Als Kunden in eigener Sache haben hiesige Werbefilmer ein Problem: Cannes ist weit, und die deutsche Branche hat keine Ahnung, dass längst auch Bremer den Dreh raushaben. Das soll sich ändern: Spots gegen Spötter! Matthias Sabelhaus hat Konkurrenten gecastet. Eine Handvoll Werbefilmer spielt sich selbst. Auf Kinder, Tiere und Außenaufnahmen wird aus Kostengründen verzichtet, auf Kostüme und Maske ebenfalls. Frauen begnügen sich mit Nebenrollen: die fleißig aquarellierende Praktikantin, die Filmvorführerin, die publikumsscheue Regisseurin und die Chefin, die ihrem Kollegen souffliert Gedreht wird im großen Saal und im Foyer der Schauburg beim 68. Heimspiel des Filmbüros. Die Kamera läuft in den Köpfen. Die Stimmung am Set ist entspannt. Wichtigtuerfreie Zone, wie es scheint, und der Schein zählt viel in der Branche. Der Rest ist Einstellungssache.
Erste Einstellung: Bremen und die Region stehen glänzend da. Der 'Poliboy' aus der Fernsehwerbung ist ein waschechter Bremer. Nach 30 Jahren Fernsehabstinenz haben die Lilienthaler Hersteller der Möbelpolitur einen neuen Spot in Auftrag gegeben. In Bremen. 'Wir sind sehr naiv da rangegangen', sagt Thomas Lippick (docarts), der kein klassischer Werbefilmer ist und sich Matthias Sabelhaus für die Regie holte. Für die animierte Fassung haben die Macher sich die Ratte aus 'Ratatouille' angesehen und viel mit Playmobil-Männchen gespielt. Inzwischen läuft die dritte Staffel mit dem flinken, kleinen Putzteufel. 'Das größte Problem ist, dass keiner weiß, dass es Bremen gibt', glaubt Christian Dubuisson von der Montagehalle aus der Konsul-Smidt-Straße. Er hat den Glanz der Kunsthalle verbreitet, mit einem Spot für die Monetausstellung. 'Camille, c'est moi', sagt das Model in grünschwarzer Robe, das seinem eigenen Porträt entstiegen ist.
Zweite Einstellung: Warum in die Ferne schweifen, wenn ein Partner liegt so nah? Bremer bilden Teams. Niels Verhaag von der Gruppe für Gestaltung (GfG) ließ den Kinospot der swb noch in Babelsberg schneiden. 'Das hätte man genauso gut in Bremen machen können, hat sich hinterher herausgestellt.' Der Spot selbst ist in Bremer Kinos gelaufen: Eine Kaffeetrinkerin legt ihre Plüschpuschen neben den Gasherd, Kinder lassen einen Erwachsenen im Schwimmbad alt aussehen, ein Mann dirigiert zu Hause mit klassischer Geste - Heavy Metal. Die Melodie dazu gibt's sogar als CD und als Handy-Ton.
Dritte Einstellung: Nicht alles, was gedreht wird, wird auch gezeigt, damit muss man leben können. Henry Fried hat für das Heimspiel einen Möbelspot ausgegraben: Der Liebhaber versteckt sich im begehbaren Kleiderschrank, und der ahnungslose Ehemann macht das Licht an. Der Film ist nie gelaufen. Andere hat die Wirklichkeit eingeholt: Der Werbefilm für das Bremer Handwerk sei wegen des Erdbebens in Haiti zurückgestellt worden, meldet die Handwerkskammer.
Vierte Einstellung: Nur keine falsche Bescheidenheit! Frank Berszuck kennt 'Riesensets'. Er hat die Ausgründung der Ausstattungsabteilung von Radio Bremen miterlebt. Mit der Firma Bremer Bühnenhaus ist er seit 2006 Haus- und Hofdienstleister des Senders und dreht seit einem Jahr zugleich Industrie- und Imagefilme. 'Mit wachsender Begeisterung, sag ich jetzt mal.' Hamburg habe mehr Masse, räumt Berszuck ein, aber Bremen habe, abgesehen von einem eigenen Filmkopierwerk, fast alles. 'Wir sind, was die Technik angeht, auf dem neuesten Stand, wir haben Motive, die es in Hamburg nicht gibt, und die Leute hier sind noch nicht so satt.' Ein gelungenes Beispiel aus seinem Haus ist der unter der Regie von Katrin Hensel-Ovenden gedrehte Film für das Kinderhospiz Jona, ein sanfter, schwebender Spot für ein schweres Thema.
Fünfte Einstellung: Grips kann werbewirksam sein. Der Maler Michael Wolff, ein Spezialist für Dokumentationen und Industriefilme, hat für einen seiner Kunden, die Uni Oldenburg, unversehens auch eine Image-Kampagne gemacht. 'Professionelle Hirnerweiterung', der Spot der Bremer für die Oldenburger, ist voll eingeschlagen. Das ist, was die Kunden interessiert. Auch die Kreativen hoffen mehr auf den Effie, den Preis für umsatzsteigernde Film, als auf andere Auszeichnungen.
Sechste Einstellung: Große Budgets ersetzen keinen Sinn. Rainer Ludwigs hat die Flucht aus dem Werbeserail gewagt. Nach dem Studium an der Hochschule für Künste hatte er Karriere gemacht. Er arbeitete bei Grey in Düsseldorf, in einer Welt, in der Projekte mit sechsstelligen Budgets absurd normal sind, ein Meeting das nächste nach sich zieht und der Misserfolg im Zweifelsfall keine Väter hat. 30 000 Euro in drei Tagen verbraten? Keine große Sache, wenn man bedenkt, dass 20 Sekunden Werbezeit im Vorabendprogramm 80 000 Euro kosten. Ein Spot muss fünf Mal gesehen und dazu 100 Mal gesendet werden, wenn er wirken soll. Wie die neue Version der 'Punica-Oase', an der Ludwigs mitgearbeitet hat.
Von solchen Arbeitsbedingungen träumen andere im Saal. Ob er auch Nachteile sehe, will einer wissen. 'Die negative Seite war für mich', sagt Ludwigs und macht eine Kunstpause, 'der fehlende Sinn.' Der Regisseur und Grafikdesigner ist nach Bremen zurückgekehrt, lebt in Ottersberg, arbeitet für Bockfilm und für Image Building und sieht das 'als Erweiterung kreativer Möglichkeiten'. Die technischen Möglichkeiten, die er bei Grey gehabt habe, gebe es mittlerweile auf dem heimischen PC, sagt er. Sein bremischster Spot ist handcoloriert - eine Werbefilm für das Parkticket Plus der Brepark. Dass Bremen nicht größer rauskommt, liegt für Ludwigs auch daran, dass viele große Bremer Firmen von anderen geschluckt worden sind und dass diese internationalen Konzerne sich eben internationale Agenturen suchen.
Siebte Einstellung: Mit der Zeit gehen und den Humor nicht verlieren. Ulrich Bock ist vom kaufmännischen Angestellten der Bremer Nachrichten zum preisgekrönten Werbefilmer avanciert, der unter anderem 1996 das Prädikat 'Master of Excellence' für seinen Film über die Bremer Tageszeitungen ('Tag für Tag. Sonntags auch') erhalten hat. Vor 40 Jahren hat er seine ersten 'Commercials' gedreht, fast 36 Jahre lang hatte er seine eigene Firma, Bockfilm.
Von seinem ersten Chef hält er nach wie vor viel. 'Er war toll, aber er konnte nicht loslassen, und das war ein Riesenproblem. Er hat den großen Fehler gemacht, sich nicht in der Welt umzusehen.' Bock, der Jazzer, nutzte 'die Connections zu Hamburg', kannte gute Sprecher und spielte auf vielen Klaviaturen. Über die Leinwand der Schauburg flimmert sein früher Norda-Werbespot. Ein englischer Seebär wirbt nachsynchronisiert für den Fisch aus der Dose. 'Mit Okay-Daumen!', ruft Bock so triumphierend, als sei ihm die Idee gerade erst gekommen, und erntet Szenenapplaus. Der 74-Jährige legt einen nach: Für Wrigleys habe er ein bestimmtes Model aus den USA engagieren müssen. 'Weil sie ein tolles ,Loading' hatte.' Das Publikum brüllt vor Lachen, um dann gebannt zu verfolgen, wie sich die Kalifornierin ein Kaugummi zwischen die Zähne schiebt.
Aber das ist nichts gegen Elton Johns Katze. Ein trainierter, weißer Stubentiger sollte im Spot für ein Album der Achtziger durch ein Zimmer streifen, hier schnüffeln, da schnuppern, in einen Spiegel schauen und dann durch die offene Terrassentür auf ein weißes Piano zurennen, an dem ein Elton-John-Darsteller saß. Es lief perfekt, und das war das Problem. 'Der Kunde gibt so wahnsinnig viel Geld aus', sagt Bock mit heiterer Ironie, 'da kann man ihm nicht sagen, dass man die erste Einstellung genommen hat.' Werbung in Hamburg - das sei eben auch Showbusiness. 'Du bist Erfüllungsgehilfe', sagt Ulrich Bock. 'Und diese Hysterie ist mir auf den Wecker gegangen - ich bin dann zurück nach Bremen.'
Der Erfolg hat ihn sein Berufsleben lang begleitet. Selbst für einen Sieben-Sekunden-Spot, eine Werbung für 'so'n Schokoladendings' ('Daim ist mein ganzes Herz') hat Ulrich Bock einen Preis bekommen. Und wie viele erinnern sich noch an die Küchenszene für 'Wendelns Bestes', mit der energischen Frau in der Kittelschürze und Karl-Heinz ('und sonst keins')? Bock engagierte zwei Darsteller aus dem Waldau-Theater. Ihnen fiel es nicht schwer zu beteuern: 'Und anners kommt da nix nich? rein.'
Sein größter Erfolg, 'der absolute Hammer', sei der Warncke-Spot fürs Kino gewesen. 'Langnese hatte ,Like Ice in the Sunshine', sagt der Bremer Altstar. Damit war die Sonne tabu. Der Kunde schlug einen Spaziergang im Vogelpark Walsrode vor. Ulrich Bock wählte die gerade erst stillgelegte Zeche Zollverein. 'Eis in der Zeche, monochrom!' Wummernde Rhythmen ersetzten Maschinengeräusche. Tänzerinnen und Kumpel. Muskeln und Metall. Eis und Schweiß. Bock liebt diesen Spot.
Achte Einstellung: Erfolg muss den Charakter nicht verderben. 'Eine Hammer-Ausnahme', kündigt Mathias Sabelhaus eine Gruppe von ehemaligen HfK-Studenten an, die den 'Goldenen Effie' bekommen hat. 'The Soulcage Department' sitzt an der Plantage und pfeift auf repräsentable Räume. Kunden der sieben Bremer 3D-Charakter-Animateure, darunter Saturn aus Österreich, bekommen das kreative Findorffer Chaos gar nicht erst zu sehen, die geschäftliche Fernbeziehung wird vom Alltag nicht getrübt.
Nach Hamburg oder Berlin zu ziehen, reizt Elmar Wendeloh und seine Kollegen nicht. 'Natürlich hat Bremen sehr viel Potenzial', sagt Keweloh. 'Im Endeffekt zählt die Arbeit. Wir sind Dienstleister.' Sieben bis acht Spots mache Soulcage pro Jahr, im Moment seien vier gleichzeitig in Arbeit. Im Internet sind der tumbe 'Saturnator', der Weihnachtshase und die Wienerisch sprechenden Steckdosen unter www.soulcage-department.de zu sehen. Bremen animiert nicht? Da lachen ja die Ei-Tech-Hühner im Soulcage!


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