Kindheit in Bremen: Friedrich Pahl aus der Verdener erkennt Familienfoto aus dem frühen 20. Jahrhundert wieder

 - 06.02.2012

Als Mutter ein kleines Mädchen war

Von Susanne LabaTZKE
Wie hat sich Kindheit in Bremen im Laufe des vergangenen Jahrhunderts verändert? Historische Fotografien aus dem Zentrum für Medien sind eine wichtige Quelle zur Beantwortung dieser Frage. Die Serie Kindheit und Jugend in Bremen des 20. Jahrhunderts beginnt mit zwei Fotografien aus den Jahren 1904 und 1912. Diethelm Knauf vom Zentrum für Medien stellt die Bilder in den historischen Kontext.

Peterswerder·Altstadt. Ein Foto von 1904 zeigt die Verdener Straße. Vor der Hausnummer 42 posieren Kinder, im Treppenaufgang hält eine Frau ein Baby auf dem Arm. Zwei weitere Frauen und ein Kind stehen auf der Veranda. "Aufgrund der Kleidung können die Frauen als zeittypische Bedienstete gelten, vielleicht Gouvernanten, also Hauslehrerinnen, und Köchinnen", erklärt der Historiker Diethelm Knauf vom Zentrum für Medien.

Kindererziehung war im bürgerlichen Milieu um 1900 gesellschaftlichen Regeln unterworfen. Dazu gehörten strenge Verhaltensregeln, Schläge und das Einbläuen von Lerninhalten. Die allgemeine Schulpflicht war zwar 1844 in Bremen eingeführt worden, Kinder aus wohlhabenderen Familien wurden aber oft zuhause unterrichtet. Der Alltag eines Arbeiterkindes, dessen Mutter möglicherweise in einem bürgerlichen Haushalt arbeitete, sah anders aus.

Intakte Familie

"Wer der Fotograf des Bildes ist, kann man nicht sagen", räumt Diethelm Knauf ein, "aber er hat etwas für die Nachwelt festhalten wollen. Das Ablichten des Hauses, der Kinder und Bediensteten, die sich alle in Position stellen und in die Kamera blicken, verrät etwas über die Sozialstruktur: Die Familie ist intakt, es gibt genug Betreuungspersonal für die Kinder. Das Ganze spiegelt ein bürgerliches, mittelständisches Milieu."

Im späten 19. Jahrhundert waren ganze Straßenzüge in Bremen von Immobiliengesellschaften errichtet worden. Einer der bekanntesten Investoren und Bauherren war Lüder Rutenberg, der die Östliche Vorstadt maßgeblich mitgestaltet hat. "Man spricht auch vom Reihenhaus der Gründerzeit", sagt Knauf. Im ersten Stock des Bremer Hauses befanden sich die Schlafzimmer der Eltern und der Kinder.

Am Souterrain des Nachbarhauses steht "Flaschenbier" und "Obst und Gemüse". Friedrich Pahl, Hauseigentümer in dritter Generation nimmt das Foto zur Hand. "Ach das Bild kenne ich doch!", sagt er. "Vor 30 Jahren hing es in einer Ausstellung im Rathaus. Eines der Kinder vorne auf der Straße ist meine Mutter. Das Haus gehörte meiner Großmutter mütterlicherseits, Weghöft mit Namen." Drei der Bediensteten der Familie Weghöft sind auf dem Bild zu sehen, deshalb ist die Großmutter nicht dabei. Bürgerliche Frauen ließen sich damals nicht gemeinsam mit ihren Angestellten ablichten. Seine Großmutter hat Friedrich Pahl nicht mehr kennengelernt, sie starb 1934.

Der 70-Jährige bewohnt gemeinsam mit seiner Frau die Beletage, das Hochparterre, und hat die oberen Stockwerke vermietet. Das Nachbarhaus mit der Nummer 42 ist unbewohnt, die über 100 Jahre alte Fassade unverändert. "Wenn man so will, war das hier früher wie ein Dorf, man kannte alle Nachbarn und auch deren Kinder", sagt Friedrich Pahl, der in den 40er-Jahren Kind war. "Ich war das Jüngste von zehn Geschwistern. Die Verdener Straße war unser Spielplatz. In der Kindheit meiner Mutter wird das nicht anders gewesen sein."

Wie sich Kindheit in der Stadt verändert hat, demonstriert Diethelm Knauf anhand eines Fotos von 1912. Der Ostertorsteinweg und der Wall sind darauf zu sehen. Eine Straßenbahn kommt ins Bild, eine Kutsche fährt über die Straße Am Wall, Fußgängerinnen überqueren die Fahrbahn. Im Hintergrund steht das 1908 fertiggestellte, imposante Polizeihaus. "Da konnten Kinder sicher nicht Seilhüpfen oder Kriegen spielen", sagt Knauf. Per Fotomontage seien einzelne Passantinnen eingefügt worden, "damit die Bildkomposition stimmt".

Auf der linken Bildseite neben der Kutsche ist bei näherem Hinsehen ein kleines Mädchen im Alter von etwa neun Jahren zu erkennen. "Es läuft ohne Begleitung in Richtung Innenstadt, hat aber den Kopf über die linke Schulter hin zur Kamera gedreht", sagt Knauf. Das Kind trage Rock und Mütze, Kleidungsstücke der bürgerlichen Gesellschaftsschicht.

Der Spielplatz "Robinsönchen" existierte noch nicht, aber einen Anziehungspunkt für Kinder gab es bereits 1912 im Ostertor - das heute in fünfter Generation geführte Spielwarengeschäft Wichlein. Die 50-jährige Inhaberin Martina Mönch kennt die Geschichte des Familienunternehmens. "Ein gewisser Hermann Friedrich Martin Wichlein gründete 1873 das so genannte Galanterie- und Spielwarengeschäft in der Wachtstraße", erzählt sie. "Als die Baumwollbörse gebaut wurde, musste das Geschäft umziehen, dahin, wo heute am Wall eine Passage zur Stadtbibliothek führt." Als es um 1900 Pläne für ein neues Polizeihaus gab, zog das Familienunternehmen an den Ostertorsteinweg 56/57, den heutigen Sitz.

Wie das Sortiment des Spielwarenladens damals aussah, kann Martina Mönch nur vermuten. "Ich denke, dass um 1900 Spielzeug-Klassiker wie Schaukelpferde, Puppen, Teddys verkauft wurden", sagt die Geschäftsfrau. Und wenn sie die zwei Weltkriege überstanden haben, dann sind die Schaukelpferde, Teddys und Puppen von damals jetzt Antiquitäten.

Kontakt und Informationen über das Zentrum für Medien, Große Weidestraße 4-16, Telefon 361-7845.





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