Literarische Woche endet mit einer Gemeinschaftslesung zum Thema Stadtrand und mit Fotos von Jan Meier

 - 09.02.2012

Autoren entdecken die Peripherie

Von Elisabeth Schmidt
Die 36. Literarische Woche ist mit der Lesung "Der schmale Streifen Peripherie" von Betty Kolodzy, Colin Böttger, Jutta Reichelt und Artur Becker zu Ende gegangen. Auf Einladung des Literaturkontors und der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung trugen sie in der Zentralbibliothek Texte vor, die im Grenzgebiet zwischen Provinz und Stadt spielen.

Altstadt. Eine Straße, die wie leergefegt wirkt, ein Blumenbeet vor einem Bürokomplex - die Fotografien von Jan Meier aus dem Geteviertel sind aus einem bestimmten Grund menschenleer: "Es geht um den Ort und die Architektur, und sobald Menschen in die Kamera gucken, wird der Ort unsichtbar", sagt der Industrie- und Architekturfotograf, dessen im Zusammenhang mit der Literarischen Woche entstandenen Fotos bis 23. Februar in der Zentralbibliothek zu sehen sind.

Ein Foto zeigt die Vahr. Die Hochhäuser wirken aus dem Blickwinkel einer angrenzenden Wiese wie Riesen, Kinder verschwinden fast zwischen den hohen Gräsern. Jan Meier versucht sich dort zu bewegen, wo die Natur noch nicht anfängt und die Stadt noch nicht aufhört - in den Zwischenorten. In so einem Zwischenort bewegt sich auch die Figur aus dem Text "Molodjez!", den Betty Kolodzy aus dem Steintor zum Abschluss der Literarischen Woche vorträgt. Titel der von Tim Schomaker moderierten Gemeinschaftslesung ist "Der schmale Streifen Peripherie".

Betty Kolodzys Geschichte handelt von einem Mann, der einen Park besucht, in dessen Nähe er gewohnt hatte, als er aus seiner Heimat in die Fremde kam. Er erinnert sich an Menschen, denen er damals im Park begegnete. Beispielsweise an ein skurriles Paar, das einen Schwan fütterte, um ihn später als Weihnachtsbraten zuzubereiten. Betty Kolodzy hatte beim Schreiben Knoops Park im Hinterkopf. Eine Freundin hatte ihr erzählt, dass es dort ein Übergangswohnheim für Immigranten gegeben habe. Ein Zwischenort kann für Kolodzy auch ein emotionaler Zustand sein. "Der Text beschreibt, wie es ist, sich von seiner Heimat in eine neue Heimat zu bewegen", sagt die Autorin von "Istanbul Walking".

Colin Böttger beschreibt den schmalen Streifen der Peripherie als Geschichte eines Vaters, der seinem getrennt von ihm lebenden Sohn gerne die Wildniserfahrungen bieten möchte, die er selbst als Kind hatte. Der Vater fährt abends in die Neubausiedlung, in der er schon fast ein Fremder ist, und denkt an den Wald, der an das Grundstück seiner Familie grenzte. Er steht vor dem Fenster seines Sohnes, und eigentlich trennt sie nur ein Kieselsteinwurf voneinander, dennoch stehen tausend Dinge zwischen ihnen. Der Streit um das Umgangsrecht ist nur eines davon.

Jutta Reichelt hat außer dem Roman "Nebenfolgen" Kurzgeschichten veröffentlicht. Ihr Text "Tote Winkel" spielt in einem ruhigen Vorort und ist aus der Perspektive eines Mannes erzählt: Er steht abends auf seinem Balkon und bemerkt zwei Frauen, die einen Sarg tragen. Die beiden verschwinden in einem Mehrfamilienhaus, und als sie wieder rauskommen, scheint der Sarg viel schwerer zu sein. Der Beobachter hat nur den kleinen Ausschnitt auf der Straße mitbekommen, er weiß nicht, was in dem Haus passiert ist. "Ich hatte bei dieser Geschichte eine bestimmte Straße einer Vorstadt vor meinen Augen", sagt die Neustädterin Jutta Reichelt. Als sie mit der Linie 6 in Richtung Uni gefahren war, hatte sie festgestellt, dass es in der Nähe der H.-H.-Meier-Allee genauso aussieht, wie sie sich den Vorort in ihrem Text vorgestellt hatte. "Solche Bereiche eignen sich eigentlich nicht als Bühne, dort erlebt man nicht so viel, als wenn man aus dem Fenster auf den O-Weg blicken würde. Da müssen schon zwei

Frauen mit Sarg kommen. "

Artur Becker ist im masurischen Bartoszyce geboren und lebt seit Mitte der 80er-Jahre in Verden. Er korrigiert zurzeit noch seinen neuen Roman "Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang" und trägt ausnahmsweise vorab einige Seiten vor: "Ich lese sonst nie aus unfertigen Romanen, das mache ich nur, weil ich Angelika Sinn und das Literaturkontor so sehr mag", sagt der Schriftsteller. Der Roman beginnt mit einem Familientreffen in Verden - "einer grünen Wohngegend am Rande der Stadt", das anders als erwartet endet: Onkel Carlos stürzt die Treppe hinunter und stirbt. Nach dem tödlichen Unfall fragt Mariola ihren Cousin, ob er mit ihr noch einmal ein Spiel aus ihrer Kindheit spielt. Damals rannten sie zusammen in den Wald und bauten sich dort eine Schutzhütte. Sie fragten sich, was von ihnen übrig bliebe, wenn sie für einen Moment von der Erdoberfläche verschwänden, zogen sich aus, bestaunten die eigene Nacktheit und die des anderen und fragten sich: Wer bin ich?

Diese Frage ist auch für den Autor Artur Becker sehr wichtig: Er selbst bezeichnet sich als "Kosmopole", was im ersten Moment witzig klingt, aber tatsächlich so gemeint ist. Artur Becker hat eine Heimat, die es mittlerweile gar nicht mehr gibt: die Volksrepublik Polen. Der Begriff Kosmopole anstelle von Kosmopolit (Weltbürger) stammt ursprünglich von dem Schriftsteller Andrzej Bobkowski. "Für mich ist es ein weitläufiger, poetischer Begriff. Was ist, wenn wir unseren Besitz weggeben und nackt dastehen, wer sind wir dann?", fragt Artur Becker sein Publikum.





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