Neustädterin Evamaria Friedrichsen wird geehrt / Großes Engagement für Flüchtlinge

 - 09.01.2012

Zu Gast im Schloss Bellevue

Von Karin Mörtel
In der kleinen Zweizimmerwohnung von Evamaria Friedrichsen herrscht in diesen Tagen ungewöhnlicher Trubel: Ein Kamerateam ist dort, Gratulanten rufen an und die Presse interessiert sich für die Meinung der Rentnerin zum politischen Hauptthema der vergangenen Tage: Hat sich Bundespräsident Christian Wulff korrekt verhalten? Allzu forsche Antworten verbietet sie sich jedoch. Schließlich ist sie am Donnerstag Gast im Schloss Bellevue.

Neustadt. Auf der Einladung zum Neujahrsempfang des Staatsoberhauptes prangt der Bundesadler. Er ist nicht der einzige Zeuge, der Besuchern von Friedrichsen verrät, dass sie sich jahrzehntelang ehrenamtlich für Flüchtlinge engagiert hat: Kinderbilder in Kisten erzählen von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, die ihr bis heute Familienfotos schicken aus Dankbarkeit und Freundschaft. "Wer gibt, der bekommt immer etwas zurück", sagt Friedrichsen.

Bereits nach ihrer Schulzeit setzt sich die gebürtige Kielerin für andere ein. Zunächst kümmert sie sich beruflich als Sozialarbeiterin um Familien in schwierigen Lebenslagen. "Vom Säugling bis zur gebrechlichen Großmutter war alles dabei", erzählt Friedrichsen. Doch auch die Friedensbewegung und der Kampf gegen Krieg und Rassismus sind ihre ständigen Begleiter. 1978 kommt sie nach Bremen und wechselt in die Jugendgerichtshilfe. Obwohl der Job alles andere als einfach ist, findet sie Zeit und Kraft, sich auch noch nebenher bei der Organisation Terre des hommes für Kinder in Not stark zu machen.

Doch nach diesem arbeitsreichen Leben beginnt für die Wahlbremerin nicht etwa der wohlverdiente Ruhestand. Mit 60 kommt sie erst so richtig in Fahrt und baut in der Hansestadt mit auf, wofür Christian Wulff ihr am Donnerstag danken wird: Praktische Hilfen für Flüchtlinge. Zunächst sind es lose Fäden, eine erste Versammlung, in der die Nöte der Asylbewerber zur Sprache kommen. Eine junge Äthiopierin brauchte eine Unterkunft und Hilfe beim Asylantrag, Friedrichsen nimmt die 18-jährige Hiddi bei sich auf. Dann treffen ein paar engagierte Bremer aufeinander, die das heutige "Refugio" gründen, ein Behandlungszentrum für traumatisierte Flüchtlinge und Folteropfer. Friedrichsen hilft als Gründungsmitglied in eiskalten Räumen bei der Buchhaltung. "Gemeinnützig frieren", wie sie es heute nennt.

Manchmal alleine gefühlt

Gemeinsam mit einigen katholischen und evangelischen Christen gehört sie darüber hinaus zu einem Arbeitskreis Asyl, der Flüchtlingen in schwierigen Zeiten weiterhilft. 1993 entsteht daraus der Verein ökumenischer Ausländerarbeit, die heutige "Zuflucht". Friedrichsen hat als Ruheständlerin Zeit für die praktische Arbeit im Vorstand. "Ich habe mich immer nur als Zwischenlösung betrachtet, bis jemand kommt, der so etwas kann", sagt die 84-Jährige heute rückblickend. Sie ist immer noch erstaunt darüber, dass sie erst 2003 Gehör bei der Bremischen Evangelischen Kirche für ihre Forderung findet, dass eine bezahlte professionelle Kraft für ihre Arbeit benötigt wird, die die Interessen von Flüchtlingen und Asylsuchenden öffentlichkeitswirksam vertreten kann. Bis dahin erstellt sie eine kleine Bibliothek mit Fachliteratur, verfasst mehrmals jährlich eine Infozeitung mit den neuesten Meldungen rund um die Flüchtlingshilfe und berät Flüchtlinge und Ehrenamtliche. "Ohne

meinen Einsatz wäre der Verein zeitweise nicht weitergelaufen", ist sie sich sicher. "Manchmal habe ich mich aber auch sehr alleine gefühlt."

Und dann sind da noch die Bosnier, die zu Tausenden Anfang der 90er-Jahre nach Deutschland fliehen. Besuche beim Zahnarzt, Sprachunterricht, um all das kümmert sich Friedrichsen für fast 20 Menschen, die bei der Bremischen Evangelischen Kirche Unterschlupf finden. "Ihre Leute" sind ihr so sehr ans Herz gewachsen, dass sie sie auch noch jahrelang nach deren Rückkehr in die Heimat immer wieder besucht. Vor eineinhalb Jahren das letzte Mal.

Ob sie sich eigentlich über die späte Anerkennung von höchster Stelle freut? "Wenn ich mich nicht freuen würde, würde ich nicht hinfahren", lautet die saloppe Antwort. Die Führung durch das Schloss Bellevue erscheint ihr am reizvollsten. Nur die Kleiderordnung für den feierlichen Empfang bereitet ihr noch Kopfzerbrechen. Sie hat weder ein kurzes Kleid noch einen Hosenanzug oder ein Kostüm. "Ich gehe einfach in Hose und Jacke - die werden mich da ja wohl kaum rausschmeißen."





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