Für den Jugendwanderkutter Balu, einen traditionell getischlerten Holzsegler mit zwei Masten und etwa achteinhalb Metern Länge, ist Kurp weit über Land gefahren, um bessere Segel auszuleihen. Das erste Mal nimmt er ein Mannschaftszelt des THW fürs Essen und für Zusammenkünfte mit. Zum Schlafen bringen die Jugendlichen eigene Zelte mit. Christoph Kurp ist schon über zehnmal mit Schülern zu Regatten gereist. Gary Minne, ein 17-jähriger Ex-Schüler der GSM, Inhaber des A-Segelscheins und der Zulassung Küste, ist diesmal der Steuermann. Andere aus der 14-köpfigen Crew haben die Planken eines Seglers erst wenige Male unter ihren Füßen gespürt.
Eine Frage der Taktik
In Kiel ist Leben, ist Volksfest. Alles dreht sich um den Sport in Wind und Wasser. Gary, Lino, Leon, Lukas, Jan, Amy, Bec, Sasha, Marlene, Henning, Anis und die anderen wollen gewinnen. Der Montag ist Arbeit. Die Balu muss klargemacht werden für das Training auf dem welligen Ostseewasser. Dienstag ist Besprechung der Steuermänner: Wie wird der Wind stehen? Lieber steil darauf zu und zwei Wenden oder geht's mit einer schneller? Zur ersten Wettfahrt in den OLJM geht es auf einem von 18 Militärkuttern. Nur ein Teil des Teams darf segeln. Die Starts sind unter allen gleich verteilt, der Lehrer darf nicht mit ins Boot. Die Kutter werden durchgetauscht, damit alle die gleichen Chancen haben. Junge Segler aus Holland, Irland und Bayern sind starke Konkurrenten. Die leichten Marineboote teilen die Wellen schneller als die solide Balu. Ihr 200 Kilo schweres Schwert hochzuhieven, ist Mannschaftssport, das Schwert der Marineboote bezeichnen die Schüler als Tupperdose. Amy Minne
aus Hastedt: "Die Ziellinie im richtigen Moment zu überfahren ist die erste große Schwierigkeit. Bei zu frühem Überfahren gibt es Abzug. Mit zu wenig Schwung starten, kann schon den Sieg kosten. Beim letzten Start klappte alles am besten." Die Segel so zu trimmen, dass das Boot optimale Fahrt aufnimmt, ist Kraftarbeit für die Mannschaft und Kopfarbeit für den Steuermann. Um nur eins der Segel auf die andere Mastseite zu schlagen und dort in den Wind zu stellen, braucht es vereinte Kraft und volle Leistung. Die Taktik des Steuermanns ist entscheidend: Lässt er sich in den Windschatten manövrieren, kollidiert er gar, wählt er einen Kurs mit einer Wende mehr, aber besserem Wind? Beim Start sind alle still, die Nerven liegen blank. Dann schreien sie sich an. Brüllen Manöver von achtern zum Bug.
Abends gönnt sich die Crew den Gang über die Kiellinie, den Rummelplatz der Kieler Woche. Der Tag ist gut gelaufen. Sasha und Marlene haben ihre Gitarren mit und spielen. Einige singen dazu. Mittwochmorgen tanzen Gischtkronen auf den Ostseewellen. Es regnet. Vor dem Wettkampf um 8.30 Uhr ist eine Stunde handfestes Zupacken Pflicht. Die Balu muss für den Wettkampf klar sein. Ausgeschlafen ist keiner. Doch der Ehrgeiz ist geweckt. Wegen böiger Winde dauern Rennen eine halbe statt einer Stunde. Und das heißt auch, alle "Mann" auf die Bordwand, die Balu steht steil am Wind, die Tampen sind zum Bersten stramm gespannt, die Segel schlagen in den Böen. Bloß kein Wasser tanken. Jedes Manöver muss jetzt extrem schnell ausgeführt werden. Gary Minne brüllt seine Kommandos gegen den Wind. Leon kann die Fockschot kaum halten. Jan schreit Gary "Kollisionskurs" auf Luv zu. Das nahende Boot ist durch die Segel verdeckt. Jetzt alle Segel umschlagen. Eng um die Boje.
Die morgendliche Regatta endet ohne Schaden. Das zweite Rennen folgt, am Nachmittag zwei weitere Rennen mit den Marinekuttern. Schauer, Böen, Gischt - das Wetter hält an. Donnerstag werden die Böen nachmittags schwächer. Drei Regatten sind zu bestehen. Bis zum Finale am Freitag ist die Segel-AG ein starkes Team geworden. Noch einmal steht ein Törn für die Balu und einer mit einem der Marinekutter an. Christoph Kurp schießt nach dem Zieleinlauf in einem Motorboot heran, um zu gratulieren: Die Sieger sitzen in der Balu. Vizeadmiral Manfred Nielson, der Befehlshaber der deutschen Marineflotte, ehrt sie. Der Wanderpokal und das Steuerrad gehen für ein Jahr nach Bremen, in die GSM. Erste im JWK und Dritte im OLJM ist die AG geworden. Vergessen ist das Anschreien auf rauer See. "Hätten wir nur den fünften Platz gemacht, wäre das vielleicht ein Problem", sagt Leon. Fast alle würden gerne weitersegeln, doch Jan sagt: "Ich spiel' Fußball, lerne Klavier und tanze bei Turnieren Formation,
Standard und Latein. Mehr geht nicht."
Gesamtschule Mitte, Hemelinger Straße 11, Telefon 3613135. Wanderkuttersegeln (mit der Balu): Segelzentrum Haus Warwisch, 040/723 04 58, Mail: ferien@hauswarwisch.de, Segeln mit der Esprit (20-Meter-Segler), der Balu oder Jollen,
JugendKutterWerk Bremen, Am Holler Deich 40kontakt@jugendkutterwerk.de.


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