| Das Wilhelm Kaisen-Quiz » |
"Wir stehen genau irgendwo im nirgendwo." Selbst die zwölfjährigen Mädchen, die sich während ihrer Erkundung des Schulgeländes durch Büsche schlugen und plötzlich auf einem Rasen standen, hatten sich dem fantasievollen Sprachgebrauch angepasst. Dabei waren sie nicht einmal Teil des just auf dem Rasen veranstalteten Theaters. Zehntklässler gaben hier kurze Schauspiele - mal dramatisch, mal lustig - aber immer mit dem Haupttenor: "Freundschaft". Freundschaft musste wohl auch Wettergott Petrus mit den Lesumern empfinden - entgegen Meteorologen-Vorhersagen blieben Regenschauer aus. Stattdessen strahlte die Sonne vom Himmel und zahlreiche Besucher machten es sich auf dem Gelände auch draußen bequem.
Während der Treppenzugang zum als Theaterbühne dienenden Rasen von begeisterten Zuschauern belegt wurde und kaum ein Durchkommen gestattete, ging es auf dem Schulhof gleich dahinter rasant zu. "Behinderte Schüler beeinträchtigen nicht das Lerntempo von Schülern ohne Behinderung", lautete auf großen, aufgestellten Tafeln nur einer von vielen Hinweisen. Tische mit Promis, die eine Behinderung aufweisen oder Erläuterungen zu Symptomen, Ursachen und Therapie von beispielsweise ADHS, ADS oder Blindheit waren nur ein paar der Themen, die gegen die Abgrenzung von behinderten Menschen dienen sollten. Ein eigens aufgebauter Parcours mit Hindernissen sollte es darüber hinaus jedem Besucher ermöglichen, selbst zu erfahren, mit welchen Schwierigkeiten Rollstuhlfahrer zu kämpfen haben.
Die Themen "Freundschaft, Ausgrenzung, Gewalt, Liebe, Angst, Aussteigen, Fantasy" oder die Frage: "Wer bin ich" zog sich wie ein roter Faden durch die Schule. Große weiße Tafeln an den Wänden der Schulflure sollten beispielsweise den Gästen und Schülern als Plattform dienen, um ihre eigenen Gedanken dazu schriftlich festzuhalten. Plakate gegen Gewalt oder Ausländerfeindlichkeit, kunstvolle Installationen, selbstgedrehte Filme, Musik live oder per Videobotschaft - wer Freitag das Lesumer Schulgelände betrat, der kam nicht umhin, den Fantasiereichtum aller Schüler zu bewundern.
"In Schülern Kreativität wecken und nutzen. Eine gemeinsame Anstrengung fordern und sie mit sinnlichen Mitteln erlebbar werden lassen - und im Vertrauten auch unkonventionell sein dürfen", dieses Motto hatte sich Organisatorin Astrid Torkel schon vor einem Jahr für die Aktion "Lesum spielt" auf die Fahnen geschrieben. Ein Motto, das in so zahlreichen Variationen von Schülern und Lehrern umgesetzt wurde, das es fast zu schade war, sie nur an einem Tag zu sehen - gab es doch trotz sechs Stunden Festivität unglaublich viel zu entdecken.
Da lockte beispielsweise die selbst hergestellte Fotostory zur Ballade vom "Zauberlehrling" ebenso zu längerer Betrachtung wie die Szenische Installation zum "Tagebuch der Anne Frank". Ein eigener Projektchor wurde gegründet, probte seit Monaten und brachte diverse Lieder in der Aula zu Gehör. Schüler schrieben an einem Hörbuch, das von dem Bremer Studio "Seven Rays" live aufgenommen wurde, Theaterstücke und Filme wurden gleich im Dutzend an verschiedenen Standorten in der Schule gezeigt.
"Wir verzaubern mit den Schülern diese Schule in einen Ort der Literatur, der Fantasie, der Künste, der Sinne", hatte Lehrerin Astrid Torkel angekündigt. Sie hatte nicht zu viel versprochen. Ein Jahr lang hatte sich jede Klasse mit einem Buch, einer Auswahl von Literatur oder Publikationen jeweils dem Alter entsprechend zu den vorgegebenen Themen befasst und das Ergebnis beeindruckte und begeisterte die Besucher überall in der Schule. Bei so viel Projektarbeit hatten sich sogar Lehrer anderer Schulen samt ihrer Klasse eingefunden, um sich ein paar Eindrücke für eigene Aufführungen zu verschaffen.
Der konzeptionelle Vater dieser fantasievollen Schulpräsentation war im Übrigen der Bremer Regisseur und Autor Jürgen Nola. Sein Sohn, Marco Nola, stellte darüber hinaus das Equipment seines Studios "Seven Rays" zur Verfügung, um mit einigen Schülern ein eigenes Hörbuch aufzunehmen. Drei Elternvertreter, Martina Klee, Helle Rothe und Kerstin Schröter sowie die Lehrer Alfred Kolb, Birgit Löper und Astrid Torkel waren ein halbes Jahr lang mit den Vorbereitungen beschäftigt. Neben dem Fest "Lesum spielt", gab es nämlich eine Woche Programm zum 40-jährigen Bestehen.
Und während am späteren Abend ehemalige Schüler, beispielsweise Michael Rapp, für den musikalischen Ausklang sorgten, hatte Astrid Torkel noch einen besonderen Dank im Gepäck: "Der gilt unserem über alle Maßen engagierten Hausmeister Kai Wachtendorf. Ohne sein mehr als großes Engagement hätte dieses Projekt gar nicht veranstaltet werden können. Er hat seine Zeit weit über seinen Aufgabenbereich hinaus für uns eingesetzt. Er ist ein wundervoller, ungewöhnlicher Hausmeister und ein Geschenk für die Schüler."
Im Übrigen: Neben den vielen Erinnerungen, die dieses Fest sicherlich bei Akteuren und Besuchern hinterlassen wird, gab es im Eingangsbereich ein besonderes Erinnerungsstück - ein T-Shirt mit der Aufschrift Schulverbund Lesum, 40 Jahre. Das sicherten sich zahlreiche Gäste, Lehrer und Schüler. Denn: Nach der Umstrukturierung zur Oberschule wird es diesen Namen bald nicht mehr geben.



Regenwahrscheinlichkeit:



