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Bahnhofsvorstadt. Nicht alle Premierengäste haben im Kino City 46 noch einen Sitzplatz ergattert - so viele Neugierige hatte der offizielle Start des "Digitalen Heimatmuseums Bremen" in die Birkenstraße gelockt. Schließlich ist das neue Internetangebot des Geschichtskontors im Kulturhaus Walle/ Brodelpott bremenweit ein Novum.
Lebenswelten wolle das neue Internetarchiv beschreiben und nicht etwa die große Politik, unterstreicht Achim Saur, der mit etlichen Mitstreitern mehrere Jahre lang an der Plattform gebastelt hat. Es geht also um "Geschichte von unten" - um die Arbeit in der Bremer "Jute" und auf den Werften, ums Überleben in der Nachkriegszeit und das Leben im Kaisenhaus oder auch den Erhalt des Schnoorviertels in den frühen Fünfzigern.
Die wichtigsten Quellen der neuen Webseite sind dabei die vielen unterschiedlichen Geschichten der Männer und Frauen aus Bremen, die dem Brodelpott im Laufe seines nunmehr 30-jährigen Bestehens ihre persönlichen Fotos, Erinnerungen und Geschichten zur Verfügung gestellt haben. Sigrid Bauermeister, die in Oslebshausen aufgewachsen ist und heute in der Altstadt lebt, ist eine von ihnen. Sie meldete sich einst als Zeitzeugin auf einen Aufruf hin und arbeitet seitdem selbst im Brodelpott mit. Jetzt kann man online auch ihrer Stimme lauschen.
"Meine Jugend fand am Bahndamm statt - und ich fühlte mich nicht, als ob was fehlte", erzählt sie etwa. Denn die Oslebshauser arbeiteten im Hafen, bei der AG Weser oder auch bei der Bahn. Daher kannten sich die Familien auf dem Rangiergelände natürlich bestens aus. Und die Kinder, so auch Sigrid Bauermeister, nahmen in den Nachkriegsjahren schon zur Schule ihren Sack zum "Organisieren" mit, in dem sie dann Kohlen oder Kartoffeln heimschafften.
Ein einziges Foto besitzt Sigrid Bauermeister aus ihrer Jugendzeit, weil in ihrem Umkreis damals so gut wie gar nicht fotografiert wurde. Die Bremerin hat das Bild auch dem Brodelpott zur Verfügung gestellt - es wurde damals von einem Berufsfotografen aufgenommen und zeigt die Bremerin gemeinsam mit fünf anderen Mädchen aus ihrer damaligen Clique im Sommer 1949. Regelmäßig machte die Gruppe Ausflüge zum damals bekannten Badestrand von Mittelsbüren: Mit der Bahn ging es zur Hütte, der Fußweg zum Strand dauerte von dort etwa eine halbe Stunde. Viele machten das damals so.
Globale Geschichte wird greifbar
"Sie glauben gar nicht, was für Menschenmassen da unterwegs waren, am Wochenende, wenn das Wetter gut war", erzählt Sigrid Bauermeister. Denn "nach 1945 war das Baden in der Weser eines der wenigen Vergnügen, das sich Familien leisten konnten", wie auf der Webseite erklärt wird. Mit feinen Unterschieden: "Mittelsbüren, das war der Strand für arme Leute. Café Sand, der Strand da drüben: Das war schon der Strand für die etwas Begüterten aus der Innenstadt", erinnert sich die Zeitzeugin im Interview.
"Was ich erlebt habe, haben bestimmt Hunderttausende genauso erlebt", sagt sie, deshalb sei es ihr so wichtig, ihre Geschichten zu erzählen. "Und wenn man die globale Geschichte mit einem Menschen verbinden kann, wird sie greifbarer. Man kann nicht genug erzählen!"
Eine so sprudelnde und lebendige Erzählerin wie Sigrid Bauermeister - "das ist für einen Historiker natürlich ein echter Glücksfall", meint Achim Saur. Aus dramaturgischen Gründen freue er sich aber auch über die "leiseren" Berichte anderer Zeitzeugen - durch unterschiedliche Erzähler werde das Zuhören schließlich viel abwechslungsreicher.
Und die Hörspiel-Regisseurin Christiane Ohaus ergänzt, dass sich beim Zuhören - anders als beim bloßen Lesen aufgeschriebener Zeitzeugenberichte - auch die Emotionen der Erzähler erspüren lassen: Der Hörer nehme etwa am Tonfall wahr, wie die Stimmung des Erzählers wechsele oder erahne anhand von Redepausen, was den Sprecher besonders berührt habe.
"Ob wir tatsächlich aus der Geschichte lernen, bleibt dahingestellt, aber die Möglichkeit, dies zu tun, halte ich für bedeutend. Sie ist ein politisches Recht und ein Gut, das jeder Bürger zur Meinungsbildung braucht", machte Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz beim Start der Online-Plattform deutlich. Sie sieht darin eine gelungene Ergänzung zum Präsenzarchiv: "Internetarchive sind breit zugänglich und die Recherche kann ins Wohnzimmer gelegt werden."
Diethelm Knauf, der Leiter des Landesfilmarchivs, hält das Digitale Heimatmuseum für ausgesprochen sinnvoll. "Heute muss man Geschichte aus sehr vielen Perspektiven erzählen", davon ist er überzeugt. Und empfiehlt als nächstes den Schritt zu mehr Interaktivität: "Es wäre gut, wenn es die Möglichkeit gäbe - redaktionell betreut - Anmerkungen und Fragen auf die Webseite zu schreiben."
Bremens neues Online-Archiv kann auf www.digitales-heimatmuseum.de
angeklickt werden.



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