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Oberneuland. Es ist immer noch Dampf im Kessel: Die Unzufriedenheit von Schülerinnen, Schülern und Eltern mit dem auf zwölf Jahre verkürzten Abitur hält an. Das wird während des Abends mit der Reform-Kritikerin Birgitta vom Lehn im Ökumenischen Gymnasium (ÖG) deutlich. Etwa 40 Väter, Mütter, Lehrkräfte und Jugendliche sind gekommen, um der Buchautorin zuzuhören und ihren eigenen Unmut kundzutun.
Die Lilienthalerin Birgitta vom Lehn hat sich als Journalistin auf das Gebiet Bildung spezialisiert und ist Mutter von drei Söhnen, von denen zwei derzeit das achtjährige Gymnasium, kurz: G8, durchlaufen. Ihr Buch "Generation G 8. Wie die Turbo-Schule Schüler und Familien ruiniert" ist 2010 erschienen. Im ÖG liest sie prägnante Passagen vor und zitiert aus neuerer Literatur und Zeitungsartikeln. Ihr erstes Resümee: Es gibt eine sehr unterschiedliche Meinungen zu dem Thema. Auch über Gespräche mit Oberstufenlehrern und Hochschullehrern berichtet sie, wobei dabei die Kritik an sinkenden Leistungen und ungenügendem Wissensstand angehender Studenten vorherrscht. Es steige die Anzahl von Nachhilfekursen, sogenannten Repetitorien, an Universitäten. Dies bedeute, dass Erstsemester für viel Geld zunächst auf einen studienfähigen Wissensstand gebracht werden müssten - sowohl in den Naturwissenschaften als auch in etlichen anderen Fächern. Die Technische Universität München biete
mittlerweile ein Studium Naturale an, in dem im ersten Studienjahr nur die bestehenden Wissenslücken aufgefüllt werden.
Als Beleg für den steigenden Druck während der Schulzeit weist Birgitta vom Lehn auf eine Studie der Leufana Universität Lüneburg und einer Krankenkasse hin. Demnach ist der Alkoholkonsum bei Gymnasiasten drastisch gestiegen: Jeder Dritte der befragten Gymnasiasten betrinke sich regelmäßig, bei Jugendlichen anderer Schulformen sei die Zahl deutlich geringer. Eine Studie in Bayern habe gezeigt, dass die gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei Gymnasiasten von regelmäßigen Kopfschmerzen bis hin zu Rückenleiden erheblich gestiegen seien. Die Journalistin führt das vor allem auf Bewegungsmangel zurück, wenn Kinder nach 35 bis 38 Wochenstunden, die sie sitzend in der Schule verbringen, dann auch noch zu Hause sitzen, um Hausaufgaben zu machen und zu lernen.
Für die Journalistin steht fest, dass die Politiker bei der Entscheidung für das verkürzte Abitur "die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen nicht mehr im Blick hatten". Zudem seien die Entscheidungsträger von dem Problem gar nicht betroffen, weil sie meist selbst keine Kinder in dem Alter mehr hätten. Zum Ende ihres Vortrags beklagt sie die "Standardisierung auf niedrigem Niveau" und den Verlust von Individualität. Als Grund dafür nennt sie vor allem, dass die Jugendlichen schlicht keine Zeit mehr hätten, sich in Vereinen, Kirchengemeinden und auf anderen Ebenen zu betätigen.
In der Diskussion überwiegt unter den Besuchern eindeutig die Unzufriedenheit mit dem G8-System. Doch man fühle sich ohnmächtig, lautet der Tenor. Ein Vater verweist auf Schleswig-Holstein, wo Eltern sich massiv gegen G 8 gewehrt haben und es der Kultusminister den Schulen selbst überließ, ob sie G8 beibehalten oder G9 wieder einführen wollen. Die Runde im ÖG hält eine derartige Entwicklung in Bremen für unwahrscheinlich, weil es hier politisch eher gewollt erscheine, die Gymnasien zugunsten der Gesamtschulen und des Konzepts der Oberschulen zu schwächen.
Im Grunde sei das verkürzte Abitur kontraproduktiv, wenn die Zahl der Wiederholer steige und die Kinder die Schule letztlich mit weniger Wissen verließen, so das Fazit eines Vaters. Birgitta vom Lehn sieht es ganz ähnlich und weist darauf hin, dass einzelne Bundesländer wie etwa Bayern dazu übergehen würden, den Unterrichtsstoff in den Schulen zu kürzen, um den Druck erträglich zu halten. Einig sind sich die Diskussionsteilnehmer darin, dass eine verhängnisvolle Entwicklung durch G8 noch verstärkt werde: Weil die Herkunft sehr stark über Bildungschancen entscheide, würden künftig vermutlich noch weniger Kinder aus bildungsferneren Haushalten Abitur machen - schon weil das Geld für Nachhilfe fehle.
Zum Ende der Gesprächsrunde geht es um die Frage, wie man dem ungewollten System ein Schnippchen schlagen könnte. Erstaunlich viele Eltern sehen für ihre Kinder neben einem einjährigen Auslandsaufenthalt die Möglichkeit der "Ehrenrunde", also einem Wiederholungsjahr in der Oberstufe. So könne man das 13-jährige Abitur durch die Hintertür erreichen.



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