Stahlwerker diskutieren im Torhaus Nord über die heutige Situation türkischsprachiger Einwanderer

 - 02.02.2012

Dritter Generation fehlt die Mittelschicht

Von Anne Gerling
Acht türkischstämmige und 200 deutsche Vorarbeiter arbeiteten 1990 bei den Stahlwerken - und unter den 170 Meistern gab es damals überhaupt keinen Türken. Die Gastarbeiter waren überwiegend für die "Drecksarbeit" zuständig. Heute ist die Situation auf der Hütte eine völlig andere. Die dritte türkische Einwanderergeneration gibt aber trotzdem Anlass zur Sorge. Wieso, das war am Dienstag Thema im Torhaus Nord.

Gröpelingen. Zum fünften Mal hat nun in Berlin der Integrationsgipfel getagt. Und während im Kanzleramt über Sprachförderung und mehr Migranten im öffentlichen Dienst nachgedacht wurde, ging es auch in Gröpelingen um den Zusammenschluss innerhalb der Gesellschaft: Unter dem Motto "Arbeiten für Deutschland - und wie geht's weiter?" hatten der Verein Kultur vor Ort und die IG Metall-Vertrauenskörperleitung von ArcelorMittal Bremen ins Torhaus Nord eingeladen. Mehr als 60 Interessierte kamen, um sich den 1990 entstandenen Film "Arbeiten für Deutschland - Ein Stahlwerk und seine Ausländer" von Eike Hemmer und Ulrich Scholz anzusehen und anschließend die heutige Situation genauer unter die Lupe zu nehmen. Unter ihnen auch viele ehemalige Klöckner- und Arcelor-Betriebsräte, die schon immer fest an ein "Miteinander" geglaubt hatten.

Der Film zeigt: Anfangs freute sich bei Klöckner die deutsche Belegschaft über die Verstärkung aus der Türkei - wohl auch deshalb, weil die türkischen Gastarbeiter zunächst vor allem die besonders dreckigen und mühseligen Tätigkeiten übernahmen. "Wir sind gut aufgenommen worden. Ich sprach kein Wort Deutsch, hatte aber gute Freunde am Arbeitsplatz, die geholfen haben", schildert etwa Halil Yurdakul, der 1965 nach Deutschland und auf die Hütte kam, wo er ab 1975 dem Betriebsrat angehörte und 1990 als einer von vier türkischstämmigen Mitarbeitern der ersten Anwerbewelle seine 25-jährige Betriebszugehörigkeit feiern konnte.

Das gute Klima veränderte sich

Doch das gute Arbeitsklima veränderte sich allmählich: "Ende der 80er-Jahre hat sich alles unglaublich verschärft", sagt Eike Hemmer, der 1973 auf der Hütte anfing und dort von 1984 bis 2000 im Betriebsrat saß. Er sieht dafür unterschiedliche Gründe. So habe es etwa nach dem Fall der Mauer ein großes Reservoir an Arbeitskräften gegeben. Und gleichzeitig wollten sich die Kinder der früheren Gastarbeiter nicht mehr mit den gering qualifizierten und schlecht bezahlten Arbeitsplätzen zufrieden geben, für die ihre Väter einst geholt worden waren - und wurden deshalb von den deutschstämmigen Kollegen zunehmend als Konkurrenz gesehen.

"Kofferkinder" wird die zweite Migranten-Generation der heute 35- bis 50-Jährigen genannt. Sie wurden als Kinder in den 60er- und 70er-Jahren von ihren Eltern in der Türkei zurückgelassen, als diese - nur für einige Jahre, wie sie glaubten - nach Deutschland kamen. Schließlich blieben die Gastarbeiter dann doch hier und holten ihre Kinder mit größerer Verzögerung nach.

"Die zweite Generation hatte es besonders schwer", ist etwa Celal Ugurlu überzeugt. Denn seine Generation sei ja nicht hierher geholt worden um zu arbeiten - sollte aber ihren Teil zur Gesellschaft beitragen. Gleichzeitig stellte sie die Verlierer des deutschen Bildungssystems: Die 13- bis 15-jährigen Zuzügler hatten die fünfte Klasse und damit die Schnittstelle zu den weiterführenden Schulen verpasst.

So wie Celal Ugurlu erging es auch Cengiz Çaký und Ayhan Zeytin. Alle drei mussten sich durchbeißen und sind am Ende ihren Weg gegangen. Eine wichtige Rolle hat dabei der Betriebsrat gespielt, der sich von jeher für alle Kollegen einsetzte und dem die drei später auch selbst angehörten. Aber ohne Ehrgeiz hätte es wohl nicht funktioniert. "Als ich nach Deutschland kam, war für mich als allererstes klar: Ich muss Deutsch lernen", beschreibt etwa Ayhan Zeytin, der als 15-Jähriger durch einen Nachbarn und intensives Lesen Deutsch lernte. Er fing 1989 als Verpacker auf der Hütte an - "aber mein Blick war immer auf dem Steuerstand!"

Und der junge Cengiz Çaký sagte 1990 im Film: "Ich kämpfe hier um meinen Platz." "Das hat zum Teil geklappt", meint er heute, "der Weg für die dritte Generation ist geebnet." Denn heute sind - anders als vor 20 Jahren - Facharbeiter, Meister, Ingenieure und Betriebsleiter aus Einwandererfamilien im Werk eine Normalität. Und im Betriebsrat arbeiten inzwischen sieben Kollegen mit türkischen und eine Kollegin mit griechischen Wurzeln - drei davon sind Bereichsleiter der insgesamt vier Bereiche.

"Innerhalb der Hütte sind wir geschützt", stimmt Celal Ugurlu Cengiz Çaký prinzipiell zu. Die aktuelle Entwicklung bereitet ihm aber trotzdem Sorgen. "Es gibt entweder Schulabbrecher oder die, die studieren. Eine Mittelschicht haben wir in der dritten Generation nicht mehr", sagt er. Und: "Ich finde, dass diese Generation uns um 50 Jahre zurückwirft - da muss schnell etwas passieren." Für Ayhan Zeytin steht außerdem fest: "Wir müssen sicherlich den Weg gemeinsam finden, weil: Wir wollen gemeinsam etwas erreichen!"





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