80 Fachkräfte tauschen sich bei Workshop in Tenever über Kindeswohlsicherung aus

 - 09.01.2012

"Was hat sich nach dem Fall Kevin geändert?"

Von edwin platt
Tenever. 80 Vertreter von Institutionen und Menschen, die sich täglich um das Kindeswohl bemühen, haben sich im OTe-Saal des Mütterzentrums Osterholz zu einem Workshop zusammengefunden. Ihnen allen ging es um die Frage, welches Handeln sinnvoll ist, wenn der Verdacht im Raum steht , dass ein Kind durch Eltern, Angehörige oder andere nahestehende Personen gefährdet ist. Denn welch fatale Auswirkungen es haben kann, wenn nicht genau hingesehen wird, das wissen alle. "Hat sich nach dem Fall Kevin etwas geändert?", lautet die einfache Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt.

Eine komplette Überwachung von Kindern und Jugendlichen sei nicht möglich. Das weiß auch Ilona Weier-Mindermann, die im Kinder- und Familienzentrum Regenbogenhaus in der Koblenzer Straße arbeitet. Das Haus ist eine Einrichtung von Kita Bremen, bei der insgesamt über 8000 Kinder in Horten, Krippen, Kindergärten oder Familientreffpunkten angemeldet sind. Ilona Weier-Mindermann hat den Austausch und das Treffen zur Kindeswohlsicherung mitorganisiert, der Vorbereitungsprozess nahm Monate in Anspruch, bis 80 Profis von Einrichtungen aus Tenever, dem Schweizer Viertel und Osterholz zum Workshop kamen. Dabei war aber beispielsweise auch Schattenriss aus Gröpelingen, eine Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch.

Kein Verdacht gleiche dem anderen, und bei jedem Verdachtsfall sei es wichtig, den richtigen Weg zu finden, so der Tenor beim Workshop. Ein einziger Verdacht dürfe nicht zur Verurteilung führen und dürfe bestehende Vertrauensverhältnisse in der Umwelt des Kindes nicht zerstören. Der Austausch untereinander, in den Einrichtungen, aber auch zwischen den einzelnen Stellen, sei dabei ein wesentliches Element. In einem Verdachtsfall sollten bei einer anonymisierten Fallbesprechung im ersten Schritt Kollegenmeinungen eingeholt werden. Bei diesem vertraulichen Gespräch würden keine Namen genannt.

Häuften sich Verdachtsmomente oder Warnhinweise aus Schule, Kindergarten oder Sportverein, könne gemeinsam ein Schritt zur Klärung des Sachverhalts eingeleitet werden, raten die Experten. Das könne ein Gespräch mit den Betroffenen sein, oder die Informationen könnten an die Sozialbehörde weitergegeben werden. Die Sozialbehörde entscheide dann über das weitere Vorgehen und werde sich ein reales Bild machen.

Der Workshop war wichtig: "Hier haben sich alle kennengelernt und über das Thema ausgetauscht. In einer Aktion haben wir die Verbindungen untereinander auf große Stellwände gezeichnet. Dabei ist deutlich geworden, wo keine Verbindungen bestehen. Und jeder hat die Kompetenz der Kollegen in diesem Thema wahrgenommen. Das schafft Vertrauen untereinander", betonte Ilona Weier-Mindermann.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die über wenig Erfahrung mit dem schwierigen Themenkreis verfügten, seien sehr gestärkt worden. Und erfahrene Pädagogen haben aus den Vorträgen des Senatsvertreters und des Jugendamts einen aktuellen Stand geltender Bestimmungen und Rahmenrichtlinien erhalten. Nach den Vorträgen wurden beispielhafte Szenarien besprochen und mögliche Abläufe zwischen Einrichtungen für Kinder und Ämtern aufgezeigt.

Im formal einfachsten Fall, der Gefahr im Verzug, sei jeder Bürger zur Hilfe aufgerufen. Aber wie viele blaue Flecken unter Kinderhaut begründen einen Verdacht gegen Eltern? Was tun, wenn das kleine Mädchen täglich vom Vater mit Alkoholfahne per Auto in den Kindergarten gebracht wird? Wie ist auf starke Verhaltensveränderungen Schutzbefohlener zu reagieren? Darf man Angehörigenaussagen immer trauen?

Der Workshop zeigte,wie engagiert sich die Einrichtungen dieser Fragen annehmen. Praxisnahe Wege für den Umgang mit einem Verdacht wurden beschrieben, Stichworte sind Achtsamkeit, Vernetzung und das Wissen um fachliche Kompetenz in den Einrichtungen. Das solle die Hilflosigkeit überwinden helfen, die sich gelegentlich einstelle.

In dem Workshop ist die Vernetzung nicht nur an den Stellwänden sichtbar geworden. Ein aktives und wachsames Netzwerk zur Kindeswohlsicherung besteht bereits, wie auch die Vielzahl der Teilnehmer bewies. "Wer einen Verdacht hegt, kann sich an unsere Einrichtungen wenden", sagt Ilona Weier-Mindermann aus dem Bewusstsein heraus, dass dieses Netzwerk tragfähig ist. Eine Zahl, wie vielen Verdachtsfällen jährlich in Bremen nachgegangen wird, wurde nicht genannt. Kita Bremen ermittelt Zahlen für eigene Einrichtungen: Danach erhalten über 500 der bei Kita Bremen angemeldeten Kinder Hilfe zur Erziehung. "Eltern wollen immer das Beste für ihre Kinder, aber sie sind zunehmend damit überfordert", lautete denn auch ein Fazit des Workshops.





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