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Altstadt. Es herrscht ein zunehmender Kostendruck im Gesundheitssektor. Nicht mehr alle Leistungen können für alle gesetzlich Krankenversicherten finanziert werden. In vielen Ländern wird daher seit Jahren über die Priorisierung in der Medizin debattiert, also über eine Vorrangigkeit (Priorisierung) bestimmter Indikationen, Patientengruppen oder Verfahren vor anderen. "Das ist nicht so in Deutschland", sagt Professorin Adele Diederich.
Vor zwölf Jahren hat die Zentrale Ethikkommission bereits eine Diskussion über das Thema angeregt, aber in Ärzte- und Politikerkreisen wird ein solcher Dialog meist noch als unethisch betrachtet und nicht geführt. Dabei wird die Priorisierung im deutschen Gesundheitswesen schon längst praktiziert, aber ohne feste Regeln. "Das ist also längst Realität, und dann müssen wir auch nicht so tun, als wenn es nicht so wäre", sagt Adele Diederich. Das Problem wird zukünftig noch gravierender. Künftige Generationen werden immer älter, gleichzeitig wandeln sich die Krankheiten.
Adele Diederich ist Professorin für Psychologie an der Jacobs University Bremen. Sie leitet die interdisziplinäre, unabhängige Forschergruppe "Priorisierung in der Medizin", die daran arbeitet, Fragen der Priorisierung zu beantworten. Bei "Wissen um elf" im Haus der Wissenschaft stellte Diederich die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage vor. Befragt wurden diejenigen, die das Gesundheitssystem maßgeblich finanzieren und die von der Verknappung in der medizinischen Versorgung am meisten betroffen sind, aber an der Diskussion nicht beteiligt werden: die Versicherten. Die zentrale Frage lautete: "Nach welchen Kriterien könnte/sollte eine Priorisierung medizinischer Leistungen in Deutschland erfolgen, wie wichtig sind die Kriterien und wer soll an der Entscheidung beteiligt sein?"Das Solidaritätsprinzip, nach dem jeder Mensch seinen Möglichkeiten entsprechend in die Krankenversicherung einzahlt und dafür die notwendigen medizinischen Leistungen bekommt, die er benötigt, ist demnach
ganz grundsätzlich sehr gut akzeptiert. Zurzeit haben die Befragten auch noch das Gefühl, dass alle notwendigen Leistungen von der Krankenkasse bezahlt werden. "Ganz schön viele haben schon Sorge, dass das in Zukunft nicht so sein wird", berichtet Adele Diederich. Aber etwa die Hälfte wäre bereit, wenn neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden mit in den Leistungskatalog der Kasse aufgenommen werden, auch höhere Beiträge zu zahlen.
Auffällig war, dass die Befragten durchweg befürworteten, dass Personen mit gesundheitsgefährdenden Verhaltensweisen, wie beispielsweise Alkoholkonsum, höhere Krankenkassenbeiträge zahlen sollten, dabei aber Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung ausgenommen wurden.
"Ganz, ganz wenige sagen, dass Personengruppen vorrangig behandelt werden sollen", erklärte Adele Diederich. Vor allem Personen mit einer lebensbedrohlichen Krankheit, aber auch Kinder, Menschen mit einer akuten Krankheit und Körperbehinderte. Berufliche Verantwortung, soziales Engagement oder soziale Verantwortung waren für die Befragten kein Grund, diese vorrangig zu behandeln.
Welche medizinischen Leistungen von den gesetzlichen Krankenkassen getragen werden, entscheidet heute der Gemeinsame Bundesausschuss, in dem Politiker, Interessengruppen der Ärzte, Vertreter der Krankenkassen und Patienten ohne Stimmrecht sitzen. Laut Umfrageergebnissen sollten lediglich Ärzte und Vertreter der Krankenkassen darüber befinden, Politiker, Ökonomen und Kirchenvertreter außen vor bleiben. Auch Ethiker oder Juristen sollten allenfalls beratend tätig sein. Was die eigene Beteiligung angeht, waren die Befragten unentschlossen. "Wenn wir rationieren, sollten wir das nach Prioritäten tun", ist Adele Diederichs These. Auch wenn Versicherte keine Entscheidungen treffen möchten, so wollen sie doch gehört werden, meint die Professorin. "Die Beteiligung von Bürgern und Patienten ist zwingend notwendig, um gesundheitspolitische Entscheidungen zu legitimieren."
Wissen um elf am Sonnabend, 25. Februar, 11 Uhr im Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4-5: Über das Archaikum spricht Manfred Rebele von der Olbers-Gesellschaft. Der Eintritt ist frei.



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