Patric Seibert über die Mono-Oper nach Grigori Frid

 - 09.02.2012

"Wir stellen Anne nicht auf die Bühne"

Die Mono-Oper "Das Tagebuch der Anne Frank" feiert morgen im Theater am Goetheplatz Premiere. Nach weiteren Aufführungen wird sie in Schulen in Hemelingen, Mitte, Lesum und Habenhausen gespielt. Sascha Rühl sprach mit Regisseur Patric Seibert.

Herr Seibert, die Oper heißt "Das Tagebuch der Anne Frank". Spielt die Handlung im Versteck der Familie Frank im Hinterhaus?

Patric Seibert: Lediglich ein paar frühere Einträge aus dem Tagebuch kommen darin vor. Zum Beispiel der Geburtstag, an dem sie das Buch geschenkt bekommt. Wir lassen uns gar nicht so auf diese Hinterhausgeschichte ein, es sind eher drei Mädchen, die Anne Frank entdecken und im Prinzip ausprobieren. Dabei haben wir als Sängerin Marysol Schalit, als Pianistin Kristina Ruge und als Schauspielerin Hannah Ehrlichmann. Alle drei sind Anne Frank.

Wie muss man sich das vorstellen?

Also, man sieht Anne Frank nicht als Person auf der Bühne. Ich fände es sehr klein, eine Art Lookalike Anne Frank auf die Bühne zu stellen. Das kann der Film besser. Es ist eher eine Annäherung an Anne Frank.

Das Stück dreht sich also darum, dass drei Mädchen auf den Spuren der Anne Frank wandeln?

Genau, die entdecken einen Raum, in dem Reste von Geschichte enthalten sind. Und in diesem nähern sie sich der Geschichte der Anne Frank an. Das Ganze spielt in der heutigen Zeit. Das Original von Grigori Frid aus dem Jahr 1971 ist eine Mono-Oper und nur für eine Sängerin geschrieben, aber wir haben noch eine Pianistin und eine Schauspielerin mit einbezogen. Jede Rolle ist dabei ein Teil der Anne Frank.

Worin lag für Sie der Reiz, dieses Stück aufzuführen?

Ich habe in Russland studiert und habe die Oper dort relativ früh gehört und mich hat dieses Thema interessiert. Die Musik dieser Oper sagte alles, was Worte und Bilder nicht ausdrücken können. Ich war ziemlich angestachelt von diesem Stück, wollte es unbedingt unterbringen und habe es dann 2005 in Köln machen können in einer Version, in der ich schon einmal vermieden habe, Anne Frank zu zeigen. Da gab es eine "Kitty"-Figur, also das Tagebuch selbst, das von Anne Frank berichtet. Damit war ich aber noch nicht zufrieden, da man immer noch dieses Bild von ihr gesetzt hat. Das möchte ich nun vermeiden. Auch Anne hat ja mit diesem Tagebuch ein Bild von sich selbst gezeichnet, welches selbst ein Kunstgriff ist.

Somit soll gezeigt werden, dass jeder die Person Anne Frank anders sieht?

Ja, und dass jeder, der das Buch liest, je nachdem in welcher Lebenslage er sich befindet, sich auch etwas anderes herausnehmen kann. Ich fand das Tagebuch, als ich es das erste Mal gelesen habe, total öde. Diese Mädchenproblematik war für mich uninteressant. Dann kam die "Wende", meine ganze Lebenssituation hat sich daraufhin geändert, und ich habe das Buch noch einmal ganz anders gelesen.

In wie fern unterscheidet sich Ihre Version vom russischen Original von Grigori Frid?

Wir spielen so gut wie alles, was in der Oper drin ist. Die Oper ist durchkomponiert, wir fragmentieren allerdings und haben zwischen den musikalischen Einlagen Texte eingebaut. So nehmen wir das Prinzip des dramatischen Handlungsverlaufes auf und collagieren diesen.

Wie ist die Handlung in der Oper aufgebaut?

Es gibt keine dramatische Handlung, sondern es gibt Einzelszenen aus dem Hinterhausleben, und man schaut, was das mit uns heute zu tun hat und wo wir uns darin wiederfinden.

Kommt der Hintergrund der Nazi-Herrschaft nur geringfügig oder gar nicht vor?

Der kommt ja auch in dem Buch kaum vor. Wir versuchen die Geschichte zu Ende zu spielen. Die drei Mädchen kommen in ein Spiel hinein, also sie spielen den Schluss. Auch das, was das Tagebuch nicht schreibt, wie zum Beispiel die Zeit im KZ, ihren Tod oder das Danach.

Wie stellt sich das Bühnenbild dar?

Also alle szenischen Umbauten werden von den drei Akteuren auf der Bühne vorgenommen. Der Raum ändert sich laufend und das mit sehr reduzierten Mitteln. Auf der Bühne stehen Kartons, die für Stationen der Geschichte stehen. Ein Karton ist innen mit dem selben Stoff bezogen wie das Tagebuch, ein anderer enthält ein Steinmuster wie das einer Straße, die Anne nicht mehr betreten kann.

Zu guter Letzt: Auf dem Boden der Bühne liegen Kartoffeln verstreut. Warum?

Die Versorgungslage war ja anfangs ganz gut, aber irgendwann war die Familie Frank auf Kartoffeln reduziert und in einem der Kartons werden Kartoffeln gefunden. Sie sind ein Symbol für die Eintönigkeit. Irgendwann läuft alles auf Kartoffeln hinaus.

Premiere der Mono-Oper ist am Freitag, 10. Februar, um 18 Uhr im Moks. Weitere Termine: Sonntag, 12. Februar, um 16 Uhr im Moks, Dienstag, 14. Februar, um 19 Uhr und Dienstag, 28. Februar, um 11 Uhr im Brauhauskeller, Sonnabend, 10. März, um 16 Uhr im Moks. Die Karten kosten an der Theaterkasse am Goetheplatz zwölf Euro.





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