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Oberneuland. "Mal sehen, wie sie so ist", wispert eine Schülerin. Die Spannung in der rappelvollen Aula der Oberschule Rockwinkel ist spürbar. Cipora Feivlovitsch, eine der wenigen Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, hat ihren Besuch angekündigt. Sie berichtet als Zeitzeugin von ihrer Leidensgeschichte auf einer vom Potsdamer Institut für Neue Impulse initiierten Tour durch Schulen in Bremen und Umgebung. Wie brisant die Thematik ist, beweist der kürzlich erschienene Bericht einer Expertenkommission der Bundesregierung, nach dem bis zu 20 Prozent der Bevölkerung "latent" antisemitisch eingestellt seien.
Die Israelin reiste aus Bremens Partnerstadt Haifa an. Mit festen Schritten betritt sie die Tribüne, schiebt den Stuhl beiseite und biegt das Mikrofon hoch. "Ich stehe", sagt sie bestimmt. Und das tut sie. Eine Stunde lang, ohne Manuskript und mit erstaunlicher Kraft in der Stimme. Am heutigen Montag feiert sie ihren 85. Geburtstag.
Es scheint, als ob sich über 60 Jahre die Erinnerungen und schrecklichen Bilder aufgestaut haben. Die Bilder vom Transport in einem Ochsenwagen, als die 16-Jährige 1944 mit ihren Eltern und ihren beiden Geschwistern aus der Heimat in Siebenbürgen unter unmenschlichen Bedingungen nach Auschwitz deportiert wurde. "Die Nachbarn haben applaudiert, als wir abgeholt wurden", berichtet sie. Zuhause habe die Familie die Musik, Sprache und Literatur der Deutschen geschätzt, deswegen sei es schwer gefallen zu glauben, dass so gebildete und intelligente Menschen zu so etwas fähig sind. "Ich kann das nicht vergessen", wiederholt Feivlovitsch ein ums andere Mal.
Auch den Lagerarzt Josef Mengele nicht, der die Selektion der Häftlinge vornahm, die Vergasungen überwachte und dadurch für den Tod Zehntausender Menschen verantwortlich war. Insgesamt mussten schätzungsweise 1,1 bis 1,5 Millionen Opfer ihr Leben im Vernichtungslager Auschwitz lassen. Feivlovitsch mag Mengele kaum beim Namen nennen. Als "den Teufel" bezeichnet sie ihn. Er war es, der auf den aufsteigenden Rauch eines Gebäudes deutete und verkündete: "Eure Familie ist verbrannt." Feivlovitsch weiß noch genau, wie sie die Hand ihrer Schwester festhielt und sie fragte: "Kann das möglich sein?" Es war möglich. Die Eltern gehörten mit ihren 48 Jahren nicht in die Gruppe der 15- bis 45-Jährigen, die für die Zwangsarbeit am Leben gelassen wurden. Auch ihr zwölfjähriger Bruder fiel dieser brutalen Auslese zum Opfer und wurde ermordet.
Die, die nicht sofort umgebracht wurden, klammerten sich ans Überleben. Sie mussten mit 150 Gramm Brot und einem Klecks Margarine pro Tag sowie verdrecktem Wasser auskommen, mehr gab es nicht zu essen und zu trinken. Den Frauen, die noch ihre Periode hatten, verabreichte man eine ungenießbare "rote Suppe", die mit Brom angereichert war, um sie "ruhigzustellen".
Betroffenheit in der Schulaula. Kein Mucks ist zu hören. Einige Schülerinnen und Schüler bekommen feuchte Augen oder wenden den Blick nach unten. Weghören ist unmöglich. Unbeirrt, laut und klar strukturiert berichtet Feivlovitsch von ihren Erlebnissen - von den Nächten, in denen sich zehn Mädchen ein Bett teilen mussten, von der Kälte, die sie in ihrem dünnen Kleid überstehen musste, und von ihrer Freundin, die unter den Augen der Nazis ein Kind gebar und es anschließend in einem Wassereimer ertränken musste.
Doch ihr und ihrer Schwester gelang es, Birkenau zu entkommen. Sie wurden in das Außenlager Salzwedel verlegt, wo sie in einer Munitionsfabrik arbeiteten. Auch dort stand die ständige Todesdrohung vor ihnen. Nur mit Glück, oder vielmehr durch die Willkür eines Hauptoffiziers überlebte Feivlovitsch die Qualen des Lagers. Als sie ihn aus dem Krankenbett verzweifelt anschrie, gefiel ihm ihre Frechheit. Nicht nur das. Wegen ihrer roten Haare nannte er sie neckend "meinen Rotfuchs" und auch ihre Deutschkenntnisse beeindruckten ihn. Er kommandierte sie in die Kleiderkammer ab.
1945 endlich befreiten amerikanische Truppen das Lager. Feivlovitsch und ihre Schwester machten sich sofort auf die Suche nach ihren beiden älteren Brüdern, fuhren nach Ungarn und suchten das alte Haus in Siebenbürgen auf. Dort wohnte mittlerweile jemand anderes, doch schließlich fanden sie ihre Brüder. Ein Jahr lang lebten die Geschwister gemeinsam im österreichischen Braunau. Als sie 1947 endgültig Deutschland verließen und nach Israel auswanderten, lernte sie ihren Mann kennen. Dieser hatte 19 Lager überlebt und seine Eltern und acht Geschwister verloren. Seine Ärzte baten ihn, das Erlebte aufzuschreiben und er verfasste vier Bücher.
Cipora Feivlovitsch konnte sich erst spät überwinden, über ihr Martyrium zu berichten. 1990 brachte sie ein Buch mit ihrer Geschichte heraus. Seit 1991 reist sie als Zeitzeugin in verschiedene Länder der Welt im Kampf gegen das Vergessen. Seit 2010 ist sie Gast in deutschen Schulen. Zur Oberschule Rockwinkel begleitete sie eine ihrer Töchter, die Feivlovitsch stolz vorstellt und im gleichen Atemzug verkündet, was sie damals nicht mehr zu hoffen gewagt hätte: "Ich habe eine großartige Familie, drei Kinder, 13 Enkelkinder und viele, viele Urenkel."



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