Etta Scollo äußert sich im Interview über Gedichte, Bremen und Freunde

 - 17.03.2010

'Die Poesie ist für mich schon Musik'

Von Monika Felsing
Östliche Vorstadt. Die 'Puisia Siciliana' ist ihre Inspiration: Kurz vor dem Welttag der Poesie kommt Etta Scollo aus Berlin nach Bremen. Die sizilianische Sängerin gastiert am Freitag, 19. März, im Bürgerhaus Weserterrassen am Osterdeich. Das Konzert ist ausverkauft. Am Montagmorgen telefonierte Monika Felsing mit Etta Scollo und sprach mit ihr über Poesie, Musik und gute Freunde.

Haben Sie heute schon gesungen?

Etta Scollo: Nein. Aber ich habe mir schon einen schönen Kaffee gemacht.

Singt man nicht mehr privat, wenn man beruflich singt?

Natürlich! Privat kommen mir die Ideen für meine Lieder.

Ihr neues Programm heißt 'La Puisia Siciliana'. Was verbindet für Sie die Poesie mit der Musik?

Die Poesie ist für mich schon Musik. Wenn ich ein Gedicht höre, fühle ich den Takt, die Melodie, die in dieser Poesie versteckt ist. Diese Spannung inspiriert mich. Da muss ich nicht groß meinen Kopf anstrengen.

Welche sizilianischen Dichterinnen und Dichter inspirieren Sie?

Ignazio Buttitta, ein zeitgenössischer Poet. Oder die arabischen Dichter, die die Basis für die Zukunft der sizilianischen Poesie geschaffen haben.

Haben Sie solche Gedichte in der Schule lernen dürfen - oder lernen müssen?

Diese nicht. Die habe ich später entdeckt. Ich liebe leidenschaftlich die Poesie. Ich lese viel, und ich stoße immer wieder auf etwas.

Welche deutschen Dichter lesen Sie denn gerne?

Goethe, sowieso. Schiller, Rilke. Aber auch Mascha Kaleko. Meine Agentin hat mir einen Gedichtband geschenkt, italienisch-deutsch. Die Übersetzungen hat eine deutsche Professorin gemacht, die in meiner Heimatstadt Catania lebt und unterrichtet. Von Mascha Kaleko hab ich auch zwei Stücke, aber nicht im neuen Programm. Sie ist so ironisch und so trocken, so witzig, sprudelig und auch tiefsinnig!

Mit Goethe hatten Sie in Bremen auch schon zu tun: Im Projekt 'Faust II' der Gesamtschule Ost und der Deutschen Kammerphilharmonie.

In Tenever, ja. Das war sehr, sehr bewegend, weil man merkte, dass die Kinder eine unglaubliche Energie haben. Ich bin sehr gern dabei gewesen. Bei der Premiere gab es eine kleine Panne. Das Band mit den Loops ist nicht gelaufen, und das war genau in dem Moment, als mich die 70 Kinder auf die Bühne getragen und rhythmisch 'Heldenwasser' und 'Heldenfeuer' geschrien haben.

Und das Band lief nicht. Wie haben die Leute reagiert?

Alle Erwachsenen waren so ein bisschen panisch. Ich selbst war eingewickelt, ich konnte nichts sehen. Die Kinder haben die Situation gerettet, wissen Sie, und das ohne ein Signal von außen. Sie haben weiter und weiter rezitiert, sich gedreht und gedreht, bis alles wieder synchron war. Das war ein Wunder, und das haben die Kinder gemacht. Das war wie bei den Bienen, die eine besondere Form von Intelligenz haben. Ich kriege immer noch eine Gänsehaut, wenn ich davon erzähle. Die Kinder sind so voller Hoffnungen, voller Illusionen, voller Energie. Die Gefahr ist, dass die Erwachsenen das kaputt machen.

Wenn Sie über die Kinder und ihre Illusionen sprechen, erinnert das an Leoluca Orlando, den Mafia-Gegner und früheren Bürgermeister von Palermo, der sich seine Hoffnung auf eine menschlichere Gesellschaft bewahrt hat. Sie haben ihm eine CD gewidmet. Kennen Sie Leoluca Orlando persönlich?

Ich bin mit der ganzen Familie, mit ihm, seiner Frau und seinen Töchtern befreundet. Solche Menschen wie ihn sollte es mehr geben, dann wäre die Welt in Ordnung. Er guckt immer, wie es besser werden könnte. Ein typischer Satz für ihn ist: Wenn zwei Leute darüber diskutieren, wie das Wetter ist, ob es schneit oder ob die Sonne scheint, und sie werden sich nicht einig und können keinen Kompromiss finden, dann sollten sie ans Fenster gehen und nachsehen. Er ist ein Politiker ohne Rhetorik. Er spricht eine einfache und verständliche Sprache.

Und wie denken Sie über Bremen?

Ich mag Bremen, es ist eine schöne Stadt, eine schlichte, offene, lustige. Und es ist eine Kulturstadt, obwohl es keine reiche Stadt ist. Die Künstler in Bremen sind aktiv, da passiert was. Die Bremer können Weltkultur erleben, ohne lange Wege zurücklegen zu müssen: Ein Idealbild! Als ich in der Glocke war und als ich in Tenever mit den Kammerphilharmonikern gearbeitet habe, war ich von der Professionalität der Leute beeindruckt. Das sind alles ganz tolle Menschen!

Diesmal treten Sie wieder im Bürgerhaus Weserterrassen auf, in einem kleinen Rahmen. Große Gagen sind da nicht zu erwarten? Wieso singen Sie dort trotzdem?

Ich komme immer wieder gern ins Bürgerhaus Weserterrassen. Das war einer der ersten Orte, wo ich gespielt habe.

Wissen Sie noch, wann das war?

Lange her. Die Engländer nennen es affection. Es ist so ein zärtliches Gefühl. Ich hänge sehr an Orten, wo ich etwas Besonderes erlebt habe. Das ist wie auf Welttournee zu gehen und in ganz tollen Restaurants zu essen. Und dann freut man sich, wieder bei Mamma zu sein, und sie kocht die Spaghetti! In diesem Jahr mache ich ein großes Projekt in Palermo: Alice im Wunderland. Und ich singe auf Festivals. Ab und zu ist es aber auch toll, eine Tour zu machen und die alten Freunde zu besuchen: Lasst uns gucken, wie es Tante Ilse geht!

In Bremen haben Sie nicht nur eine Fangemeinde, Sie hatten auch eine Freundin, die Komödiantin Francesca de Martin, die vor kurzem gestorben ist.

Francesca werde ich sehr, sehr vermissen. Wir haben uns nicht viel getroffen, aber wir hatten so einen Draht. Es war ein schönes Gefühl, sie zur Freundin zu haben. Sie war eine phantastische Frau.

Werden Sie einiges von den Gefühlen für Menschen und Orte, die Sie jetzt beschrieben haben, in Lieder verwandeln?

Ich schreibe immer, kein Tagebuch, aber ich mache mir Notizen, Fotos, und es kann passieren, dass es im Nachhinein Lieder werden. Manchmal ist es ein Prozess, in dem die Dinge von früher wieder hochkommen und eine neue Form finden - und das ist die Musik. Ich glaube nicht an die Zeit. Das Gestern kann wieder auftreten in drei Jahren. Die Zeit ist ein Chaos, sie wirbelt herum, sie ist frei.

Die Zeit ist frei? Sie haben doch sicher einen Terminkalender.

Aber ich nehme mir die Zeit.

Haben Sie einen besonderen Wunsch für Ihren Auftritt in Bremen?

Ich habe einen Wunsch, aber das darf ich nicht sagen.

Sagen Sie bloß, Sie sind abergläubisch.

Nein. Aber ich habe einen großen Wunsch, es ist etwas Persönliches. Ich wünsche mir, dass es einem lieben Freund ganz gut geht.

Das ist wie bei Liedern und Gedichten: Wer das Unausgesprochene versteht, fühlt sich persönlich angesprochen.

Genau.

In diesem Sinne: Viel Erfolg! Und möge Ihr Wunsch in Erfüllung gehen. In bocca al lupo! (italienisch: Ins Maul des Wolfes!)

Crepi il lupo! (Die rituelle Entgegnung: Der Wolf krepiere!). (Etta Scollo lacht). Klingt gemein.

Die sizilianische Sängerin Etta Scollo hat unter anderem die Lieder von Rosa Balistreri wiederentdeckt, singt aber auch Jazz und macht Projekte mit Philharmonischen Orchestern, wie 2009 an der GSO Bremen.
Die sizilianische Sängerin Etta Scollo hat unter anderem die Lieder von Rosa Balistreri wiederentdeckt, singt aber auch Jazz und macht Projekte mit Philharmonischen Orchestern, wie 2009 an der GSO Bremen.




Finden Sie Artikel aus Bremen

  • Vahr
  • Alte Neustadt
  • Überseestadt
  • Findorff-Bürgerweide
  • Ohlenhof
  • Peterswerder
  • Huchting
  • Blockdiek
  • Grolland
  • Neustadt
  • Hohentor
  • Hohweg
  • Neuenland
  • Mahndorf
  • Weidedamm
  • Seehausen
  • Neue Vahr Südwest
  • Östliche-Vorstadt
  • Mitte
  • Hastedt
  • Sebaldsbrück
  • Steffensweg
  • Arsten
  • Ellenerbrok-Schevemoor
  • Neustädter Hafen
  • Bremen
  • Ostertor
  • Schwachhausen
  • Blockland
  • Arbergen
  • Gröpelingen
  • Horn-Lehe
  • Strom
  • Utbremen
  • Radio Bremen
  • Mittelshuchting
  • Rablinghausen
  • Fesenfed
  • Kattenturm
  • Neu-Schwachhausen
  • Gete
  • Industriehäfen
  • Borgfeld
  • Lindenhof
  • Hemelingen
  • Buntentor
  • Hohentorshafen
  • Oberneuland
  • Sodenmatt
  • Häfen
  • Osterfeuerberg
  • Findorff
  • Pusdorf
  • Osterholz (Stadtteil)
  • Altstadt
  • Steintor
  • Gartenstadt Süd
  • Riensberg
  • Ellener Feld
  • Lehe
  • Bahnhofsvorstadt
  • Obervieland
  • Huckelriede
  • In den Hufen
  • Horn
  • Lehesterdeich
  • Kirchhuchting
  • Gartenstadt Vahr
  • Oslebshausen
  • Regensburger Straße
  • Woltmershausen
  • Habenhausen
  • Neue Vahr Nord
  • Bürgerpark
  • Hulsberg
  • Hafen
  • Kattenesch
  • Neue Vahr Südost
  • Südervorstadt
  • Westend
  • Walle
  • Barkhof
  • Tenever
  • Östliche Vorstadt
  • In den Wischen

Traditionelle Verlosung

Die Bürgerpark-Tombola hat wieder begonnen. Sind sie genervt von den dauernden Gewinnversprechen per Lautsprecher?

56% (302 Stimmen)
Ja, das ist auf Dauer störend.
44% (234 Stimmen)
Nein, es geht ja um einen guten Zweck.

WESER-KURIER Kfz-Markt

Suche nach Einträgen

TOP in Bremen


Wetter - Samstag, 04. Februar

Temperatur:
-6°C / -15°C
Vormittag: heiter Nachmittag: heiter
0%   Regenwahrscheinlichkeit:
Das Wetter wird präsentiert von

Aktuelle Ratgeber-Themen aus Bremen

Verbrauchertipps rund um Freizeit, Karriere und Leben in Bremen stellen wir hier regelmäßig zusammen.

Finanzen: Steuertipps zum Jahresende

Verkehr: Sicher fahren mit Weihnachtsbaum

Wohnen: Spartipps der Verbraucherzentrale

Gesundheit: Tipps gegen Erkältung und Grippe

Versicherungen: Schutz bei Starkregen

Verkehr: Der ADAC-Winterreifentest

Sparen: Rechner und Vergleiche

Traueranzeigen aus Bremen

Suche nach Einträgen

Hier finden Sie Traueranzeigen aus WESER-KURIER, Bremer Nachrichten und Verdener Nachrichten.

Stadtführungen durch Bremen

Bremen entdecken – sei es als Tourist beim ersten Besuch oder als Alt-Bremer, der seine Stadt einmal unter einem neuen Aspekt erkundschaften möchte. Wir stellen in unserer Serie verschiedene Stadtführungen vor, die nicht alltäglich sind. Kultur-Jogging im Hafen, Bremens Unterwelten oder Schätze im Bürgerpark - auf unserer Sonderseite finden Sie alle bisher erschienen Rundgänge.

Informationen zu Finanzen

Sport in Bremen

Hier gibt es die Sportmeldungen aus Bremen.

WESER-KURIER Kundenservice

Unsere Leser...

...schreiben im Forum
...kommentieren Artikel
Bürger machen Druck
admiral41 am 04.02.2012
Wie tickt die Frau Reichert, frage ich mich, denn wenn sie tatsächlich den A14 Job für 5Jahre…
Bremer DGB-Chefin kritisiert CDU-Pläne
PHK24 am 04.02.2012
Das Ergebnis einer Studie (Organisation für Wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit /…

Veranstaltungen

Suche nach Einträgen

Das Jugendportal des WESER-KURIER

Events, Partypics, Szene-News und mehr »

Tickets

Karten für Theater, Konzerte und andere Veranstaltungen gibt es in unserem Ticketshop. mehr »