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Weidedamm. Es wird wohl nicht mehr viele Findorffer geben, die noch mit eigenen Augen beobachtet haben, wenn Kähne aus den Moorgebieten ihre Fracht an die wartenden Händler übergaben. Arnold Reineke gehört dazu. Der Findorffer, Jahrgang 1931, lebte früher an der Eickedorfer Straße. Das Treiben am Torfhafen, der seinerzeit noch bis an die Magdeburger Straße reichte, gehörte ebenso zum Straßenbild seiner Kindheit wie die vorbei dampfende Jan-Reiners-Lok. "Einmal setzte Jan Reiners sogar unsere Gardinen in Brand", erzählt er, "weil die Funken bis an unser Fenster schlugen."
Thomas Schulze besucht zum ersten Mal ein Treffen der Geschichtswerkstatt, die sich einmal im Monat in der Martin-Luther-Gemeinde trifft. Der 65-jährige pensionierte Berufschullehrer kann sich noch an Zeiten erinnern, als mindestens einmal pro Woche eine panische Sau oder ein Ochse "durchs Findorff" galoppierte: "Es kam immer wieder vor, dass Tiere vom Schlachthof ausbüxten", erklärt er dazu.
Zu den Treffen der Geschichtswerkstatt bringen die rund ein Dutzend Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre persönlichen Erinnerungen aus Lebensspannen zwischen zurzeit Anfang 60 und über 90 Jahren mit. Dass ihr Ehemann als Kind mit Volker Lechtenbrink auf der Straße spielte, berichtet eine Findorfferin stolz: Der später berühmte Schauspieler und Sänger war nämlich in den frühen 1950er-Jahren häufig zu Besuch bei seinen Großeltern in der Tölzer Straße - und froh über den Spielkameraden aus dem Nachbarhaus.
In der feineren Gegend am Weidedamm, "links vom Bürgerpark", wuchs Hermann Johannes auf - in einer Nachbarschaft von Familien meist mittlerer Beamter und Lehrer. Deren Sprösslinge hatten einiges zu tun, um sich von den robusteren "Großstadtjungs" in den Straßen auf der anderen Seite des Torfhafens nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen, erinnert er sich. Und wer sich heute über die zunehmende Kriminalität beschwere, solle sich einmal vorstellen, dass in den 1920er-Jahren täglich Polizei durch die Straßen mit den gediegenen Häusern patrouillierte und vergitterte Souterrainfenster ein Muss waren.
In den fast zehn Jahren, in denen die Geschichtswerkstatt existiert, sind zwei Ausstellungen entstanden. Sie befassten sich mit der Vergangenheit des Torfhafens und des Weidedamm-Gebietes. Außerdem sei eine Sammlung von Archivmaterial und Fotografien zusammengetragen worden, die zum großen Teil in der benachbarten Geschichtswerkstatt des Brodelpott in Walle kompetent gehütet werde, erklärt Peter F. Zimmermann. Er leitet die Treffen des Kreises historisch Interessierter.
Immer noch Überraschendes
Doch vor allen Dingen kommen Monat für Monat neue Geschichten und Erinnerungen dazu, die auch langjährige Teilnehmer immer wieder überraschen. Zum Beispiel die Erklärung dafür, warum die Dächer vieler Altbauten am Weidedamm ursprünglich mit Schieferziegeln gedeckt worden waren, einem für Bremen eigentlich untypischen Baumaterial.
"Der Schiefer kam als Ballast mit den Schiffsladungen", kann Thomas Schulze beitragen, dessen Haus im Jahr 1912 gebaut wurde. "Und wenn in der Zwischenzeit nicht die Nägel verrostet wären, wären diese Dächer immer noch perfekt."
Den pensionierten Berufschullehrer interessieren "nicht nur die historischen Daten, sondern vor allem der persönliche Alltag der Menschen." In Gröpelingen habe man solchen "Döntjes und Klönschnack" bereits zwischen zwei Buchdeckeln gesammelt, weiß Schulze, der zu dem Treffen auch seinen Nachbarn mitgebracht hat. Er ist sich sicher: An so etwas könnten auch die Findorffer Vergnügen finden.
"Im Moment können wir die Arbeit an einem solchen Projekt wohl nicht leisten", bedauert Peter F. Zimmermann. Dafür benötige die Geschichtswerkstatt Findorff zusätzliche engagierte Hobbyhistoriker, die bereit wären, ihre eigenen Erinnerungen oder die anderer auf Papier zu bringen, sagt der evangelische Theologe.
Dass sich ein solches historisches Buch über Findorff mit Leben füllen ließe, davon zeugt jedes Treffen der Findorffer Geschichtenerzähler.
Die Geschichtswerkstatt Findorff trifft sich an jedem letzten Dienstag eines Monats ab 15.30 Uhr im Gremienraum der Martin-Luther-Gemeinde, Neukirchstraße 86. Der nächste Termin ist der 28. Februar. Mehr Auskünfte gibt es bei Peter F. Zimmermann, Telefon 35 58 49, oder per E-Mail an Drpfzim@gmx.de.



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