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Schwachhausen. Eine Leinwand würde der beinahe aggressiven Arbeitsweise der Künstlerin Brigitte Tüttelmann nicht standhalten, denn das Material gibt nach. "Ich kratze sehr gern", sagt Tüttelmann. Aus diesem Grund braucht die Künstlerin einen harten Untergrund, wenn sie ihr Bild mit ihren Werkzeugen bearbeitet. Sie bevorzugt Edelstahlplatten, auf die Acrylfarbe gemalt und dann stellenweise wieder abgekratzt wird. Die freigelegten Stellen wirken wie ein Spiegel, in dem die Betrachter sich selbst erblicken können.
Tüttelmanns Werke sind jetzt im Haus der Kassenärztlichen Vereinigung in der Ausstellung "abstrakt, gekratzt" zu sehen, die auch Arbeiten in Wachstechnik zeigt. Brigitte Tüttelmann trägt die Wachsfarbe auf Pappe auf, weil die glatte Oberfläche des Metalls nicht dafür geeignet sei, wie sie erklärt.
Bei einem Besuch einer Ausstellung mit Werken von Paula Modersohn-Becker war die 65-Jährige auf die Wachstechnik der Enkaustik aufmerksam geworden. Modersohn-Becker benutzte sie für Bilder auf Schiefertafeln. "Das fand ich total faszinierend", sagt Tüttelmann. Bald ging die Bremerin daran, ihre ganz eigene Technik zu entwickeln. Wachs wurde schon im alten Ägypten um 3200 vor Christus als Bindemittel für Farbpigmente verwendet. Ihre Blütezeit erlebte die Technik in Ägypten um 2000 vor Christus bis in die griechisch-römische Antike. Heute werden üblicherweise elektrisch geheizte Malgeräte verwendet. In der griechischen Antike wurden entweder kalte Farben mit heißen Spachteln aufgetragen und anschließend durch Hitzeeinstrahlung - zum Beispiel mit Hilfe eines glühenden Eisens - eingebrannt oder heißflüssig auf Stein, Holz oder Elfenbein aufgebracht.
Grobe und zarte Effekte
Brigitte Tüttelmann möchte "den Widerstand beim Kratzen spüren". Aus diesem Grund komme der Einsatz von Hilfsmitteln wie etwa eines Lötkolben bei der Verarbeitung des Wachses für sie nicht in Frage. Sie erhitzt das Wachs in Gläsern im Wasserbad und trägt es dann auf den Maluntergrund auf. Zum Verarbeiten benutzt Tüttelmann unterschiedliche Werkzeuge: "vom Spachtel bis zum Kartoffelschälmesser". Wie bei ihrer Acrylmalerei auf den Metallplatten erzeugt Tüttelmann durch Kratzen oder Einritzen die unterschiedlichsten Ergebnisse. "Manchmal ist das Wachs ganz dick und grob mit verschiedenen Tiefen", erklärt sie. "Und dann gibt es wieder zarte Verläufe, sodass Effekte wie mit Aquarell erzeugt werden können."
Das von der Künstlerin freigelegte Metall wiederum lässt Reflexionen zu, sodass "der Betrachter durch die Spiegelung zu einem Teil des Bildes werden kann", berichtet die ehemalige Kunsterzieherin. Die Motive ihrer Bilder hätten einen starken Bezug zum Naturalismus. "Das Abstrakte, das die Betrachter wahrnehmen, ist letztendlich als Bild in den Menschen vorhanden", glaubt Tüttelmann.
Die Kulturwissenschaftlerin und Kunstpädagogin Christine Holzner-Rabe sagt über Tüttelmanns Schaffensprozess: "Die Inspiration bekommt sie bei ihren Spaziergängen und Reisen, bei denen die Künstlerin die Natur intensiv erlebt und mit einem beeindruckenden Handwerk umsetzt."Das Bild mit dem Titel "Windsbraut" fertigte Tüttelmann nach einem Besuch in Lettland an. Dort hatte sie zwei Wochen im Freien gearbeitet: "Die weite Landschaft und das Leben der Menschen dort haben mich dazu inspiriert." Das Kunstwerk zeige die "Verwehungen des Landes".
Die Ausstellung in der Schwachhauser Heerstraße 26/28 läuft bis zum 23. April und ist montags bis donnerstags von 8 bis 16 Uhr sowie freitags bis 14 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei. Zeitgleich läuft die Ausstellung " Vis-à-vis" der Künstlerin in der Knochenhauerstraße 20-25.


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