas wie einen Stimmbruch."
Die 22-jährige Merle Gnutzmann beispielsweise hat - wie so einige aus der "jungen kantorei" - seit ihrem vierten Lebensjahr alle Stufen der Chorwerkstatt durchlaufen. Irgendwann konnte sie dann nicht mehr die Sopranstimme singen. "Aber ich bin auch ganz froh, dass ich Alt singen kann." - "Und wir ergänzen uns da so schön", unterstreicht die 16-jährige Magdalena Blendermann mit Blick auf die väterliche "Halleluja"-Version: Während ihr Alt Tendenz zum Mezzosopran hat, kommt Merle ganz tief auf der Tonleiter runter.
Facettenreiche Solostimmen in allen Lagen und ein ausdrucksstarker Gesamtchor sind die Substanz hinreißender Konzerte, die Jürgen Blendermann ausarbeitet hat und weiterhin ausarbeiten wird. Zwei davon gibt es in diesem Frühjahr in Bremen-Nord zu hören. Wer mehr will, hat dazu Anfang Juni auf dem Kirchentag in Dresden Gelegenheit.
Nächste Konzerte der jungen kantorei bremen:
· Benefizveranstaltung zugunsten der Betroffenen von Tschernobyl und Fukushima am Sonntag, 1. Mai, 17 Uhr, St. Michael, Grohner Bergstraße 1
· im Rahmen der Burglesumer Kulturtage am Sonntag, 19. Juni, 17 Uhr, St. Martini, Hindenburgstraße 30
· Die verschiedenen Auftritte während des Kirchentags in Dresden vom 1. bis 5. Juni sind dem Programm zu entnehmen: www.kirchentag.de



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