Uschi Menzel schließt morgen ihr Lokal am Findorffer Torfhafen für immer

 - 29.12.2011

Abschied von der kleinen Kneipe

Von Anke Velten
Liebe auf den ersten Blick war es wirklich nicht, das Verhältnis zwischen Ursula Menzel und Findorff, das vor 33 Jahren begann. "Die Leute sagten damals: 'Da kannst Du doch nicht hingehen!'", erzählt sie. "Wilde Zeiten" seien die ersten Jahre am Torfhafen gewesen, und die Kundschaft "viel zu rau" für ihren Geschmack, erzählt sie. Doch im Laufe der Jahre hat sie ihre Findorffer ins Herz geschlossen, und diese ihre Uschi natürlich auch. Wie sehr, das lassen sie sie jetzt besonders spüren: Denn morgen wird Uschi Menzel ihre "Kleine Kneipe" an der Neukirchstraße zum letzten Mal öffnen.

Weidedamm. Im Jahr 1978 landeten Uschi Menzel und ihr Ehemann Stanislaus am Torfhafen an. Mehr oder weniger unfreiwillig, denn ihre Kattenturmer Gaststätte mussten sie verlassen, weil das Gebäude abgerissen werden sollte. An der Neukirchstraße erwartete sie eine alteingesessene Lokalität in einem reichlich verrufenen Quartier. Das Lokal war nach dem Krieg unter dem Namen "Der Ankerplatz" eröffnet worden und hatte sich als Adresse etabliert, an der vor allem die Findorffer Handwerksleute gerne einkehrten. Wie gut die resolute Vorgängerin ihre Kundschaft im Griff gehabt habe, hätte man sich in Findorff noch lange erzählt, erzählt Uschi Menzel. Nach ihrem Abschied hatten allerdings vier Pächter hier ihr Glück versucht und rasch hintereinander das Handtuch geworfen. "Heute kann ich das gut verstehen", sagt Uschi Menzel und lacht.

Streithähne vor die Tür gesetzt

Einfach machten die Kunden es den Wirtsleuten partout nicht. Ein rustikaler Ton habe hier geherrscht, und es gab reichlich Streit zu schlichten, der mitunter auch handgreiflich wurde. "Wenn wir das Haus nicht gekauft hätten, wären auch wir nach einem Jahr wieder weg gewesen", glaubt sie. Stattdessen lernte sie, sich von der temperamentvollen Klientel nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen. "Ich dachte: Ihr Findorffer, jetzt lernt Ihr mich mal kennen!", sagt sie und strahlt. "Ich konnte damals richtig böse werden, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen." Wenn es sein musste, wurden von ihr persönlich auch einmal ein paar Streithähne vor die Tür gesetzt. Nachtragend seien die Gäste allerdings nicht gewesen: "Am nächsten Tag standen sie wieder vor der Tür mit Blumen oder Kuchen und entschuldigten sich", erinnert sich Uschi Menzel.

Im Laufe der Jahre wurde die Kundschaft allerdings deutlich ruhiger und die Neukirchstraße immer respektabler. Uschi und Stanislaus Menzel prägten gemeinsam den Charakter des Lokals, das nicht besser beschrieben werden könnte als mit seinem schlichten Namen, der natürlich von dem Peter-Alexander-Erfolgsschlager entliehen worden war. Eine persönliche Katastrophe musste Uschi Menzel verkraften, als ihr Ehemann im Jahr 1997 starb und die gesamte Verantwortung plötzlich auf ihren Schultern lastete. "Ich musste ganz neu durchstarten, in einem Alter, da denken andere schon an den Ruhestand", sagt sie. "Aber alle halfen mir dabei, und ich wurde von allen Seiten gut unterstützt."

Morgen wird die Findorffer Gastronomin zum allerletzten Mal hinter dem Tresen ihres Lokals stehen und mit ihren Gästen Abschied feiern. Ganz unprätentiös und ohne viel Tamtam, so wie es ihre Art ist. Dann wird sie das Haus verlassen, und weiß es in guten Händen: Die neue Besitzerin werde aus der Traditionsgaststätte ein ganz normales Wohnhaus machen und habe für die Renovierung viele tolle Ideen, erzählt Uschi Menzel. Dass sie sich auf ihren neuen Lebensabschnitt freut, ist der 72-Jährigen anzusehen. Ideen dafür hat sie schon genug, möchte sich in der Kirche engagieren, reisen, die Stadt für sich entdecken, Zeit mit ihren drei Kindern und den Enkeln verbringen, oder auch einfach nur die Ruhe in den eigenen vier Wänden zu Hause genießen: "All das kenne ich ja gar nicht, weil ich Tag für Tag zwölf Stunden im Lokal war", sagt sie. Dem Stadtteil Findorff wird sie dennoch erhalten bleiben. Dass sie hier eine neue Wohnung bezieht, darauf habe ihre Stammkundschaft nämlich größten Wert

gelegt, sagt sie: "Die wollten mich halt einfach nicht gehen lassen!"





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